Montségur – die „Synagoge des Satans“

Südfrankreich … hat nicht nur Sonne, Meer und Strände zu bieten, sondern auch Berge, Wälder und tiefe Felsenschluchten.
Es ist ein Land voller Kontraste. Mir gefällt besonders die wildromantische Garrigue mit ihren knorrigen Zwergeichen, dem unvergleichlichen Duft nach Ginster, Rosmarin, Thymian, Wacholder und Zistrosen. Man kann hier viele Stunden wandern, ohne einem Menschen zu begegnen oder ein Haus zu entdecken. Allenfalls trifft man auf ein paar grasende Esel, wie man sie auch im Mittelalter, vermutlich schwerbeladen, auf dem Saumpfad hinauf zum Montségur hätte finden können …
Kaum eine Geschichte aus dem Hochmittelalter hat die Menschen so bewegt, wie der Fall des Montségur, des heiligen Berges der Katharer – von Rom als „Synagoge des Satans“ bezeichnet. Der einzige Aufstieg zur Burg war nur über einen gefährlichen Grat möglich

Auszug aus „Das Schicksalsrad“, Seite 388:
„Alix zügelte ihren Rappen und reckte neugierig den Hals. Auf ihrem Weg hierher waren sie an etlichen Burgen vorbeigeritten, die sich wie Adlernester hoch oben an den Fels geklammert hatten, doch das Schauspiel, das jetzt vor ihnen lag, konnte mit nichts verglichen werden. Der Berg selbst war eigenartig: grandios und wild, Schutz versprechend und kühn. Die neue Burg jedoch, errichtet von Menschen, die einem brennenden Glauben anhingen, war es noch viel mehr. Sie lag in der vollen Mittagssonne, schwebte aber zugleich auf einer weißen Nebelbank, die den Pog umschmeichelte. Ein verlockendes Luftschloss, unwirklich, ätherisch …“

Auch als E-book erhältlich: „Alix“

[Der „sichere Berg“ der ehemaligen Katharer befindet sich etwa 30 km von Foix entfernt, auf 1216 Meter Höhe. Die Besiedelung geht bis in die Jungsteinzeit zurück. Die Grundfläche der Burg, die von einer gewaltigen Ringmauer geschützt wurde, betrug zu Katharerzeiten ungefähr 700 qm. Es existierte ein mächtiger Bergfried. Auf der Nordseite des Berges wurden für die Verfolgten zusätzlich kleine Hütten errichtet. Die Burg wurde nach langer Belagerung im März 1244 den Franzosen übergeben.

Foto: der wandelbare Montségur …

Ein weiterer Romanauszug, jetzt aus „ESCLARMONDE – Die Ketzerin vom Montségur:
„… Leise glitt ihr Schritt dahin. Ich dagegen hatte Mühe, beim Aufstieg nicht außer Atem zu kommen. Bald waren wir aus dem Tannenforst heraus und hatten nur noch den blanken Fels vor uns. Kaskaden von kleinen und größeren Steinen traten wir los, als wir dem schmalen Grat folgten. Ganz deutlich konnte ich jetzt die Burg sehen, geheimnisvoll aus dem Fels gewachsen und noch immer nach oben strebend. „Weißt du, wie sie die Burg heißen, die Katholischen?“, fragte mich Esclarmonde und blieb stehen, als sie merkte, dass mir eine kurze Verschnaufpause guttun würde.
„Nein, sag es mir!“, keuchte ich.
Sie nennen sie den Drachenkopf, den Vatikan der Häresie oder auch die Synagoge des Satans! Du siehst, welchen Stellenwert wir hier oben haben in ihren Augen“, meinte die Vizegräfin von Foix, die in der Nacht zu meiner Geliebten geworden war, nicht ohne einen Anflug von Stolz …

Im Inneren der Burgruine …Der französische Autor Michel Roquebert * bezieht sich u.a. auf Primärquellen, die von mehr als tausend Personen berichten, die sich zwischen der ersten Gründung des Montségurs und seiner Eroberung, d.h. über den Zeitraum von 40 Jahren, dort oben aufhielten.

Roquebert * schreibt über das Zusammenleben auf dem Montségur folgendes:

„Die Aufgaben des Gemeinschaftslebens sind auf die verschiedenen Gruppen verteilt. Das castrum hat einen Portier, den Sergeanten Guillaume Gironda. Es gibt einen Müller, den aus Moissac gebürtigen Perfectus Pons Ais, und eine Bäckerin, die Perfecta Guillelme Marty aus Montferrier. Wir wissen, dass die Perfecti und Perfectae (Anmerk. geweihte Männer und Frauen) zum Arbeiten verpflichtet sind. Bei den Frauen gibt es Nähstuben. Die eine stellt unter der Leitung von Marguésia Hunaud de Lanta Frauenkleidung her – Schleier, Hemden, Handschuhe -, eine andere Beinkleider für die Männer. Die Perfecti verfügen über eine Schneiderei, die für die Soldaten Waffenröcke näht – d.h. gesteppte, dick gepolsterte Mäntel. Ein Perfectus, von Beruf Täschner, fertigt auch Schuhe an. Wieder ein anderer ist Barbier. „

Für die Zeit der Belagerung sprechen diese Quellen von mindestens 361 Personen, darunter 150 Laien, worunter sich auch die Mitglieder der Garnison befanden.

AKTUELL 2014: Mein Autorenkollege und Freund Udo Vits, der in Südfrankreich lebt, forscht und schreibt, hat am 14. Januar den Montségur bestiegen und ein wunderschönes You-Tube-Filmchen gemacht:

Danke, Udo!

Zur Verpflegung der Burginsassen und der Siedlung an Abhang des Montségurs schreibt Roquebert: „Abgesehen vom Fischfang, dem die Perfecti im Lasset nachgehen konnten, lebte Montségur, das kein Ackerland besaß, seit 40 Jahren vom Handel mit den Bauern aus den Dörfern der Umgebung … Entgegen dem strikten Verbot der Kirche verkauften diese den Montségurern Wein, Getreide, Öl, Salz, Gemüse und andere Nahrungsmittel …“

Allein 29 Personen zählten zur Familie der verantwortlichen Verteidiger des Montségur – es handelt sich um die Feudalherren Ramon de Pereille und Pierre-Roger de Mirepoix (sie waren für die Verwaltung, Verpflegung und die Sicherheit zuständig).

Die religiöse Führung des Montségur übernahm nach dem Tod des berühmten Katharerbischofs Guilhabert de Castres der Katharerbischof des Toulousain, Bertrand Marty (ab ca. 1240).

Auf Seiten der Belagerer zeichneten verantwortlich: Hugues d`Arcis (der neue Seneschall von Carcassonne) – er wird später die Burg im Namen des Königs von Frankreich in Besitz nehmen -, der Bischof von Albi, der Inquisitor Ferrier und der Erzbischof von Narbonne, Pierre Amiel, der die Katharer 1244 vor die Entscheidung stellte, abzuschwören oder zu brennen. Quellen besagen, zehntausend Mann hätten seinerzeit den Berg belagert; doch ist die tatsächliche Stärke mittelalterlicher Heere schwer zu schätzen. Viele Chronisten dieser Zeit neigten zu Übertreibungen.

VIER PARFAITS AUF DER FLUCHT?

Wohin brachten sie die Kriegskasse der Katharer?

Es gab vier Überlebende: Parfaits, von denen man weiß, dass sie sich in der Nacht vor der Übergabe des Montségur (15. auf 16. März 1244) heimlich mit Hilfe eines Seils eine einhundertfünfzig Meter hohe Steilwand hinabließen. Zuvor waren sie von Pierre-Roger de Mirepoix versteckt worden (es gibt etliche Karsthöhlen auf dem Berg). Drei Namen der Flüchtenden sind bekannt: Amiel Aicard, Peytavi Laurent und Hugues Domergue. Der Name des vierten Perfekten ist nicht gesichert, vermutlich handelte es sich um Pierre Sabatier.

M. Roquebert schreibt über diese Flucht:

„Sie hatten kein Gepäck bei sich … und er merkt dazu an: „Die Behauptung, sie hätten in einer Decke oder in einem Bündel einen mysteriösen Schatz mit sich geführt, geht auf eine Verwechslung von mehreren verschiedenen Informationen der Überlebenden zurück bzw. auf eine unlautere abenteuerliche Manipulation der Quellen.“ Für ihren Ausbruch gab es lt. Roquebert nur den einen Grund: Sie wollten den Kirchenschatz, den sie um Weihnachten herum in den Wäldern irgendwo versteckt hatten, wieder an sich nehmen.

Ob sie ihn tatsächlich wiedergefunden haben?

Foto: Die Burg Montségur und das gleichnamige Dorf zu ihren Füßen.

Kurz vor der Aufgabe der Burg: (aus „Die Ketzerin vom Montségur): “ … Die Wurfmaschine des Bischofs tut ihre Wirkung. Unablässig fliegen die Steinkugeln. Wumm … Die Situation für die Bewohner der Burg ist unerträglich geworden. Verrat liegt in der Luft! Die Zisternen hat jemand mit toten Ratten verseucht. Zu verführerisch waren die Versprechungen des Narbonners. Und der Wein – das einzige Getränk, das ihnen da oben bleibt – fängt an, in den Fässern zu gefrieren. So kalt ist jener Winter. Die Herren der Burg, Raymond de Pereille, Pierre-Roger de Mirepoix und der Bischof der Katharer, Bertrand d` en Marti, kommen an einem klirrenden Morgen mit der Friedensfahne den Berg herab. Sie wollen verhandeln. Sie bieten an, unter gewissen Voraussetzungen den Drachenkopf aufzugeben …“

(Foto: Steingeschosse, die man am Montségur gefunden hat)


Ein faires Angebot oder Heuchelei?

Die Belagerer – Hugues des Arcis und der Erzbischof von Narbonne bieten den Katharern einen zweiwöchigen Waffenstillstand bis zur endgültigen Übergabe an. „Allen Katharern, die sich bekehren lassen“, hieß es, „allen Faidits“ (Widerstandskämpfern aus dem Kleinadel) und Soldaten … bieten wir freien Abzug. Samt Waffen und Gepäck können sie von dannen ziehen!“

Es war jedoch der letzte Satz jenes ausgehandelten Vertrages, der jedermann klarmachte, wie die Geschichte unweigerlich zu Ende gehen würde. Dieser lautete: „Die Unbelehrbaren aber, die noch immer dem falschen Glauben die Treue halten, müssen auf dem Scheiterhaufen brennen!“

Der Erzbischof von Narbonne kannte längst die Unbeugsamkeit der Katharer.  Was er vermutlich nicht ahnte, war, dass 21 Männer – Verteidiger, Ritter, einfache Sergeanten und Knappen -, ebenfalls um die Geistweihe baten, um gemeinsam mit den Katharern zu sterben. Niemand war bereit, zum Katholizismus zurückzukehren.

M. Roquebert schreibt dazu: „Es gab weder ein Tribunal noch einen Prozess noch einen Urteilsspruch. Hugues d` Arcis und Pierre Amiel waren – der eine im Namen des Königs, der andere im Namen der Kirche – spontan zu den Scheiterhaufen des Kreuzzugs zurückgekehrt. Es war wie in den finsteren Tagen, als Simon de Montfort und Arnaud Amaury gemeinsam ´mit großer Freude` massenhafte Verbrennungen anordneten.“

Hohe, dicke Holzpfähle umgeben den Scheiterhaufen. Eine Leiter zum Hinaufsteigen wird angelehnt. Am 16. März 1244 ist es soweit. Hell llodern die Flammen auf und der Schnee fängt an zu schmelzen …

Die Verbrennung der über zweihundert Katharer, die sich nach der Überlieferung singend ins Feuer stürzten, hat bis heute tiefe Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen. Am „Prat dels Cremats“ (Feld der Verbrannten) wurde im Jahr 1960 eine Gedenkstele mit folgender Inschrift errichtet:

„Als Catars, als martirs del pur amor crestian“ – „Den Katharern, den Märtyrern der reinen christlichen Liebe“

Am Fuße der Stele, dort wo einst der Scheiterhaufen stand, werden noch heute regelmäßig Blumen niedergelegt. Manche legen einen kleinen Stein nieder …

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Weil für mich erst Namen der Geschichte ein Gesicht geben, versuche ich seit mehr Jahren diejenigen herauszufinden, die seinerzeit am Fuß des Montségur verbrannt wurden: Einige konnte ich bislang ausfindig machen, die anderen sind vermutlich auf ewig vergessen …

Bertrand d` Marty (Katharerbischof)
Pierre Sirven (Katharer-Diakon)
Raymond Agulher (Katharerbischof)
Name ? ……. (Katharerbischof des Razès)
Guillaume Déjean (Katharer-Diakon)
Raymond de Saint-Martin (Katharer-Diakon)

Rixende du Teilh (Perfekte und Priorin des Montségur)
Guiraude de Caraman (Parfaite)
Corba, Gattin von Raymond de Pereille
Esclarmonde, Tochter von Raymond de Pereille (Verteidiger der Burg), zugleich Gattin ? von Pierre Roger de Mirepoix (Verteidiger der Burg) = eingeheiratet in das Haus Belissen!
Philippa, Tochter von Raymond de Pereille
Marquesa de Lantar, Schwiegermutter von Raymond de Pereille

Saissa de Congost, Nichte von Raymond de Pereille

Braida de Montserver, Schwiegermutter von Roger de Mirepoix

Bruna und India de Lahille, Schwester und Cousine von Guillaume de Lahille

Raymonde de Cuq, Schwester/Schwägerin von Bérenger de Lavelanet.
Braida de Montservat, Guillelme Aicart.
Die Ritter Arnaud des Cassès, Guillaume de Lahille, Raymond de Marceille, Brézilhac de Cailhavel, Bernard de Saint-Martin, sowie der Knappe Ramonds de Marceille Guilaume Narbona, der Armbrustschütze Raymond de Belvis, sechs weitere Sergeanten, zwei davon mit ihren Frauen, ein Händler aus Mirepoix, zwei Verbindungsmänner, darunter Jean Rey.

Der katharische Ritter Jourdain du Mas nahm an der Expedition nach Avignonet teil und fiel bei der Verteidigung von Montségur; ebenso wurden auf dem Montségur tödlich verwundet: Der junge Ritter Jourdain du Mas, genannt Jordanet, der Enkel der Perfekten Garsende, der Sergeant Bernard Rouain und der Ritter Bertrand de Bardenac.
Ebenso soll ein Sohn der Poncia du Villar unter den Attentätern gewesen sein: Jourdain de Villar, sowie die Sergeanten Bernard de Carcassonne und Arnaud de Bensa.
Man weiß durch die Zeugenaussage des Béranger de Lavelanet vor der Inquisition, dass ein Pierre de Saint-Just von Rennes-le-Chateau vier Jahre auf dem Montségur lebte.

ergänzt am 7. 4. 2016 um 2 weitere Namen: Zwei Frauen aus Mas-Saintes-Puelles (Gersande und ihre Tochter Gaillarde) starben auf dem Scheiterhaufen (bûcher) auf dem Montségur (1244).

Weitere ERGÄNZUNGEN: Im Jahr 1235 zog sich Bernard Sermon d`Albedun oder Albezunum (vom Bezú) auf den Montségur zurück. Ob er 1244 überlebte ist unbekannt. Eine Parfaite, Alazais Raseire wurde in ihr Heimatdorf Bram gebracht und dort verbrannt;

(Quellen hierzu: u.a. die Déposition de Béranger de Lavelanet auprés des inquisiteurs – also die DOAT-Quellen; siehe auch Scripta secreta – Geheime Schriften.)

Schlusswort: „Es gab im Katharismus etwas, das auf dem Scheiterhaufen nicht verbrannt ist.“ (Jean Duvernoy, franz. Historiker)

(Fotos: HLK priv.)

* Michel Roquebert, französischer Historiker und Autor: „L´ Epopée cathare“ bzw. „Die Geschichte der Katharer“, Philipp reclam jun., Stuttgart 2012

 

LESEN hält wach – garantiert!


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