Sanchas Hofnarr

Ein kleiner Service für meine treuen Leserinnen und Leser – die erste von sechs (veröffentlichten) historischen Kurzgeschichten:

Sancha, die Gräfin von Toulouse,
vormals Prinzessin von Aragón (1186-1242)
und ihr Hofnarr Falk von Hagelstein
lernen sich kennen:

Hat jemand seine Ruhe gern,

 dann bleibe er den Fürsten fern … „

 (Freidanks Bescheidenheit, 73,10)

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1. Geschichte:

Draußen heulte der Wind …

Meine liebe Sancha, die wohl schwierigsten Verhandlungen meines Lebens stehen an“, klagte Roç von Toulouse, als stünde er – jung und verwegen! – bereits am Rande des Greisenalters. Erneut machte er Anstalten, sich nach der Verrichtung seiner ehelichen Pflicht davonzustehlen. „Ich brauche meine Kraft und werde in der nächsten Zeit schier unablässig in Staatsgeschäften unterwegs sein.“

Sancha, gefasst, hätte ihren Gemahl gern gefragt, ob sich unter seinen Staatsgeschäften auch Rosaire, die blutjunge Magd befand, die von ihm schwanger war, doch ihr Stolz und die Vernunft geboten ihr, darüber zu schweigen.

Montfort, der Heerführer der Franzosen, hat sich bereits die Provençe und die größeren Städte am mare nostrum einverleibt“, fuhr Roç fort, während er sich ankleidete. „Wir müssen höllisch auf der Hut sein. Derzeit erwartet er frische Truppen. Nun, ängstige dich nicht, Sancha, meine Ritter und ich werden dafür sorgen, dass sie sich nicht mit ihm vereinigen. An List und Gerissenheit sind wir mit den Franzosen gleichauf.“

Befinden sich auch wieder Kreuzfahrer aus Alemannien darunter? Und haben wir genügend Späher, die diese Sprache beherrschen?“

Späher?“ Roç schüttelte den Kopf. „Nichts liegt ferner, aber die Alemannen versteht sowieso keiner, wenn sie unter sich sind. Du denkst doch nicht etwa an diesen Hagelstein? Merkwürdiger Mann. Ist ihm zu trauen?“

Sancha drehte sich um und sah Roç beim Anziehen der Beinlinge zu. Weil noch allerlei Feuergefunkel im Kamin herrschte, schimmerte die eine Hälfte seines Gesichtes wie ein roter Apfel.

Ich lege die Hand für ihn ins Feuer“, sagte sie leise. „Es geht schließlich um das Land deines Vaters. Um dein Land, dein Erbe! Der Narr würde alles tun, um uns zu helfen.“

Dir vielleicht, meine Liebe, dir würde er helfen! Weshalb nennt man ihn eigentlich einen Narren? Er ist doch kein Zwerg und trägt auch kein Schellenkleid?!“

Sancha setzte sich auf, strich sich das lange schwarze Haar hinter die Ohren und lachte leise. Im Halbdunkel schimmerten ihre nackten Brüste wie Marmor. „Als ich Falk von Hagelstein kennenlernte, sagte er zu mir, er wolle lieber ein Narr sein, denn der weise Mann, für den ich ihn damals hielt. Aber das ist eine lange Geschichte. Dir würde ich sie gerne erzählen. Hast du noch ein wenig Zeit?“

Roç hielt mit dem Ankleiden inne. Er hob die Achseln. „Zeit habe ich keine, wie du weißt“, meinte er gleichmütig, ,,aber wenn ich ihn als Späher in meine Dienste nehmen soll, muss ich alles über ihn wissen, jede Kleinigkeit. Nimmt der Feind ihn gefangen, könnte dies weitreichende Folgen für Toulouse haben. Wer ist er also, dein Narr, woher kommt er und wie hast du ihn kennengelernt?“

Sancha ergriff ihren halbvollen Becher mit Wein und leerte ihn auf einen Zug. Sie freute sich, dass Roç von der Neugierde gezwickt wurde, dachte aber zugleich, wie fatal es doch war, dass sie Falk besser kannte als ihren Ehemann.Hagelstein?“, sagte sie nach einem tiefen Seufzer,

 Ich habe manchen Mann gekannt,

der Gold gesucht und Kupfer fand.“

 Ist dieser Reim von dir gemacht?“ Roç legte sich zurück aufs Bett.

Nein, er stammt aus der Feder eines alemannischen Dichters namens Freidank, der Hagelsteins Leben tief geprägt hat, trifft aber in gewisser Weise auch auf den Narren selbst zu. So lass dir erzählen, wie ich auf Falk traf …“

Sancha war elf Jahre alt gewesen, dürr, hässlich, eigenwillig und frühzeitig darauf bedacht, ihren Damen und dem verhassten Hofkaplan, der sie Latein lehrte, zu entwischen. Eingehüllt in einen alten Kapuzenumhang, der für gewöhnlich in der Gesindekammer hing, strich sie mit dem erregenden Gefühl von Freiheit im Bauch durch die Gärten und Höfe des Castillos, sich einbildend, dass niemand sie erkenne. Es war, als suchte sie draußen, was sie im Schloss von Zaragoza nicht fand: Das richtige Leben. Doch was machte ein richtiges Leben aus? Beim Waffen- und Rothschmied, mit dem sie sich oft unterhielt, hatte sie es nicht gefunden, auch nicht bei Meister Ibrahim, dem maurischen Steinmetzen. Es war der Runde Turm, der sie anzog wie angeblich der Bernstein den Staub, denn es handelte sich um die Richtstätte und das Gefängnis in einem. Schon von weitem konnte man die Schreie der Gefangenen hören. Die Hände in die Hüften gestemmt, oft nur auf einem Bein stehend, wie ein Storch, und den Kopf weit in den Nacken gelegt, starrte sie wie gebannt hinauf, wo vom Knie des alten Galgens die Schlinge baumelte. Bedauerlicherweise hing dort nie jemand. Manchmal saß allerdings die weißgraue Eule auf dem Galgen, die sonst unter dem Dach hauste. Sancha mochte die Eule. Sie hielt Zwiesprache mit ihr. Bei einem dieser Ausflüge hatte sich Sancha dem Aufseher des Turms zu erkennen gegeben und ihm befohlen, sie durch das „Angstloch“ sehen zu lassen. Das Loch war mit schweren Eisenstäben vergittert gewesen und die Gefangenen in der Tiefe hatten unflätige Flüche gebrüllt, mit ihren Ketten gerasselt und ihr mit der Faust gedroht. Erschüttert, auch wegen des Gestanks, war Sancha aus dem Turm geflohen und hatte sich draußen in den Schatten gesetzt, den Rücken an einen alten Schuppen gelehnt, um nachzudenken. Der Versuch, die Schreie den Gesichtern zuzuordnen, die sie noch immer im Kopf hatte, misslang. Plötzlich vernahm sie hinter sich ein Geräusch. Als sie aufsprang, wäre ihr fast die Bank, eine wacklige Bohle, auf die Fersen gefallen. Was war das? Befand sich in der Hütte eine Katze mit Jungen?

Neugierig spähte sie durch ein Astloch. Ein helles blaues Auge starrte in ihr braunes! Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. War einer der Todgeweihten aus dem Loch ausgebrochen und hatte sich hier versteckt? Sancha wäre nicht sie selbst gewesen, wenn sie die Wachen gerufen hätte.Wer bist du?“, fragte sie stattdessen neugierig und riskierte einen weiteren Blick.

Hagelstein mag mein Name sein“, gab ihr eine spöttische, aber wohlklingende Stimme zur Antwort.

Aglstein? Aglstein? Merkwürdiger Name. Ich nenne dich Blauauge. Lebst du oder versteckst du dich hier, Blauauge?“ Sie hörte einen tiefen Seufzer.

„Es gibt etliche, die durchziehen das Land gleich wie eine Laus ein` alten Belz, junge Dame, allein Ehr` und Herrlichkeit dadurch zu erlangen, dass …“

 Sancha konnte nicht anders, sie musste lachen. „Ehr` und Herrlichkeit für eine Laus im Pelz? Du sprichst so komisch, wo kommst du her?“

Aus tiutschen Landen mag ich kommen, Blitz und Donner, wo es derlei blau Augen vil gibt, und eyn Wort oder drey weiß ich wohl in deiner Sprach zu sprech`, auch wenn die Wort` nicht oft recht sind. Ich studier` vil Jahr an hohen Schulen, bis ich möcht` reisen in ferne Lender, doch zuvor zum finstern Stern beim San Jacob zu Compostel.“

Ach so, du bist ein Wallfahrer auf dem Weg zum Heiligen Jakobus!“

Das möcht` so sein, hungrig und durstig bin ich auch.“

Sancha kicherte. Das blaue Auge redete mindestens ebenso schnell wie der „Pferdeschwanz-Fall“ in der Sierre-Madre sein Wasser vergoss. Was sie sich irgendwann zusammenreimte, war, dass ihn ein Hund in die Wade gebissen hatte. In der Hoffnung, ein bestimmter Ochsenkarren bringe ihn hinaus aufs Land, hatte er sich unter der Ladung versteckt, bei Einbruch der Dunkelheit jedoch festgestellt, dass er sich auf dem streng bewachten Gelände des Castillos befand.

Er würde gern ein paar Tage hierbleiben, in dieser Hütte, hatte „Blauauge“ gemeint, wenigstens so lange bis die Wunde verheilt sei und er wieder laufen könne, doch nachdem er in Zaragoza niemanden kenne, müsse er wohl oder übel, über kurz oder lang, verhungern und verdursten. Ach, aber zuvor hätte er noch ein wirklich dringendes Bedürfnis, das er nicht hier in der Hütte verrichten wolle …

Sancha hatte es als ihre Christenpflicht angesehen, einem Pilger zu helfen. Sie verbarg den rotseidenen Beutel, den sie mit sich herumschleppte, unter ihrem Umhang, gab sich dem Mann gegenüber als Küchenmagd aus und erklärte ihm den Weg zu den Latrinen, denn das erschien ihr als das Vordringlichste. „Du kannst jetzt rauskommen. Die Luft ist rein.“

Mit einem erleichterten Aufstöhnen und einem neuerlichen „Blitz und Donner!“ war ein langer Kerl aus dem Verschlag gestürzt, das Haar gelber noch als die Ginsterblüte im Frühling, und in höchster Eile an ihr vorüber in Richtung Steg gehumpelt.

Und wenn dich unterwegs einer aufhält, Blauauge“, hatte sie ihm hinterher gerufen, „so sage, Sancha habe es dir erlaubt. Mich kennt hier jeder!“

Von dieser Stunde an hatte sie Hagelstein unter ihre Fittiche genommen, ihm sauberes Linnen zum Verbinden seiner Wunde gebracht, frische Kleidung, die sie aus der Gesindekammer stahl, Wasser, Wein, Brot und Käse. Dieser Mensch gehörte ihr, ihr ganz allein. Bald saß sie im Inneren des Schuppens zu seinen Füßen, um ihm zuzuhören, wenn er von seinen Reisen erzählte, oder aber sie studierte an seiner Seite das wertvolle Buch, das er mit sich herumschleppte und als seinen größten Schatz bezeichnete. Dabei kugelte sie sich oft vor Lachen über seine verschlungene Rede. Doch sie verbesserte ihn auch, lehrte ihn neue Wörter und schalt ihn einen Narren, wenn er sich absichtlich dumm stellte, nur um sie zum Lachen zu bringen, denn er kam ihr klüger vor als jeder andere, der sich vor ihr im Castillo aufplusterte.

Am vierten Tag, der Hundebiss war schon verschorft, brachte sie ihm neben einem gebratenen Huhn eine fünfschwänzige blaugraue Narrengugel, die ihm nach ihrem Dafürhalten ausnehmend gut stand. Sie hatte sogar ihren wertvollen Spiegel mitgeschleppt und drängte Hagelstein ans Tageslicht zu treten und sich darin zu betrachten.

Irritiert runzelte er die Stirn, als er in den Spiegel sah. Er machte absichtlich eine hochnäsige Miene und meinte:

 Was mich auch stets mit Freud erfüllt,

 ist ein ein gar trefflich Heiligbild!“

 Sancha jubelte. Genauso hatte sie sich ihren „trefflichen Hofnarren“ vorgestellt, sollte sie einmal Königin werden. Jetzt musste sie ihn nur noch dazu bringen, dass er die schellenbesetzten Beinlinge anzog, die sie heimlich beim Schneider in Auftrag gegeben hatte, ein Bein grün, das andere rot, beide besonders lang geschnitten, dann würde sie Blauauge vor Pedro, den König, schleppen …

        Draußen heulte der Wind und die Dachsparren knarzten …

 Möchtest du noch einen Schluck Wein, Liebster?“

Als Roç dankbar nickte, erhob sich Sancha, nackt wie sie noch immer war, um die hohe Cimarre zu holen, die drüben auf dem Tisch stand.

Roç setzte sich auf, schob sich ein Kissen in den Rücken und hielt ihr den Becher entgegen.

Beim Einschenken überlegte sie kurz, ob sie ihrem Mann auch von der lächerlichen Posse berichten sollte, die Falk von Hagelstein um ein Haar den Kopf gekostet hätte. Sancha ahnte, nein, sie wusste, dass Roç sie nicht mochte. Ihr Herz ließ sich nicht täuschen. Die Gründe waren vielfältig. Da war der große Altersunterschied. Fast zwölf Jahre. Kein Wunder, dass er an Rosaire hing. Aber konnte sie, Sancha, Roç nicht wenigstens eine Stütze sein? Eine Ratgeberin in allen Belangen? Er musste unbedingt lernen, ihr zu vertrauen! Deshalb gab sie sich einen Ruck und schwatzte – selbst befeuert vom rotschimmernden Wein – unbeirrt weiter …

Nachdem sie Blauauge ins Castillo geschmuggelt und ihm im Dienstbotenbereich eine Kammer zugewiesen hatte, für die sie allein den Schlüssel besaß, gab sie sich ihm gegenüber als Prinzessin zu erkennen, freute sich diebisch über sein Erschrecken, und bereitete ihn auf seine erste Audienz bei Pedro vor. Sie lehrte ihn die Höfischkeit, feilte täglich an seiner Sprache und schleppte zu diesem Behufe Heiligenviten, Fabelsammlungen und Romane an, um ihm daraus vorzulesen.

Die Lehrstunden in den artes liberales, die sie ihrem Schützling erteilte, bereiteten ihr höchstes Vergnügen. Sie selbst glaubte nämlich, längst ausreichend in Latein, Rechnen, Schriftkunde und Musik geschult zu sein. Sogar mit den Gesetzen über Grund und Boden sei sie vertraut, tat sie sich vor ihm hervor, sowie mit den Tugenden und Aufgaben, die sie später an der Seite eines Fürsten oder Königs würde wahrnehmen müssen. „Glaub mir, Blauauge, ich spreche selbst Roman und Frances – für den Fall, dass mich mein Bruder ins Ausland verheiratet. Und das Credo, bei Gott, aber auch das Vaterunser, die Psalmen und wichtigsten Glaubensregeln, die kann ich sogar schneller auswendig aufsagen als meine fromme Schwester Leonora.“

Bei nahezu jeder Gelegenheit hätte sie sich in die Kammer des Narren geschlichen, erklärte Sancha ihrem Gemahl, der mit dem Kopfschütteln über ihre Keckheit gar nicht nachkam.Aber ich schob dessen Vorstellung bei Pedro hinaus“, fuhr sie fort, „denn ich hatte nachgedacht und war zu der Erkenntnis gelangt, dass mir mein Bruder jeden weiteren Umgang mit einem Fremdling verbieten würde. Doch plötzlich suchte der Narr um seine Freiheit nach. Es dränge ihn in die Ferne, klagte er, und er zitierte:

 Wo einem Reichen Macht zu eigen,

soll er sich andern gnädig zeigen!

 Gnädig zeigen? Ich war verzweifelt. Was konnte ich bloß tun, um diesen teuren Freund nicht zu verlieren? In meiner Not, und hin und hergerissen von meinen Gefühlen, bat ich ihn um einen Aufschub von einer Woche. Ich flehte ihn an: „Führe mit mir die Geschichte von Floire und Blancheflor auf, danach sollst du frei sein!“

Roç grinste vergnügt. „Du warst so vermessen, ihn mit Schmeichelei und Minnekram halten zu wollen?“

Santa Senhora, ich muss selbst noch immer lachen, wenn ich an die Szenen denke, die ich mit ihm stundenlang eingeübt habe“, antwortete sie ihm. „Floire, der Sohn eines Maurenkönigs liebt Blancheflor, die Tochter einer geraubten Christin. Als man die beiden gewaltsam trennt, sucht Floire fortan verzweifelt nach seiner Geliebten und findet sie irgendwo in der Stadt Babylon, kurz vor ihrer Hochzeit mit einem Emir. In der Nacht darauf verschafft sich Floire Zutritt zu Blancheflors Turmzimmer, wo man die Liebenden in inniger Umarmung ertappt – und zum Tode verurteilt.“

Der Emir jedoch“, fuhr Roç lachend fort, „gerührt von der großen Liebe der beiden, schenkt ihnen die Freiheit … Jedermann kennt dieses Abenteuer. Doch sprich nur weiter! Deine Geschichte erheitert mich.“

Nun, der gefürchtete Tag rückte näher, an dem ich Falk nicht länger festhalten konnte, ohne mich ungnädig zu erweisen.“

Freundschaftlich fasste Roç nach ihrer Hand. „Warst du denn so einsam in Zaragoza?“

Sie wiegte den Kopf. „Einsam? Eine gute Frage. Nein. Einsam war ich nicht. Ich hatte nur den inneren Halt verloren, war entmutigt, unglücklich, nachdem mir jemand kurz zuvor unwissentlich einen Spiegel vorgehalten hatte. Meine bis dahin sorglose Kindheit war plötzlich vorbei. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.“

Und was geschah dann, am Tag der Aufführung?“

Nun, ich hatte wie immer eine Klebsydra mitgebracht, eine Wasseruhr. Doch Falk und ich, wir waren so leidenschaftlich bei der Sache, dass wir nicht darauf achteten. Und mit einem Mal war es Nacht geworden und die Wachsoldaten suchten mit Fackeln die Gärten nach mir ab. Glaub mir, Roç, ich habe es noch heute im Ohr, wie Falk – er trug das bunte Narrenkleid – deklamierte: O, meine Blancheflor! Hab ich dich wieder?!

Und ich antwortete: Mein Floire, dass du mich gefunden hast! Ein Wunder ist geschehen!

Wir fielen uns gerade in die Arme, als das … „Wunder“ eintrat: Mit einem Knall wurde die Tür aufgebrochen – und Pedro stand vor uns.“

Nun lachte Roç laut und herzlich. „Unglaublich! Dein Bruder muss außer sich vor Wut gewesen sein!“

Bei Gott, das war er“, Sancha nickte zerknirscht, „das Gewitter tobte und Falk landete schneller im Loch als er Amen sagen konnte.“

Ich, als König, hätte ihn noch in derselben Stunde gehängt!“, meinte Roç trocken. Er trank und stellte den Becher auf die bemalten Steinfliesen zurück. „Alles, was recht ist, Sancha, ich verstehe nicht, wieso man dich, eine Prinzessin, derart unbeaufsichtigt gelassen hat? Du warst doch erst elf Jahre alt, sagst du. Wo waren denn deine Damen?“

Draußen heulte der Wind, die Dachsparren knarzten und ein Laden schlug …

Sancha fröstelte plötzlich. Sie zog sich das seidene Hemd über den Kopf und schloss den Bettvorhang. „Das kann ich dir erklären. Zibelda, meine Amme, die mich sonst nie aus den Augen ließ, hatte sich am Morgen des Krönungstages meines Bruders das Bein gebrochen, und die Ehrendame, die mich beaufsichtigen sollte, geizte für gewöhnlich mit Worten und Taten. Kurz, sie war faul wie die Sünde, schlug sich täglich mit Churros, süßem Fettgebäck, den Bauch voll, worauf sie schläfrig wurde. Während sie am Nachmittag ruhte, schlich ich mich davon.“

Roç gähnte verhalten. „Und die Königinwitwe, deine Mutter? Weshalb hat sie dich nicht beaufsichtigt?“

Weil sie zu dieser Zeit mit ihren Damen bereits im Kloster weilte, wohin sie sich nach dem Tod meines Vaters begeben hatte.“

 Der junge Graf verzog spöttisch das Gesicht. „Bei allen Heiligen, dorthin hätte ich auch dich gesteckt, Sancha, wenn ich dein Bruder gewesen wäre.“

Sancha fauchte. „Meine Strafe war viel schlimmer! Ich musste es mir gefallen lassen, von Zibelda auf meine Jungfräulichkeit untersucht zu werden, obwohl ich Pedro und der Amme Stein und Bein schwor, dass mir dieser Alemanne nicht zu nahe trat. Doch man glaubte mir nicht. Als ich Falk in meiner Einbildung bereits am Turmgalgen baumeln sah, fiel ich ein weiteres Mal vor Pedro auf die Knie, flehte ihn um Gnade an und schrie unter wahren Tränenströmen: ´Ich lege die Hand für ihn ins Feuer! Hagelstein ist kein Mann. Er ist ein Narr!`“

Heilige Madonna!“, Roç wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Ein Hofnarr wider Willen! Und wie ist die Geschichte ausgegangen?“

Nun, nach einem halben Jahr hat ihn Pedro auf mein Drängen hin begnadigt, aber noch Jahre später haben unsere Untertanen über das Vorkommnis gelacht und Falks Ausspruch, den er tätigte, als er endlich aus dem Loch kam, läuft in Zaragoza noch heute von Mund zu Mund:

 Wer hier auf Erden will gedeih`n,

muss eine Zeitlang närrisch sein!“

Muss eine Zeitlang närrisch sein? Das gefällt mir! Das will ich mir merken. Mich dünkt, dein Narr hat es faustdick hinter den Ohren. Eine gute Voraussetzung für einen Späher.“ Abermals gähnte Roc verstohlen. Er streckte die Beine aus und schob die Hände unter seinen Nacken. „Und nach seiner Freilassung?“

Falk blieb in Zaragoza. Er war immer für mich da, beaufsichtigte mich, begleitete mich auf Schritt und Tritt, sehr zum Missfallen von Zibelda. Wir lernten, lasen und musizierten gemeinsam. Wir spielten Schach, redeten über Gott und die Welt und lachten viel. Doch als ihm Pedro irgendwann erlaubte, Medizin zu studieren – denn das war Falks innigster Wunsch -, begann er oft wochenlang durch Aragón zu streifen, um seltene Pflanzen zu suchen.“ Sancha lachte auf. „Ob er dabei je zum ´Finstern Stern` gelangte und bei San Jacob anklopfte, das weiß ich nicht.“

Jakobus. Späher … Seltene Pflan … “ Roç verstummte mitten im Wort – doch einen Lidschlag später schon, hörte ihn Sancha tief und gleichmäßig atmen.

Was ist mit dir, Liebster?“, flüsterte sie. Sie nahm das Nachtlicht auf und leuchtete ihm ins Gesicht. Ihr kühner Gemahl war tatsächlich eingeschlafen! Glück fühlte sich anders an. Es war Zufriedenheit, die Sancha in diesem Augenblick wärmte. Bei Gott, es ging voran! Roç begann, sich für sie zu interessieren. Und nun verbrachte er erstmals eine ganze Nacht bei ihr.

Eine ganze Nacht!

Während draußen der Wind heulte, die Dachsparren knarzten, ein Laden schlug – und ein Hund bellte, blies Sancha das Nachtlicht aus, zog sich das Laken über den Kopf und lächelte.

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Wie geht es weiter mit Sancha, ihrem untreuen Gemahl und ihrem Hofnarren?

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INHALT:

I. Sancha und Falk lernen sich kennen

II. Falk erweckt das Misstrauen der Toulouser Knappen

III. Falk, sein Liebchen, die Templer und die Zwerge

IV. Falk trifft auf den Böhmen Boleslâv

V. Falk in Diensten bei Mätzli und Fritzo Rübsam

VI. Falk flieht vor dem Teufel Bodo

VII. Zur Figur des Hofnarren

VIII. Historisch verbürgte Figuren

IX. HISTORISCHE EINFÜHRUNG in „Sancha – Das Tor der Myrrhe“

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