Die Basilika Notre-Dame de Marceille
und das fehlende „yod“

Vorweg genommen:
Notre-Dame de Marceille
hat mit der Stadt „Marseille“ nichts  zu tun

Die einsam gelegene Basilika Notre-Dame de Marceille, die seit 1948 unter Denkmalschutz steht, findet man ein Stück außerhalb der südfranzösischen Kleinstadt Limoux, in der Nähe des bekannten Bergnestes Rennes-le-Château. Sie liegt in der Aude-Region, einem uralten Siedlungsgebiet.
Der Ortsname „Marceille“ soll sich von einer gallo-römischen Villa (einst im Besitz eines Marcellus?) ableiten. Diese könnte in der Nachbarschaft der heutigen Basilika gestanden haben.
Notre-Dame de Marceille wurde im 14. – 15. Jh. im Mozarabischen Stil erbaut, aber sie hat eine noch viel ältere Geschichte.

Inschrift der Sonnenuhr von ND de Marceille:
„Verflossene Stunden kommen nicht wieder
und Tote kehren nicht zurück.“

Notre-Dame de Marceille – Romanschauplatz

In meinem Roman „Die Affäre C.“ besucht die Protagonistin Sandrine Feuerbach die Örtlichkeit und beschreibt ihre Eindrücke folgendermaßen:

„Die Kirche sah auf der Eingangsseite seltsam verbaut aus. Ein schmaler achteckiger, minarettartiger Turm sowie mehrere kleine Giebeltürmchen auf dem Schiff. Fenster, die eher an ein Wohn- als an ein Gotteshaus erinnerten … Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkten wir, dass das Licht nur durch drei hohe bunte Glasfenster über dem Altar hereinfiel. An den Beichtstühlen vorbei, tasteten wir uns langsam nach vorne. Keine Menschenseele war zu sehen, es war geradezu unheimlich … Auf einem kleinen Tisch in einer Nische flackerten Kerzen. Wir kamen an alten, sehr dunklen Gemälden vorüber, auf denen man kaum Details erkennen konnte, betrachteten Heiligenfiguren, naiv-schöne Wandmalereien und Votivgaben von Pilgern – darunter ein schwerer Stein, der an einer eisernen Kette von der Decke hing –, dann zeigte uns S. ein Bodenmosaik … ein Pentagramm in einem gleichschenkligen Kreuz.
Über der Orgel hingen hölzerne Medaillons. Auf einem sei die Bundeslade – foederis arca – abgebildet, versicherte uns S. … Als wir das nördliche Querschiff betraten, ging plötzlich das Licht an. Gold blitzte uns entgegen, Gold wohin man nur sah. Hinter einem kunstvoll geschmiedeten Gitter und einer dicken Glasscheibe saß die Schwarze Madonna …

Notre-Dame de Marceille – ein früher Wallfahrtsort

Fromme Pilger zog es bereits früh an diesen Ort, weil sich dort eine heilkräftige Quelle befand (Linderung von Augenkrankheiten). Und nachdem Wunderquellen, Brunnen und Madonnen einander offenbar bedingen, entdeckte man im 11. Jh. in der Nähe der Quelle auch eine Schwarze Madonna. Die Legende berichtet, ein Ochse hätte sie beim Pflügen gefunden. Vom Bauern nach Hause gebracht, verschwand sie wieder. Ganze dreimal und immer über Nacht. Sie war erst zufrieden, als man ihr eine Kapelle mitten auf dem Feld baute. Seit dem Jahr 1280 ist Notre-Dame de Marceille als Wallfahrtsort bezeugt und machte Furore: Selbst katharisch-gläubige Frauen (Béatris – Kronzeugin der Inquisition) suchten diese Kirche auf (AD 1308), um die Madonna zu besuchen, zu beichten und dabei ihre „Rechtgläubigkeit“ zu bekunden, wenn sie unter Beobachtung der Inquisition standen.

Die Schwarze Madonna von ND de Marceille,
(bevor Vandalen ihr 2007 den Kopf abschlugen).
(Näheres hierzu in meinem  Artikel „Schwarz bin ich, aber schön …)

Notre-Dame de Marceille
besticht nicht zuletzt durch die
Farbenpracht ihrer Wände,
Decken und Fußböden:

(Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!)

NDMarceille2016a

Notre-Dame de Marceille und das fehlende „yod“

In und unter dieser Kirche werden seit grauer Zeit verborgene Schätze, düstere Geheimgänge, verlassene Gräber und verschlüsselte Geheimnisse vermutet. Was ist davon zu halten?
Meine Romanheldin und ihre Freunde entdecken eines dieser Geheimnisse:

Die Statue hatte freundliche Augen, ein dunkelbraunes Gesicht unter Schleier und prachtvoller Krone, dazu ein anziehendes verschmitztes Lächeln, obwohl man sie eingesperrt hatte, damit sie nicht wieder davonlief … Wir kamen am Altar vorbei, dessen blaues Gewölbe mit unzähligen goldenen Sternen bemalt war, da hörte ich Steffi fragen: „Was ist denn das hier? Eine Marmorurne mit Schlüsselloch?“ Sie stand in einem Seitenaltar und deutete auf einen kleinen weißen Schrein.

„Aber nein, das ist ein alter Tabernakel“, stellte Sokrates fest, „ein Aufbewahrungsort für geweihte Hostien … Das Dreieck darauf ist das Zeichen für die Dreieinigkeit, in seiner Mitte müsste sich das ´Auge Gottes` befinden … Attention!“, sagte er plötzlich … „da ist eine Gravur, hebräische Buchstaben … Seltsam“, er nahm eine der brennenden Kerzen, um besser sehen zu können. „Eigentlich müsste es sich um den Schriftzug JAWEH handeln, den Namen Gottes. Der Kranz außen herum stellt ganz eindeutig den Dornbusch dar, der brennt, aber nicht verbrennt … Doch es sind nur drei Zeichen vorhanden, also handelt es sich hier nicht um das Tetragramm des Gottesnamen! Merkwürdig … auf diesem Tabernakel fehlt der erste Buchstabe des Namens Jahwe, das ´yod`. Übrig bleibt ´Chawa` oder auch ´Chava`.

„Aber was bedeutet das?“

„Chava bedeutet Eve, Eva. Eva oder auch Leben, die Urmutter also.

„Aber wieso verehrt man hier Eva?“, fragte Steffi verwundert. „Ein Tabernakel sollte doch das Allerheiligste beinhalten, oder?“

Tabernakel-Inschrift in ND de Marceille,
(hebräisch von rechts nach links zu lesen)
Es fehlt das „yod“ –
lesbar ist „Eve“ oder „Eva“

Um mich abzusichern, habe ich die Buchstaben vor Ort abgepaust:
Kein „yod“ vorhanden!

Fotos anklickbar zum Vergrößern!

Zum Vergleich die Tabernakel-Inschrift aus der Kirche
der nahegelegenen Ortschaft Quillan:
Hier ist das „yod“ ist vorhanden:
Lesbar ist „Jahwe“

Ein zweites fehlerhaftes Tetragramm in Kanada

Die Sache mit dem fehlenden „yod“, ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich hätte sie wohl nicht in meinen Roman einfließen lassen, wenn mir seinerzeit nicht eine Ausgabe von „Les Carnets-Secrets“ (Nr. 4, Januar-März 2006) in die Hände gefallen wäre. In diesem Heft stand ein interessanter Artikel:
„Montréal, la Nouvelle Jérusalem: La survivance de l`idéal templier“, verfasst von Francine Bernier. Es geht darin um die Kathedrale von Montréal/Kanada, in der dasselbe Phänomen entdeckt wurde.
Francine Bernier schreibt darüber:

 „Von allen Hinweisen, die in Montreal gefunden wurden, ist der bedeutendste und aufschlussreichste ohne Zweifel der Tetragrammaton (heiliger Name Gottes in vier hebräischen Buchstaben, YHVH, der über der Kanzel der Basilika von Notre Dame, einem Besitz der Sulpizianer von Montreal, hängt. Dieses heilige Symbol stammt aus der ersten Kirche von Notre-Dame, die 1685 von und für die Herren von Saint-Sulpice, damals die einzigen Herren von Montreal, errichtet wurde. Fotos wurden von einem Dutzend Experten aufgenommen und analysiert, darunter Rabbi Dovid Shirel von Kfar Chabads Gal Enai Institut in Israel. Ihre Analysen konnten ohne möglichen Irrtum bestätigen, dass es nicht vier Buchstaben gab, sondern drei (HVH, und dass diese, ohne den Jod des Anfangs, das weibliche Wort chavah bilden, was Eva, Frau oder Mutter allen Lebens bedeutet. Mit anderen Worten, der Schöpfer ist weiblich, ein gnostisches und ketzerisches Konzept, das zweifellos die „verborgene Seite“ der von Jean-Jacques Olier gegründeten Johanniterkirche darstellt.

 

Die Verfasserin Bernier merkt hierzu noch an, dass es sich beim fehlenden „yod“ keineswegs um einen Fehler oder Zufall handelt, zumal sich in derselben Kathedrale (in der Kapelle der Heiligen Therese von Lisieux) ein zweites fehlerhaftes Tetragramm oberhalb der Kanzel befindet. Außerdem sei eine riesige Statue, die mit geschlossenen Augen daneben sitzen würde, „die Religion“ darstellend, in Wirklichkeit eine Darstellung der androgynen Göttin Cybele, die mit Sophia (Weisheit) verbunden ist.
Cybele galt als „Mutter allen Lebens“.

Was hat nun Notre-Dame de Marceille mit Kanada zu schaffen?

Das Verbindungsglied ist ein französischer katholischer Priester: Jean-Jacques Olier. Er gilt als Erneuerer des religiösen Lebens im 17. Jahrhundert, gründete die Kongregation der Sulpizianer sowie das berühmte Priesterseminar St. Sulpice in Paris, welches auch im Rätsel von Rennes-le-Château eine Rolle spielt.
Im Jahr 1657 entsandte Jean-Jaques Olier Sulpizianer nach Montréal/Kanada für eine dortige Gründung. Ungefähr zeitgleich stand er in enger Verbindung mit dem damaligen Bischof von Limoux, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Notre-Dame de Marceille kontrollierte.

Die Kongregation der Sulpizianer war bekannt für ihre Marienverehrung.

(Maler unbekannt)

Kleine Schlussbemerkung

 

Nach S.G.F. Brandon, Religion in Ancien History, New York 1969, leitet sich die Buchstabenkombination JHWH, yod-he-vau-he, von der hebräischen Wurzel HWH ab – in lateinischen Buchstaben EVE, was sowohl „Leben“ wie „Frau“ bedeutet. Mit dem angefügten „yod“ entstand angeblich das Wort, durch das die Göttin ihren Namen als Schöpfungswort anrief – eine in Ägypten und anderen Ländern des Altertums verbreitete Vorstellung.
***

Hat Jean-Jacques Olier, der Marienverehrer und Erneuerer des religiösen Lebens im 17. Jahrhundert, über den priesterlichen Tellerrand hinausgesehen?

Notre-Dame de Marceille, das fehlende „yod“ und nicht zuletzt die Anwesenheit der Schwarzen Madonna könnten der Beweis dafür sein.

 
 

Links im Bild: „Die wundersame Quelle von Marceille“

Ans Herz gelegt:

Notre-Dame de Marceille als Romanschauplatz

Leseproben hier:
„Die Affäre C.“, Thriller,
„Béatris: Kronzeugin der Inquisition, Historischer Roman

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Helene Köppel

Meine neuen Romane 2017 – Historien

Band I, II und V der 6-teiligen Historischen Reihe
„TÖCHTER DES TEUFELS“

Historische Einführung

Im Süden Frankreichs (Okzitanien) hinterließen zahlreiche Völker ihre Spuren: Kelten, Griechen, Römer, Westgoten, Sarazenen. Im Hochmittelalter ist Okzitanien ein loser Zusammenschluss von Grafschaften, Herzogtümern und Lehnsstaaten – jedoch mit einer eigenständigen Sprache, dem sog. „oc“ (verwandt mit dem heutigen Catalan). Es herrschen Freizügigkeit, Toleranz und die Paratge: Eine vergleichbare Ehre und Würde für alle Menschen. Frauen dürfen Handel treiben und ihre Meinung kundtun. In den Städten entwickeln sich erste Bürgerrechte (Konsulate nach römischem Vorbild).
Zwei Dynastien prägen das Land: Die Grafen von Toulouse und die Familie Trencavel (Vizegrafen von Albi, Carcassonne, Béziers und des Razès.) Auf ihren Burgen und Minnehöfen herrscht die ritterliche Galanterie, Troubadoure gehen ein und aus, singen von der Fin Amour, der reinen Liebe.
Doch es ist längst nicht alles Gold, was glänzt: In relativ guter Nachbarschaft stehen sich zwei christliche Kirchen gegenüber: Die der Katharer (Abweichler vom herkömmlichen Glauben) und die der römisch-katholischen Kirche – wobei letztere, weil zunehmend korrupt, ständig an Einfluss verliert. In Scharen zieht es die Menschen zu den friedfertigen boni christiani, den Katharern, bis sich Papst Innozenz III. zum Handeln gezwungen sieht und den Kreuzzug predigt.

Band I – „Alix: Das Schicksalsrad“

Rom, im Jahr des Herrn 1208:
Papst Innozenz III. predigt den Kreuzzug gegen die Katharer: “ … nehmt ihnen ihre Länder weg, damit katholische Einwohner an die Stelle der vernichteten Ketzer treten können.“
Daraufhin beordert Philipp II., August, der König von Frankreich und Oberlehnsherr von Toulouse, einflussreiche Barone in den Süden.
Im Jahr 1209 versammeln sich die ersten Kreuzfahrer bei Lyon.
Béziers ist ihr Ziel, die Parole lautet:
»Tötet sie alle (Katharer, Juden, Katholiken), Gott wird die Seinen schon erkennen!«

Noch im gleichen Sommer wird die Festungsstadt Carcassonne belagert.

(526 Seiten, E-book und Taschenbuch)

Band II – „Sancha: Das Tor der Myrrhe“

Nach der Eroberung von Béziers und Carcassonne im Jahr 1209 bewegt sich Simon von Montfort, der militärische Befehlshaber der Kreuzfahrer, auf Toulouse zu. Der ehrgeizige, fromme Graf aus dem Norden, wirft sich mehrfach gegen die starken Mauern der Stadt, kämpft aber ebenso erfolglos gegen die Feigheit seiner eigenen Barone und Ritter, die ihn oft vor Ablauf der vereinbarten Zeitspanne verlassen.
Ein weiteres kommt hinzu: Sein Widersacher, Graf Raymond von Toulouse, einst einer der mächtigsten Seigneurs der Christenheit, hat einen einflussreichen Verbündeten an seiner Seite: Den König von Aragón, Peter II. Die Schlacht von Muret scheint das Schicksal der Okzitanier zu besiegeln: Der König von Aragón fällt.
Doch Toulouse gibt nicht auf …

(520 Seiten, E-book und Taschenbuch)

Band V – „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“

Anno Domini 1320: Nach Jahrzehnten blutiger Auseinandersetzungen (Albigenserkreuzzüge) ist die „teuflische Gegenkirche der Katharer“ noch immer nicht besiegt. Vor allem die Menschen in den entlegenen Gebirgsdörfern lassen nicht von ihrem Glauben ab: „Meines Vaters Haus in Montaillou ist wegen Häresie schon dreimal zerstört worden“, erzählt ein Schäfer dem Gericht, „und dennoch kann ich der Ketzerei nicht abschwören, ich muss dem Glauben meines Vaters treu bleiben.“
Diese Zustände waren der römisch-katholischen Kirche nicht verborgen geblieben. Mit Hilfe des Bischofs von Pamiers, Jacques Fournier, startet man einen letzten Anlauf zur Ausrottung der Ketzerei. Fournier installiert ein Inquisitionstribunal, mit dem Ziel, Pierre Clergue, den Pfarrer und Rädelsführer von Montaillou, für immer dingfest zu machen. Fast hundert Zeugen werden vorgeladen, darunter die Kronzeugin der Inquisition, Béatris de Planissoles, die frühere Geliebte des Pfarrers.
Nach einer wahren Geschichte, die sich im 14. Jh. in einem abgelegenen Winkel der Pyrenäen zugetragen hat.

(306 Seiten, E-book und Taschenbuch)

Letzte Hinweise zur Serie „Töchter des Teufels“:
Jeder Roman ist in sich abgeschlossen, d.h. eigenständig lesbar!

Drei weitere Romane – Esclarmonde, Rixende und Marie (die als Taschenbuch derzeit nur noch antiquarisch erhältlich sind) werden von mir im Laufe des Jahres 2018 überarbeitet und neu aufgelegt – jeweils als E-book und Taschenbuch!

Zu den Klappentexten und Leseproben bitte hier klicken!

 

Herzlichen Dank für Ihr Interesse, Ihre langjährige Treue und Ihre Geduld!

Helene Köppel

Avignon im Jahr 1334:
„Ihr habt einen Esel gewählt!“

Bei der Recherche zu meinem jüngsten Historischen Roman „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“ befasste ich mich intensiv mit einem jener drei Päpste, die als Gründer des Papsttums in Avignon gelten:

 Benedikt XII.

Im Bild: Clemens V., Johannes XXII. und Benedikt XII.

Wie kam es eigentlich zur Übersiedlung der Päpste nach Avignon?

Ein Blick zurück: Der französische König Philipp der Schöne (1268-1314), Enkel Ludwig des Heiligen, war der letzte bedeutende Kapetinger auf dem Thron Frankreichs. Seine durch zahlreiche Kriege verursachte Geldnot führte u.a. dazu, dass er auch dem Klerus Steuern auferlegte. Dieses führte zu einem schweren Konflikt mit Papst Bonifatius VIII., der seinerseits den Versuch unternahm, die Oberherrschaft der geistlichen über die weltliche Macht durchzusetzen: Mit der Bulle Clericis laicos (1296) verbot Rom Weltlichen Fürsten die Besteuerung des Klerus. Mit der späteren Bulle Unum sanctam (1302) ging Bonifatius noch einen Schritt weiter: „Alle weltliche Macht hat sich dem päpstlichen Primat unterzuordnen!“

Clemens V., ursprünglich Bertrand de Got, (1250-1314).

Daraufhin nahm Philipps Berater und Großsiegelbewahrer Guillaume de Nogaret Bonifatius in Anagni fest. Doch das „Attentat von Anagni“ (1303) scheiterte. Bonifatius starb dennoch kurz darauf unter ungeklärten Umständen. (Sein direkter Nachfolger Benedikt XI., entgegenkommender als Bonifatius, residierte in Perugia und verstarb dort im Jahr 1304 an der Ruhr.)
Philipps Geldnot war jedoch inzwischen so groß geworden, dass er mit Nogarets Hilfe die Vertreibung der Juden mit Konfiskation ihrer Güter betrieb (1306).
Unterstützt wurde er hierbei von dem Franzosen Clemens V., der im Jahr 1305 auf den Papststuhl gelangte. (Philipp hatte zuvor dafür gesorgt, dass immer mehr französische Kardinäle Einfluss bekamen).
Clemens stammte aus altem südfranzösichen Adel. Er ließ sich in Lyon zum Papst krönen und hielt sich bis 1309 abwechselnd in Bordeaux, Portiers und Toulouse auf. Dante hat ihn im 19. Gesang seiner Göttlichen Komödie angekündigt:

Denn nach ihm (Bonifaz VIII.) kommt von Westen her ein Schlimmerer – ein zügelloser Seelenhirte!

Unter Clemens V. wurden im Jahr 1307 – auf Druck von Philipp dem Schönen – die Tempelritter verhaftet, vor ein Tribunal gestellt und enteignet.
Im Jahr 1309 ließ er sich in Avignon nieder,
wo er einen ersten burgähnlichen Palast errichten ließ.

„Ihr habt einen Esel gewählt!“

Benedikt XII, der Dritte im Bunde der Avignonpäpste, hieß mit bürgerlichem Namen Jacques Fournier. Er wurde um das Jahr 1285 in Saverdun (Grafschaft Foix) geboren, begann seine geistliche Laufbahn als Novize im Mutterkloster von Morimund/Boulbonne, studierte in Paris, wurde Abt in Fontfroide und schließlich Bischof von Pamiers, wo er als Vorsitzender des Inquisitionsgerichtes aufgrund seiner unorthodoxen Befragungsweise den Zeuginnen und Zeugen des Pyrenäendorfes Montaillou auch zahlreiche Details aus ihrem Alltagsleben entlockte (s. „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“).
Im Jahr 1334 wurde Jacques Fournier zum Papst gewählt. Benedikt XII. galt als ausgesprochener Feind des Nepotismus in der Kirche (Vetternwirtschaft).

Der Katharismus lehrte allein die Rettung der Seele und lehnte die Welt als Werk des Teufels ab. Der Katholizismus vertrat die Erlösung des Leibes und der Seele und sah in der Welt die Schöpfung Gottes.“
(M. Benad, Domus und Religion in Montaillou, S. 310)

Im Bild: Benedikt XII., ursprünglich Jacques Fournier, (1285-1342)

Auszug aus meinem Roman „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“:

„Jacques schmunzelte, dachte an den Tag vor zwei Jahren, als man ihm die päpstlichen Insignien angelegt hatte: „Ihr habt einen Esel gewählt“, hatte er in aller Bescheidenheit den Kardinälen versichert. Die einen legten ihm dieses Wort tatsächlich als Zeugnis seiner Demut aus, die anderen als Bekenntnis des unbesonnenen Geplappers seiner Dummheit. Nun kannten ihn seine Lämmer besser, die schwarzen und die weißen …“

Einer der Baumeister aus dieser Zeit hat Benedikts Zuruf an die Kardinäle, die ihn gewählt hatten, in Stein gebannt. Man entdeckt den Esel oberhalb des Eingangs zum Papstpalast. (s. Foto oben).

Der heutige prachtvolle Papstpalast in Avignon geht auf Benedikt XII. zurück. In die Thesauraria, dem Teil der Schatzkammer, in dem u.a. sein Briefwechsel mit den Mächtigen der Welt aufbewahrt wurde, hatte er auch das Register MS 4030 verwahrt, das die Zeugenaussagen im Fall Montaillou beinhaltete. Sie blieben für die Nachwelt erhalten.

(Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Meine Empfehlung:

Wer mehr über Benedikt XII, alias Jacques Fournier, erfahren möchte – sowie über den zweiten Avignonpapst, Johannes XXII., dem lege ich meinen Roman „Béatris“ ans Herz!

Philipp der Schöne und das Attentat von Anagni wurde in meinem Roman „Rixende: Die Geheimen Worte“ thematisiert.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Helene L. Köppel