Und der Größte unter ihnen war der Hund …

Die Baumeister aus dem Mittelalter

Noch immer umgibt die Baumeister aus dem Hochmittelalter – vor allem diejenigen, die die neue Kunst des Kathedralbaus beherrschten – eine geheimnisvolle Aura. Ich bin ihnen seit Jahren auf der Spur, fotografiere ihre persönlichen Hinterlassenschaften, d.h. ihre Zeichen, die manchmal Runen ähneln oder eben Freimaurer-Symbolen, wie zum Beispiel in der Kirche von Orcival (Auvergne).

Goethe schreibt über die Baumeister aus dem Mittelalter:

Ihre großen Vorteile: durch geheime Zeichen und Sprüche sich den ihrigen kenntlich zu machen … organisiert denke man sich eine unzählbare Menschenmasse durch alle Grade der Geschicklichkeit dem Meister an die Hand gehend, durch Religion begeistert, durch Kunst belebt, durch Sitte gebändigt; dann fängt man an zu begreifen, wie so ungeheure Werke konzipiert, unternommen und, wo nicht vollendet, doch immer weiter als denkbar geführt worden…“
(Über Kunst und Altertum in den Rhein- und Maingegenden)

Das verborgene Wissen der Baumeister

steckt ganz sicher auch in der Symbolkraft ihrer Arbeit und ihrer Werkzeuge z.B. Zirkel, Senklot, Richtscheit, Wasserwaage, Winkelmaß.

(Baumeister aus dem Mittelalter mit Phrygischer Mütze, Holzschnitt von Jost Amann)

In der gotischen Ritterkapelle von Haßfurt (1431 – 1465 + spätere Renovierungen) habe ich auf dem Fenster hinter dem Altar einen solchen Baumeister entdeckt: 

Nikolaus, so sein Name, misst mit der rechten Hand den Winkel (oder handelt es sich um den geheimen Lehrlingsgruß?), mit der linken hält er das Senklot. Sein persönliches Zeichen (schwarz auf gelbem Grund) befindet sich etwas unterhalb auf dem grauen Baumeisterschurz (?).

Je nach dem Grad seiner Weihen wurde ein sog. Dévorant (ein Mitglied der jeweiligen Baumeisterbruderschaft (wie z.B. die Kinder Salomos) FUCHS, WOLF oder HUND genannt, wobei es heißt, der HUND sei der Baumeister mit der größten Würde gewesen.

Der französische Autor Gérard de Sède (1921-2004) schreibt darüber, dass der Eingeweihte des ersten Grades FUCHS  hieß, der des zweiten Grades WOLF, aber nur derjenige, der nach fünf Jahren Probezeit sein Meisterstück vollendet hätte, würde auch die Weihen des dritten Grades erreichen und HUND genannt werden.

Dass ich in der Ritterkapelle tatsächlich auf einen solchen HUND traf, hoch oben im Konsolenbereich, hat mich dennoch überrascht.
Er ist so schwarz wie das Wams und der Hut des Baumeisters, der einen Ehrenplatz auf dem Kirchenfenster der Ritterkapelle zu Haßfurt erhielt.

Aber gab es denn in Haßfurt überhaupt eine Baumeister-Zunft in dieser Zeit?

Das, was Dr. Jürgen Lenssen, Domkapitular in Würzburg, in der kleinen Broschüre über die Ritterkapelle zu Haßfurt schreibt, deutet für mich stark auf eine solche Bruderschaft hin:

„An der Stelle der ehemaligen Pfarrkirche von Haßfurt errichtete die 1402 vom Stadtpfarrer Johann Ambundi und dem Ritter Dietrich Fuchs von Wallburg gegründete Bruderschaft von Klerikern und Laien eine Marienkapelle, deren Chor 1431 begonnen und 1465 geweiht wurde.“

 

Zwei Legenden um die Baumeisterwürden

FUCHS, WOLF und HUND

Der Sage nach soll ja der Teufel selbst den Kölner Dom entworfen haben – die Glocken jedoch seien unter seiner Anweisung in der Gießerei eines mysteriösen Schmiedes namens WOLF gegossen worden.
Die Chansons de gestes (11.-13. Jh) hingegen erzählen eine etwas andere Version, in der die Erbauer des Kölner Doms einen Helden (?) namens Renaud (FUCHS) töteten.
Ein weiterer Baumeister – dieses Mal mit dem Namen WOLF,  wird wiederum mit dem Bau der Gruft Karls des Großen in Aachen in Zusammenhang gebracht.

In Haßfurt gibt es viele Baumeisterzeichen …

Der Grüne Mann von Hassfurt

Drei Köpfe, darunter ein sog. „Grüner Mann“ (heidnisches Fruchtbarkeitssymbol). Leider sind die grünen Blätter irgendwann übermalt worden. Auch hier hat sich wieder ein Baumeister „verewigt“ (unterhalb des steinernen Zierrats):

Auf dem Foto oben gibt es gleich zwei Baumeisterzeichen zu bewundern. Über dem Kamel sinnigerweise eines in Pyramidenform.

***

Abschließend noch ein Foto vom gotischen Altar und dem dahinter liegenden farbigen Kirchenfenster, auf dem sich – direkt neben dem Kopf der Gottesmutter – Nikolaus, der HUND befindet, der Baumeister mit der größten Würde … 

 

  • Ein letztes Wort:

    Mittelalterliche Baumeister verzierten ihr wichtigstes Instrument, den Zirkel, gerne mit dem Wahlspruch:
    DIRIGO ET DIRIGOR – Ich lenke und werde gelenkt.
     

    In bedeutenden Kathedralen – wie zum Beispiel in Chartres (Nordfrankreich) war es oft der Bischof selbst, der mitunter den „HUND“ gab und den Baufortschritt mit Zirkel und Argus-Augen überwachte – hier ein Fenster der Krypta, das Bischof Fulbertus von Chartres (925 – 1028) mit dem Stechzirkel zeigt:

(Empfehlenswerte, anschauliche Lektüre: „Was ist Gotik“, von Günther Binding; „Die Zeit der Kathedralen“, von Georges Duby; „Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres“, von Louis Charpentier; u. a.)

Alle Fotos von HLK, 2009, 2012 bzw. 2013)

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Helene L. Köppel

 

 

 

 

 

 

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