Ai Tolosa! – O weh Toulouse!

Historische Einführung (copyright HLK)

Im Süden Frankreichs (Okzitanien) hinterließen zahlreiche Völker ihre Spuren: Kelten, Griechen, Römer, Westgoten, Sarazenen. Im Hochmittelalter ist Okzitanien ein loser Zusammenschluss von Grafschaften, Herzogtümern und Lehnsstaaten – jedoch mit einer eigenständigen Sprache, dem sog. »Oc«* (verwandt mit dem heutigen Catalan). Es herrschen Freizügigkeit, Toleranz und die Paratge: Eine vergleichbare Ehre und Würde für alle Menschen. Frauen dürfen Handel treiben und ihre Meinung kundtun. In den Städten entwickeln sich erste Bürgerrechte (Konsulate nach römischem Vorbild). Zwei Dynastien prägen das Land: Die Grafen von Toulouse und die Familie Trencavel, die Vizegrafen von Albi, Carcassonne, Béziers und des Razès. Auf ihren Burgen und Minnehöfen herrscht die ritterliche Galanterie, Troubadoure gehen ein und aus, singen von der Fin Amour, der reinen Liebe.

* Die sog. langue d`oc, die Sprache der Troubadours, wurde im Mittelalter nicht nur im Midi, im Süden Frankreichs, sondern auch in weiten Teilen Europas gesprochen und verstanden („Oc“ bedeutet „Ja“). Sie war der nordfranzösischen langue d`oil (oui – „Ja“ ) gleichgesetzt, wurde nach der Annexion des Languedoc jedoch verdrängt, wird aber heute wieder an den Schulen und Universitäten gelehrt. (Quelle Karte: //villageampus83.blog.lemonde.fr/files/ocoil.gif)

(Foto HLK, Capitouls von Toulouse, 18. Jh, Musée d`Augustin, 2004)

Dass in Okzitanien auch die Wiege der Troubadoure steht, der Minnehöfe und der Fin Amour, der reinen Liebe, wen verwundert das?

Doch es ist längst nicht alles Gold, was glänzt: In relativ guter Nachbarschaft stehen sich zwei christliche Kirchen gegenüber: Die der Katharer (Abweichler vom herkömmlichen Glauben) und die der römisch-katholischen Kirche – wobei letztere, weil zunehmend korrupt, ständig an Einfluss verliert. In Scharen zieht es die Menschen zu den friedfertigen boni christiani, den Katharern, bis sich Papst Innozenz III. zum Handeln gezwungen sieht und den Kreuzzug predigt: » … nehmt ihnen ihre Länder weg, damit katholische Einwohner an die Stelle der vernichteten Ketzer treten können.

Philipp II. August, der König von Frankreich und Oberlehnsherr von Toulouse, beordert einflussreiche Barone in den Süden. Im Jahr 1209 versammeln sich die ersten Kreuzfahrer bei Lyon. Béziers ist ihr Ziel, die Parole lautet: »Tötet sie alle (Katharer, Juden, Katholiken), Gott wird die Seinen schon erkennen!«
Noch im gleichen Sommer wird die Festungsstadt Carcassonne belagert und eingenommen. Der Kapetinger gilt als aufbrausend, energisch, wenig gebildet, jedoch politisch geschickt. Er trägt wesentlich zur Stärkung des Königtums und zur Kontinuität des kapetingischen Hauses in Frankreich bei.

Philipp II. August empfängt einen päpstlichen Legaten. Illumination aus den Grandes chroniques de France, um 1335. (British Library, London)

 

Im Foto oben: Die Belagerung von Béziers in Bild und Ton (anlässlich der 800-Jahr-Gedenkfeier im Jahr 1209)

Carcassonne – oppidum gallicum – ist die größte mittelalterliche Festungsstadt Europas, 24 km nördlich von Limoux, an der Straße vom Mittelmeer zum Atlantik gelegen. Im 12./ 13. Jahrhundert besitzt sie zwei Vororte, Saint-Michel und Saint-Vincent, wird von Konsuln mitregiert und ist Sitz bedeutender Katharerbischöfe.

Simon von Montfort (um 1164-1218) ein ehrgeiziger Graf aus Paris (Ile-de-France), Sohn des Grafen von Montfort d’Amaury und der Gräfin von Leicester, übernimmt das Erbe des jungen, blonden Trencavel (der in seinem eigenen Kerker stirbt) – und setzt sich zugleich an die Spitze des Heeres. Unbarmherzig verfolgt er die Katharer Okzitaniens und bringt mit Feuer und Schwert das Land in seine Gewalt.

Über das Schicksal der Städte Béziers und Carcassonne erfahren Sie mehr in meinen Romanen „Alix: Das Schicksalsrad“ und „Sancha: Das Tor der Myrrhe“ E-book (Amazon/Kindle, Taschenbuch in allen Buchhandlungen bestellbar, oder über Amazon)

Kurzer Textauszug aus „Alix: Das Schicksalrad“:

„Im Unterschied zu den weißen Gewändern der Manichäer, die als Vorläufer der Katharer gelten, kleideten sich die Perfekten, als Wanderer aus einer anderen, fremden Welt, in dunkelblaue oder schwarze wallende Röcke, die die Gefangenschaft ihrer göttlichen Seelen im irdischen Kerker des Körpers symbolisieren sollten. An ihrem Gürtel hing, gut sichtbar für alle, der kupferne Behälter mit dem Evangelium des Johannes. Die beiden Gegenspieler des aus der Stadt gejagten Bischof Bérenger, der von jedermann geachtete Katharerbischof von Carcassonne, Bernhard von Simorre, bleich vom Fasten, das hagere Gesicht bartlos, dafür das schlohweiße Haar glatt bis auf die Schultern fallend, und sein um Jahre jüngerer Stellervertreter, Peter Isarn, verbeugten sich tief vor dem Vizegrafen un seinem Oheim. In ihrer Begleitung befand sich ein gutes Dutzend weiterer Perfekte, darunter auch zwei Frauen.

„Nehmt Platz, ´Gute Leute`!“ Der Kämmerer Aaron wies auf die lange Bank, die für gewöhnlich Bittstellern vorbehalten war. „Sénher“, begann Isarn, „nach dem, was mit Bischof Bérenger geschehen ist, woran wir Katharer keinen Anteil haben, liegt es uns am Herzen, mit Euch über die Predigt zu sprechen, die der Anlass für Bérengers üble Vertreibung aus der Stadt war. Wie ernst müssen wir diesen Kreuzzug nehmen? Viele Menschen sind beunruhigt.“

(Foto HLK, Béziers 2009)

ZWEI JAHRE SPÄTER – der Kreuzzug gegen die Katharer hat schon mehr als zwanzigtausend Tote gekostet – geht es längst nicht mehr nur um Religion:

Die reiche und prachtvolle Stadt  T O U L O U S E * (seinerzeit nur mit Byzanz vergleichbar) ist das Ziel Montforts, seiner Vasallen, Hintermänner – und der eifernden Bischöfe. Doch die Stadt, in der 12 Capitouls mitregieren (vom Volk gewählte Stadträte), wird hervorragend verteidigt. (z.B. öffnet man Kirchen zur Unterbringung auswärtiger Soldaten; die Stadtmiliz – Bürger aus den 12 Stadtteilen – bewacht die Stadtmauern, reiche Bürger leisten bewaffneten Dienst zu Pferde.)

(Foto HLK, Rathaus von Toulouse, 2004)

* Im 12. Jahrhundert zählte der Toulouser Hof zu den zivilisieresten Stätten des Abendlandes.

Graf Raymond VI. von Toulouse (1156-1222) – nach dem König von Frankreich der wohl mächtigste Seigneur der Christenheit – wird von Rom, weil er sich hartnäckig weigert, die Ketzer in seinen Ländern auszuliefern – mehrfach exkommuniziert, enteignet und öffentlich gezüchtigt, s. Abbildung vor dem Portal der Abteikirche in Saint-Gilles-du-Gard:

Graf Raymond und sein Sohn gleichen Namens besitzen jedoch höchst einflussreiche Verbündete. Einer von ihnen ist Peter II., der stolze König von Aragón, den man aufgrund seiner Frömmigkeit auch „El Catholico“ nennt.

Zur Festigung seiner eigenen Territorien und Bündnisse in Okzitanien hat Peter seine beiden Schwestern, die Infantinnen Leonora und Sancha, mit den beiden Grafen von Toulouse verheiratet.

Die Lager formieren sich. Graf Raymond spricht vor seinen Leuten: „Ich weiß mit Gewissheit, dass der Feind unseren Untergang plant. Er wird seine Armeen immer wieder gegen unsere Mauern schleudern. Er will uns aushungern …“ Die Tolosaner antworten ihm: „Greifen wir ihn an, Herr! Ihr habt, dank Gott, genügend Verbündete, und auch wir sind bewaffnet. Das wird für den Sieg reichen. Führt die Sache, Herr, zu einem guten Ende, bevor die Feinde Wind von unserem Plan bekommen und die Flucht ergreifen.“

Doch schon bald heißt es Ai Tolosa! (Chanson 132,26 ff)

Der Kampf um Toulouse ist thematisiert in meinem Roman:

„SANCHA – Das Tor der Myrrhe“ – Es handelt sich um einen eigenständig lesbaren Roman, der sich jedoch zeitlich an das historische Geschehen, das in „ALIX“ beschrieben wird, anschließt.

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