Carcassonne – die Retter

Meinen historischen Roman ALIX – Das Schicksalsrad habe ich drei Männern gewidmet, die Carcassonne vor dem endgültigen Verfall bewahrt haben.

Es sind dies:

 Eugène Viollet-le Duc

Eugène Emmanuel Viollet le Duc: 1814-1879, französischer Architekt, Restaurator mittelalterlicher Kirchen und Kathedralen, gilt – gemeinsam mit Prosper Mérimée als Begründer der historischen Denkmalpflege im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Rekonstruktion und Restauration Carcassonnes. Weitere Objekte: Kathedralen in Toulouse, Amiens, Clermont-Ferrand und Lausanne, sowie Profanbauten. Seine Arbeiten sind allerdings nicht unumstritten.

Jean-Pierre Cross-Mayrevieille

Jean-Pierre Cross-Mayrevieille: Bürger Carcassonnes, wird als Retter Carcassonnes bezeichnet, richtete 1836 die Aufmerksamkeit der Regierenden auf die zerfallenden Bauwerke. 1840 Beginn der Wiederherstellungsarbeiten an der Kathedrale St. Nazaire; später – nach Streichung der Mittel – erneute Intervention.

Prosper Mérimée

Prosper Mérimée: 1803-1870, Rechts- und Sprachwissenschaftler, Senator, Schriftsteller, arbeitete in verschiedenen Ministerien in Frankreich (Marine, Handel usw.), 1834 Inspektor für historische Denkmäler; reiste durch Frankreich auf der Suche nach restaurierungswürdigen Denkmälern; 1844 Aufnahme in die Académie Francaise; für seine Verdienste mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet. Berühmt auch für seine Novellen.

Von Viollet le Duc existiert ein Buch aus dem Jahr 1888 „La Cité de Carcassonne“ (Aude) mit schönen Aufrisszeichnungen, die er während der Restaurierung der verschiedenen Türme angefertigt hat.

Es wurden ca. 1300 Arbeiter benötigt, schreibt Le Duc, um die Barbakanen und Außenforts (19 Türme!), die Innenforts (34 Türme!),  die Tore, die Kathedrale und das Schloss – das Palatium der ehemaligen Vizegrafen (10 Türme!) – sorgfältig herzurichten. Nicht wenige Arbeiter waren stolz darauf, die Stadt des ruhmreichen Raymond-Roger Trencavel wieder mit aufbauen zu dürfen.

Viollet Le Duc hat sich auch gründlich mit den ehemaligen Verteidigungsanlagen beschäftigt:

Im Prolog meines o. g. Historischen Romans „Alix – Das Schicksalsrad“ spielen Viollet-le-Duc und Cross-Mayrevieille eine kleine Rolle. Hier ein Auszug – aufgelockert durch weitere Zeichnungen von Le Duc:

PROLOG

 Oktober 1854 – Cité von Carcassonne

Vor der Kathedrale St. Nazaire

Ein kühler Wind strich von den Pyrenäen über die Cité von Carcassonne, als sich Eugène Viollet-le-Duc müde und verstaubt aus der Kathedrale St. Nazaire schleppte, wo er seit dem frühen Morgen die Restaurationsarbeiten überwacht und die meiste Zeit auch selbst Hand angelegt hatte. Der Architekt rollte seine Pläne zusammen, steckte sie unter den Arm und blieb dann für eine Weile stehen, um frische Luft zu schnappen. Aufmerksam sah er sich um: Es stimmte, die Cité glich einem Buch aus Stein, das sich jedoch lohnte, zu lesen. Allerdings war es mühsam, die einzelnen Seiten umzublättern. Sein Blick fiel auf die Türme der Stadt, deren Zahl sich einst auf stolze achtundvierzig belief, wo aber inzwischen kaum mehr ein Stein richtig auf dem anderen lag. Vor allem um den mächtigen La Vade und den kleineren Turm Balthazar tat es ihm leid: Kopflos, zerrupft, ohne Zinnen oder Dach waren sie seit Jahrhunderten Wind und Wetter ausgesetzt. Die Menschen, die sich irgendwann im Bereich des breiten Zwingers niedergelassen und dort, gegen die äußere und innere Mauer gelehnt, ihre Hütten gebaut hatten, benutzten die halb zerfallenen Türme als Schuppen, Abstellkammern oder Weinkeller.

Und nun war es Viollet-le-Duc, als sprächen die Türme zu ihm, als forderten sie ihn auf, sie vom Missbrauch zu erlösen, dem Elend ein Ende zu bereiten. Es war nicht zu spät. Noch lag etwas vom Geist der Jahrhunderte über Carcassonne. Eugène spürte es ganz stark. Die Pracht des höfischen Lebens war noch nicht vergessen, auch wenn die Cité zu einem Elendsviertel verkommen war und als Steinbruch benutzt wurde, auch wenn jetzt dort die Ärmsten der Armen hausten. Eines war wichtig: Er musste die männlichen Einwohner ermuntern, mitzuarbeiten, denn es galt, die Seele Carcassonnes zu retten, doch er war vielen Leuten hier noch immer fremd. Zwar war es ihm gelungen, den Bildhauer Perrin und den Baumeister Cals zu gewinnen, die beide höchst talentiert waren und seine Begeisterung für diese Stadt teilten – Cals hatte auch im Handumdrehen fünf junge Arbeiter gewonnen -, aber es ging zäh voran mit der Anwerbung weiterer Kräfte, obwohl die Pläne für den Wiederaufbau längst fertig waren. Ja, es gab sogar offenen Widerstand. Der Grund war nicht die Bezahlung, sondern dass die Leute befürchteten, im Zuge der Stadterneuerung ihre Hütten zu verlieren und wegziehen zu müssen.

Ein schwarz gekleidetes Mütterchen, so klapprig und dürr, dass es drohte, vom nächsten Fallwind weggeweht zu werden, drängte sich an Viollet-le-Duc vorbei, um in die Kirche zu schlüpfen. Eugène machte der Alten Platz und holte zugleich tief Luft. Dafür, dass sie roch, konnte sie nichts. Armut roch immer. Erst gestern hatte er seiner Frau nach Lausanne geschrieben: „Ich verbringe den ganzen langen Tag inmitten alter Weiber, die beichten kommen und sich nicht genieren, mir ihre Flöhe zu übertragen …“ Die alten Frauen erschienen täglich, obwohl die Kathedrale – während der Revolution als Scheune benutzt – noch immer in einem bedauernswerten Zustand war. Als er an der Seite von Prosper Mérimée die Abteikirche von Vézelay restauriert hatte, war es nicht anders gewesen. Die Frauen ignorierten die Leitern, Kalksäcke und Farbkübel, es störte sie auch nicht, dass sie niesen mussten, wenn ihnen der Geruch des Terpentins in die Nase stieg, sie kamen, beteten, bekreuzigten sich, flüsterten eine Weile miteinander und gingen dann wieder ihrer Wege, so wie sie es immer gehalten hatten.

Dem guten Jean-Pierre Cross-Mayrevieille, in dessen Haus Viollet-le-Duc seit Beginn der Restaurierung wohnte, waren Tränen in den Augen gestanden, als er erzählte, dass die Einwohner der Cité vor gut fünfzig Jahren die alten Archive der Stadt gefunden und dann in einem Freudenfeuer verbrannt hätten. Die Archive der Stadt! Mein Gott, was hätten er und Jean-Pierre nicht dafür gegeben, sie studieren zu dürfen! Zumindest hatte Jean-Pierre durch zähes Verhandeln erreicht, dass der Erlass der Obrigkeit, Carcassonne endgültig abzureißen, aufgehoben wurde. Im anderen Fall wäre alles zu spät gewesen!

Nun, man würde sehen, wie es weiterging mit der Cité. Eugène war zuversichtlich. Die „Verwaltung der schönen Künste“, die man inzwischen gegründet hatte, stand ganz auf seiner und Jean-Pierres Seite. Als er auf dem Heimweg an einem der besser erhaltenen Fachwerkhäuser vorbeikam, es handelte sich um das ehemalige Heim eines adligen Burgvogtes, in dem sich nun die Taverne „Zum Trencavel“ befand, schallten laute Stimmen und Gelächter auf die Gasse heraus.

Viollet-le-Duc zögerte, betrat aber dann forschen Schrittes die Gaststube. Es war ein dunkler, nicht ungemütlicher Raum. Im rauchgeschwärzten Kamin flackerte ein Feuer. „Der Fremde!“, hörte er jemanden raunen, worauf vier oder fünf Männer die Köpfe herumrissen und ihn anstarrten. Obwohl er sie freundlich grüßte, nickten sie nur kurz und wandten sich dann wieder dem Würfelspiel zu.

Viollet-le-Duc bestellte beim Wirt ein Viertel vom einfachen Rotwein. Den Krug in der Hand, sah er sich suchend um. Da ihn niemand einlud, in der Runde der Spieler Platz zu nehmen, setzte er sich an einen Nebentisch, auf den ein wenig Tageslicht fiel. Er breitete die Pläne aus und studierte aufmerksam seine Zeichnungen, in der Hoffnung, dass jemand neugierig werden würde. Da war die Barbakane am Aude-Tor und dahinter das stolze Schloss der Trencavel, in alten Urkunden auch palatium genannt, das jedoch im 17. Jahrhundert als Gefängnis verwendet worden war – wie die Bastille in Paris. Nun diente es ein paar Beamten und Invaliden als Unterkunft.

Viollet-le-Ducs List ging auf. Es dauerte keine Viertelstunde, bis sich einer der Jüngeren, ein dunkelhaariger, sympathischer Bursche, der dem Würfelspiel nur zugesehen hatte, erhob. Er dehnte und streckte sich, trat dann wie zufällig neben den Architekten und schaute ihm über die Schulter.

„Setz dich, wenn es dich interessiert“, forderte ihn Eugène auf. „Willst du etwas trinken? Ich lade dich ein.“

Der hagere Junge schüttelte den Kopf, murmelte etwas Unverständliches, doch nach einer Weile nahm er Platz. Viollet-le-Duc schob ihm den Plan zu, auf dem sich das Schloss befand, eine Festung innerhalb der Festung. Mit großer Aufmerksamkeit studierte der Junge den Aufriss des zehn Stockwerke hohen Pinto-Turmes, sorgfältig darauf achtend, dass er den Plan mit seinen schmutzigen Fingern nicht berührte.

„Kennst du das Schloss von innen?“, fragte ihn Eugène, um ihn aus der Reserve zu locken.

Der Junge nickte. „Hm. Wir haben dort als Kinder gespielt … in den unterirdischen Gängen“, antwortete er leise. „Bis jemand erschlagen wurde. Dann war es verboten.“

Am Nebentisch schwoll das Gelächter an. Einer der Spieler höhnte: „Was willst du denn mit einer Sieben, wenn ich bereits Zwölf habe“, worauf der Herausforderer schrie: „Halt`s Maul, Antoine, und wirf endlich!“

Der Architekt stupste den jungen Mann, der sich neugierig zu seinen Freunden umgedreht hatte, an der Schulter. „Unterirdische Gänge, sagst du? Kannst du mir Näheres erzählen? Handelt es sich vielleicht um einen alten Brunnenschacht?“ „Kein Brunnen“, meinte der Junge einsilbig, um erneut mit dem Kopf herumzufahren, als Antoine seinem Kontrahenten lautstark vorwarf, dass dieser womöglich höher furze, als sein Arsch hänge -, was kreischendes Gejohle auslöste.

„Bist du von hier? Wie heißt du?“, fragte der Architekt, als wieder Ruhe eingekehrt war.„Jacques“, antwortete der junge Mann leise. „Die Gänge gibt es, aber Näheres weiß ich nicht“, und noch bevor ihn Viollet-le-Duc fragen konnte, ob er auf Arbeitssuche sei, stand der Junge auf und setzte sich wieder hinüber zu seinen Freunden. Sofort wurde am Tisch ausgiebig gemurmelt. Aufgewühlt, jedoch ohne sich seinen Gemütszustand anmerken zu lassen, blieb der Architekt sitzen. Unterirdische Gänge? Hatte der Junge geprahlt oder gab es sie tatsächlich? Jeder, der sich mit der Historie dieser Stadt beschäftigte – allen voran Jean-Pierre – kannte das Gerücht um diese Gänge. Aber jeder verwies sie zugleich in das Reich der Legende. Und nun behauptete Jacques, als Kind dort gespielt zu haben?

Der Architekt bestellte sich einen weiteren Krug Roten, obwohl er wusste, dass Jean-Pierre und seine Frau mit dem Abendessen auf ihn warteten. Es dauerte nicht lange, und der Junge stand auf und ging. Von den anderen unbeobachtet, drehte er sich jedoch am Ausgang noch einmal nach Viollet-le-Duc um und grüßte ihn stumm.

Eugène zählte bis Zehn, warf dann ein paar Münzen auf den Tisch, rollte die Pläne zusammen und lief ihm hinterher. Irgendwo klapperte ein Laden im Wind. Einer der zahlreichen Hunde, die die Cité unsicher machten, sprang herbei und beschnupperte ihn. Viollet-le-Duc spähte nach rechts und nach links, doch von Jacques war nichts zu sehen. Enttäuscht trat er den Heimweg an. Es wurde bereits dunkel, die Schatten verdichteten sich. Er war noch nicht bei Jean-Pierres Haus angelangt, als der Gesuchte unvermittelt aus einer schmalen Seitengasse heraus auf ihn zutrat

(Texte Copyright HLK; Fotos aus „La Cité de Carcassonne“, bzw. priv. )

(Im Bild Historischer Roman, 557 Seiten + gleichnamiges Spiel zum Buch aus der „Carcassonne“-Reihe – jetzt auch als E-book: „Alix“.

 

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