Normandie: Dieppe – seine Korsaren und Elfenbeinschnitzer

Dieppe – der Name und die Geschichte

Der Name Dieppe leitet sich aus dem angelsächsischen „deep“ (tief) her, was die zwischen steilen Kreidefelsen eingebettete Lage beschreibt.
Die Stadt hat knapp 30 000 Einwohner und liegt im Département Seine-Maritime in der Region Normandie. Dieppe markiert den Beginn eines Küstenabschnitts, den man aufgrund der braungoldenen Farbtöne der Kreidefelsen, die sich hier auftürmen, „Côte d’Albâtre“ nennt, die „Alabasterküste“.


Es waren die normannischen Könige Englands, die Dieppe zu einem wichtigen Hafen ausgebaut haben, womit diese Stadt, wie das bretonische Saint-Malo, zu einem Ausgangspunkt für Entdecker, Korsaren und reiche Handelsherren wurde.
Als ältestes Seebad an der Kanalküste konnte sich Dieppe zu allen Zeiten auch mit illustren Gästen schmücken: Wilhelm der Eroberer, Franz I., die beiden Kaiser Napoleon waren ebenso hier zu Gast wie die englischen Könige Johann Ohneland und Eduard VII. Erwähnt werden auch andere berühmte Zeitgenossen, z.B. Châteaubriand, Monet, Renoir, Pissarro, Oskar Wilde und Winston Churchill, die sich gerne in Dieppe sehen ließen.

Im Zweiten Weltkrieg (am 19.8.1942) versuchten die Alliierten Truppen am Strand von Dieppe zu landen. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt von deutschen Truppen besetzt. Fast Tausend Soldaten (darunter über 900 Kanadier) fielen, ungefähr 2000 kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Dieppe – und seine Korsaren

Im Jahr 1523 kaperte Jean Florin (oder Fleury), Kapitän der Seeräuberflotte des Reeders Jean Ango aus Dieppe, vor dem Kap Saint-Vincent eine Galeone, die den „Schatz des MOCTEZUMA“ nach Spanien brachte, den Cortez Karl V. schickte …“
„Ein anderer Hugenotte, Guillaume Le Testut, Mitglied der Kartographieschule in Dieppe, verbündete sich im März 1573 (oder 1572) mit dem berühmten englischen Kapitän Francis Drake. Sie bemächtigten sich eines beträchtlichen Gold- und Silbertransports aus Peru …“
(Thierry Durand-Gasselin)
Nun, vielleicht gibt es noch weitere spannende Geschichten um die Diepper Korsaren, wer weiß! 🙂

Fakt ist, dass von Dieppe aus, im 15. und 16. Jahrhundert, die Kapverdischen und die Kanarischen Inseln, Brasilien und Florida erfolgreich angesteuert, besiedelt und teilweise in Besitz genommen wurden.

Dieppe – und seine Elfenbeinschnitzer

Berühmt ist Dieppe auch für seine Arbeiten einheimischer Elfenbeinschnitzer vom 16. – 19. Jahrhundert.
Die Sammlung (Museum im Château de Dieppe) gilt weltweit als die wichtigste ihrer Art. Eines der wertvollsten Stücke ist ein Dreimaster, bei dem sogar die Segel aus Elfenbein geschnitzt sind. Der Ruf der Elfenbeinschnitzer von Dieppe war so legendär, dass ihnen fast alle Arbeiten am Hof Ludwigs XIV. übertragen wurden. Kein Wunder, dass bald das Gerücht umging, der Erfolg beruhe auf einem sorgsam gehüteten „Geheimverfahren zur Erweichung des harten Materials“ vor der Bearbeitung. 🙂

Dieppe – die Kathedrale

Die Kathedrale Saint-Jacques wurde im 13. Jahrhundert, im gotischen Stil, an der Stelle einer der Heiligen Katharina geweihten romanischen Kapelle errichtet, die im Jahr 1195 während der Auseinandersetzungen zwischen Richard Löwenherz und Philippe-Auguste abbrannte. Saint-Jacques gilt heute als das „Herz“ der Stadt. Von der alten Kapelle sind nur die Basen der Querschiffe und die beiden Portale erhalten geblieben, die allerdings durch Vorbauten stark verändert wurden.
Der Neubau dauerte bis ins 15. Jahrhundert, wurde von verschiedenen „See-Bruderschaften“ unterstützt und mit dem 42 m hohen, dreigeschossigen herrlichen Südwestturm (Flamboyant-Stil, Foto unten) abgeschlossen. Der im großen Foto sichtbare Kuppelturm stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Das untenstehende Gemälde „Die Kirche des Heiligen Jacques in Dieppe in der Morgensonne“ stammt vom Maler Camille Jacob Pissarro. Er hat es im Jahr 1901 gemalt.

  • Gemälde Pissarro 1901
  • Ansicht der Kathedrale, Foto HLK aus 2012

Dieppe – der Strand
Mit einem Foto, das den berühmten Strand von Dieppe zeigt, schließe ich diesen Artikel. Danke für Ihr Interesse!


    Rouen in der Normandie – wo die Jungfrau von Orleans brannte!

    “ … Zu unseren Füßen lag die Stadt in einer kupferfarbenen Wolke, deren von der Sonne verbrämte Ränder einen Funkenregen in roten Strahlen niederfallen ließen …“ (Émile Zola)

    So beschreibt Émile Zola die Stadt Rouen nach dem Begräbnis des Romanciers Gustave Flaubert im Jahr 1880. Flaubert, der zum „Dreigestirn“ der großen französischen realistischen Schriftsteller zählt (neben Stendhal und Balsac), ist hier in Rouen geboren. Neben anderen Texten seines Frühwerks entstand im Jahr 1836 die Novelle „Bibliomanie“ (deutsch „Bücherwahn“), in der ein Buchhändler aus seiner Leidenschaft zu Büchern zum Mörder wird. Weltbekannt wurde Flaubert durch seinen Roman „Madame Bovary“.

    (Foto: Gustave Flaubert, Netz)

    Rouen, die einstige Hauptstadt der Normandie, ist einer der Anziehungspunkte auf der Reise durch das Land der Normannen. Die Wurzeln dieser Stadt liegen in römischer Zeit: Gegründet als „Rotomagus“, wahrscheinlich um das Jahr 50 n. Chr., wurde Rouen bereits um das Jahr 260 christianisiert und gleichzeitig Bischofssitz. Über die Zeit bis zur Plünderung durch die Dänen und Normannen im Jahr 841 liegt die weitere Geschichte im Dunkeln. Nach der Gründung des Herzogtums Normandie durch Rollo im Jahr 911 wurde Rouen, weil sich Rollo dort taufen ließ, zur Hauptstadt erhoben. Rollos Grablege befindet sich in der Kathedrale von Rouen:

    Rouen und die Kathedrale von Notre Dame
    Die Kathedrale von Rouen gilt als eine der großartigsten Bauten der französischen Gotik, bekannt durch den Maler Claude Monet (linkes Bild).

    Rouen und die Baugeschichte der Kathedrale:
    Ein am Ende des 4. Jh. von Bischof Victrice errichteter erster Steinbau, der bereits der Jungfrau Maria gewidmet war, wurde von den Normannen geplündert. Im Jahr 911 erfolgte eine Wiederherstellung, aber schon im Jahr 1000 leitete Robert, der Sohn Herzog Richards I., einen romanischen Neubau ein, der 1063 in Anwesenheit Herzog Wilhelms II. (des späteren Eroberers) geweiht wurde.
    Bereits hundert Jahre später wurde dieser durch einen gotischen Neubau ersetzt.
    Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!

    Rouen und das Herz von Richard Löwenherz
    In der Kathedrale von Rouen liegt auch das Herz des großen Richard Löwenherz begraben, der von 1189 bis zu seinem Tod im Jahr 1199 als Richard I., König von England war. Er starb im Alter von nur 41 Jahren durch einen Bolzen der von der Kirche geächteten Armbrust.
    Sein restlicher Körper fand in der Abtei Fontrevault im Anjou seine letzte Ruhe.

    Rouen und die Große Uhr:
    Beim Rundgang durch Rouen mit seinen malerischen Fachwerkhäusern trifft man in der Rue du Gros-Horloge ein markantes Haus mit Torbogen (früheres Stadttor). Es wurde um 1530 erbaut. „Le Gros-Horloge“ – wie die farbenprächtige große Uhr aus dem Jahr 1389 genannt wird, weist eine Besonderheit auf: Sie zeigt mit nur einem Zeiger an, was die Stunde geschlagen hat.
    Mythologische Figuren stellen die Wochentage dar, die sich um das Ziffernblatt drehen. Oberhalb des Ziffernblattes sieht man den Mond und seine Phasen.

    Rouen zu Fuß …

    Der Pestfriedhof von Rouen

    Rouen hat jedoch mehr zu bieten als Beschaulichkeit und malerische Fachwerkhäuser: Es gibt mindestens zwei makabre Orte in dieser schönen Stadt an der Seine: Da ist zum einen das Aître Saint-Maclou – der alte Pestfriedhof, in dem sich heute jedoch eine Kunsthochschule befindet.
    Schön makaber ist dieser Platz trotzdem!

    Die Hinrichtungsstätte der Jeanne d’Arc

    Auf dem Place du Vieux-Marché, dem Platz der traditionellen Hinrichtungsstätte, musste auch Jeanne d’Arc am 30. Mai 1431 ihr Leben auf dem Scheiterhaufen lassen. Jeanne, die von Voltaire als „Jungfrau von Orleans“ bezeichnete Heldin des ausgehenden Hundertjährigen Krieges, wurde 1412 in Lothringen als Tochter einfacher Landleute geboren. Der Legende nach vernahm sie als Jugendliche Stimmen, die ihr die Befreiung Frankreichs von den Engländern auftrugen. Die weitere Geschichte ist bekannt. 1456 erfolgte ihre Rehabilitierung. 1920 wurde sie von der katholischen Kirche kanonisiert. Bis heute gilt sie als Symbolfigur des französischen Nationalismus.
    Neben der Hinrichtungstätte wurde im Jahr 1979 eine moderne Kirche errichtet (Sainte-Jeanne-d’Arc), die einem umgekehrten Boot ähnelt.

    Lassen Sie mich diesen Artikel schließen mit einem Zitat des berühmten Sohnes der Stadt, Gustave Flaubert, aus seinem Werk „Bibliomania“:

    „Einen einzigen Gedanken hatte er, eine einzige Liebe, eine einzige Leidenschaft: die Bücher!
    Und diese Liebe, diese Leidenschaft verbrannten sein Inneres, verdarben sein Leben, verschlangen sein Dasein.“

    Quelle: //beruhmte-zitate.de/autoren/gustave-flaubert/

    Ein Streifzug durch die Katharerzeit

    Welche Gründe hatten die Menschen im Mittelalter ihrer Kirche den Rücken zu kehren?

    (Foto Saint-André, „Simiot“ – ein Höllentier)

    Neben den bereits erwähnten Glaubensunterschieden lag es an der immer weiter um sich greifenden Prunksucht und Vetternwirtschaft der Katholischen Kirche, dass sich die Menschen von ihr abwandten. Nicht wenige Priester traten mit ihrer Lebensweise, ihren Machtansprüchen, ihrer Gier, ihrem Geiz, das „wahre Evangelium“ mit den Füßen. „Sie leben vom Schweiße anderer“ – solche und ähnliche Aussagen über die katholischen Würdenträger konnte man im 12. Jahrhundert nicht nur in Südfrankreich vernehmen.

    Auch aus den Liedern der Troubadoure sprach nicht selten der tiefe Hass auf Rom, der in den Herzen vieler Menschen schwelte:

    „Rom, dein Netz, das weißt du wohl zu werfen und Dinge, die dir nicht gehören, wohl zu raffen, denn hinter dem Gesicht des zarten Lammes – Herz eines hungrigen Wolfes und eine Schlange unter der Mitra! Vipern und Teufel gesellen sich in deiner Kammer zu infernalischer Freundschaft!“ (Guilhem Figuera)

    „Satan schickt seine Dämonen aus, um die Liebhaber zu verschwenderischen Gelagen und unzüchtigen Umwerbungen der Damen zu verleiten.“
    (Aus dem Bilderzyklus des Breviari d’Amor von Matfré Ermengaud, einem 34.000 Verse umfassenden Lehrgedicht, 14. Jhd; (Quelle Netz: Informationsdienst Wissenschaft )

    Die katharischen Vollkommenen (Perfekte/Parfaits) hingegen, zogen zu zweit im Land umher, barfüßig oder in Sandalen, mit einem schwarzen mönchsähnlichen Rock und Kapuze angetan. Sie hielten nichts von denen, die Reichtümer ansammelten oder das Schwert im Gürtel trugen. Sie arbeiteten auf den Feldern mit, lehrten die Kinder, pflegten die Kranken. Dabei gingen sie auf Seelenfang. Sie verbreiteten ihre gnostische Lehre und das Neue Testament, das von katharischen Gelehrten vom Lateinischen in die okzitanische Sprache übersetzt worden war. Verachteten die Katharer zu Beginn ihres Wirkens noch die Bildung, stellten sie sich bald um. Unterstützt vom Adel wurden rhetorisch begabte Anwärter zum Studium nach Paris geschickt. Studiert wurden Philosophie, Theologie, Latein, Griechisch, Arabisch, Hebräisch. Vieles wurde an das einfache Volk weitergegeben, so dass die Inquisition später behauptete. „Wer lesen kann, der MUSS Katharer sein!“

    Südfrankreich und die Paratge:
    Dieser Begriff bedeutet vereinfacht: Achtung vor jeder Person und Gleichheit der Seelen.  In Okzitanien gab es so gut wie keine Leibeigenen. Jeder Bauer konnte zu Grund und Boden gelangen, jeder Bürger Ritter werden. Frauen durften selbständig Handel treiben und ihre Meinung kundtun. Die Grafen teilten sich ihre Macht mit frei gewählten Konsuln.

    Ein weiterer Dorn im Auge der Okzitanier waren neben der Prunksucht der Geistlichen, die hohen Abgaben. Die katharische Kirche verlangte den Zehnten nicht, während die katholische obendrein noch ein Achtel der Getreideernte einforderte.

    Die Frauen im Süden Frankreichs

    Auffällig war es, dass es besonders viele Frauen zu den Katharern zog, Witwen, unverheiratete Frauen, Ehefrauen, auch sie konnten sich schulen lassen, studieren, die Geistweihe erhalten und predigen – was die katholische Kirche noch heute nicht gestattet. Durch das überlieferte Recht, von der Erbfolge nicht ausgeschlossen zu sein – ein Erstgeburtsrecht gab es in Okzitanien nicht – kamen nicht wenige adelige Frauen in den Besitz der väterlichen Burg oder eines Domizils ihrer Ahnen. In diesen Katharerhäusern bildete man lange Zeit offen, später natürlich heimlich, die Kandidaten für das Consolamentum (Geistweihe) aus, dort bereiteten sich die Vollkommenen auf ihre Pflichten vor.

    In einigen Gegenden Südfrankreichs gab es sogar deutlich ausgeprägte Frauenrechte, eine Art Matriarchat. Zog beispielsweise ein Mann in das Haus seiner Frau ein, so übernahm er den Namen der Schwiegermutter, die nicht selten den Ehrentitel „Na“ (für Domina) trug.

    Dennoch hatte die Erlaubnis der Frauen, sich zur Vollkommenen, zur parfaite, weihen zu lassen, nichts mit Emanzipation, wie wir es heute verstehen, zu tun. Die Engelseele steckte nach katharischem Verständnis in ihrem irdischen Gefängnis, dem Körper. Einen Engel wagte man sich aber ausschließlich von männlichem Geschlecht vorzustellen. Deshalb behaupteten die katharischen Gelehrten (Notlösung?), dass die weibliche Seele  durch die Geisttaufe zu einer männlichen würde.

    Die Waldenser (eine weitere christliche Laienprediger-Bewegung aus dem Süden Frankreichs, gegründet von Petrus Waldes, einem reichen Kaufmann aus Lyon), dachten konzilianter über diese Fragen. Einer ihrer Vertreter, Raymond de la Cóte, bestritt ausdrücklich die Möglichkeit (und damit wohl auch die Notwendigkeit) eines solchen postumen Geschlechtswandels der Frauen. „Jeder“, sagte er, „wird in seinem eigenen Geschlecht wiedergeboren!“
    Das Glaubensbekenntnis der Waldenser wich übrigens in vielen Fragen nicht annäherend so wesentlich von der katholischen Lehre ab, wie das katharische.

    Roms Antwort

    Roms Antwort auf diese für die katholische Kirche gefährliche Bewegung bestand aus Feuer und Schwert – und irgendwann aus Schweigen. Dem Verschweigen unbeschreiblich grausamer Vorgänge, die die fast vollständige Ausrottung der Ketzer zur Folge hatte.

     

    Der Katharismus lehrte allein die Rettung der Seele und lehnte die Welt als Werk des Teufels ab. Der Katholizismus vertrat die Erlösung des Leibes und der Seele und sah in der Welt die Schöpfung Gottes.“
    (M. Benad, Domus und Religion in Montaillou, S. 310)

    ***

    Die Historischen Romane von Helene L. Köppel gibt es als E-book + Kindle Unlimited.

    Taschenbuchausgaben: Derzeit nur „Alix“ und „Béatris. (Stand Sept. 2017)

    ROMANSCHAUPLÄTZE
    COLLIOURE UND RENNES-LE-CHATEAU

    Heimisch fühle ich mich seit langem auch in Collioure (Südfrankreich) – meiner Wahlheimat, wohin ich mich seit mehr als 30 Jahren immer wieder zurückziehe, um auch dort “meinen Garten zu bestellen”, d.h. für einen neuen Roman zu recherchieren, zu schreiben – oder auch nur über den Wochenmarkt zu bummeln, die Beine ins Meer zu hängen und abschließend bei Tony einen café au lait zu trinken.
    Wenn ich in Collioure ankomme, habe ich das Gefühl, endlich wieder zuhause zu sein …

    Es ist „Le savoir vivre“  – die französische Lebensart, die ich so schätze!

    Und so, wie die berühmte Autorin Donna Leon „ihren“ Inspektor Brunetti in Venedig angesiedelt hat – wirkt „mein“ Kommissar Claret in Collioure und in Toulouse … (allerdings hapert es noch ein wenig mit unserer Berühmtheit! 🙂 🙂 🙂 )
    „Chaque chose en son temps“,
    pflegt Maurice Claret zu sagen: „Alles zu seiner Zeit!“

    Fotos: HLK 2009 bzw. 2010, chez Tony, Collioure)

    (Foto HLK beim Bummel durch die Kunstszene von Collioure)
    (Mehr zu Collioure bitte hier klicken!)

    Gute Kontakte pflege ich auch zu einem geheimnisvollen Bergnest in Südwestfrankreich, zu Rennes-le-Château – dem Schauplatz meines zweiten Romans “Die Erbin des Grals” (E-book-Titel “Marie”). Dieser Roman wurde jahrelang auch in Rennes-le-Château verkauft.

    Vielleicht sollte ich mal Maurice Claret in die Suche nach dem Schatz des Priesters  Bérenger Saunière einbinden?
    Was meinen Sie als Leser dazu? 🙂

    (Foto: HLK 2006, Signierstunde in Rennes-le-Château)

     

    Neugierig geworden auf weitere interessante Orte in Frankreich? Orte, die ich besucht habe und die in meinen Romanen die eine oder andere Rolle spielen?
    Unter SÜDFRANKREICH (s. schwarze Leiste oben) haben Sie ganz bestimmt die Qual der Wahl für Ihre eigene Frankreichreise! 🙂

    Viel Vergnügen – und vergessen Sie bitte auch nicht die kulinarische Seite Frankreichs!

    Il faut rajouter de la vie aux années et non des années à la vie!
    (Man muss das Leben den Jahren hinzufügen und nicht die Jahre dem Leben!)

     

    Die Katharer und ihr Glaube an
    „die beste aller Welten“

     

    von Helene Luise Köppel

    Das Christentum, das als monotheistische Religion zu Zeiten des Römischen Reiches selbst nur eine Sekte unter vielen war, hatte von Anfang an mit abweichenden Glaubensrichtung zu kämpfen, wobei die gnostischen Bewegungen wohl am härtesten von Rom verfolgt wurden.
    Mit ihrem Ausspruch “Wir sind nicht von dieser Welt” wiesen die Katharer (12. – 14. Jh.) auf die Bogumilen hin (9. – 10. Jh.), auf ihren Mythos von den „Gefallenen Engeln“, die seit ihrem Sturz aus dem Himmel in Menschenkörpern gefangen sind. Luzifer (oder der böse Gott, das dunkle Prinzip) sei bei diesem Sturz ein wertvoller Stein aus der Krone gefallen.
    Auf diesen Stein nimmt Wolfram von Eschenbach in seinem Parzifal Bezug: Im Heer der Engel waren einst hocherlauchte Scharen. Die standen teilnahmslos beiseit, als Luzifer mit Gott im Streit. Zur Strafe mussten sie auf Erden, des Steines erste Hüter werden.“

     

    Die Katharer als Hüter des Steines?
    Die Erde als Straflager für aufmüpfiges Verhalten gegenüber Gott?

     

    Eine gewagte, aber nicht uninteressante These, mit der sich schon viele Theologen, Historiker, Dichter und Autoren befasst haben, denn sie mündet unweigerlich in die Grals-Thematik.
    Irgendwann – so nahmen die Katharer an – vergaßen die „Hüter“ ihre göttliche Herkunft (ihren Gral?). Das Wissen um die „beste aller Welten“ ging verloren, jedenfalls so lange, bis Jesus Christus kam, gewissermaßen als oberster Gralshüter, und die Menschheit wieder daran erinnerte.
    Um urchristliche Wahrheit und Reinheit bemüht, glaubten die Katharer – wie übrigens alle Gnostiker! – nicht an die Göttlichkeit Jesu. Er stand ihnen als Primus inter Pares vor – als Erster unter Gleichen. Sie glaubten aber auch nicht an die Auferstehung des Fleisches, sondern einzig an eine Erlösung im Geiste und an das Fortleben der Seele.

    Doch wie konnte die Rückkehr der Seele in “die beste aller Welten” erreicht werden?


    Die Katharer glaubten zu wissen, dass die Seele so lange wiedergeboren werden muss, bis sie im Körper eines Vollkommenen (eines katharischen Parfaits/Perfekten) angelangt ist – und er die Geistweihe, das „Consolamentum“ (wichtigster katharischer Ritus) erhält.
    Vor dem Erhalt des Consolamentums musste der Perfekte jedoch für absolute „Reinheit“ sorgen – was freilich nichts damit zu tun hatte, dass er seinen Teller (üblicherweise) nach Gebrauch neunmal wusch, sondern dass er fortan streng asketisch und keusch lebte.
    Im Gegensatz zur römisch-katholischen Amtskirche zählten bei den Katharern auch Frauen zu den geweihten Perfekten – was wiederum bei Wolfram von Eschenbach seinen Niederschlag fand: „Nach Gottes Willen soll der Stein in reiner Jungfraun Pflege sein …“
    Auch wenn die Schriften der Katharer weitgehend verloren gingen: Ihr harter Kampf um Reinheit, ihr Streben nach der Rückkehr in die „beste aller Welten“ ist bis heute unvergessen, wie auch ihr Vermächtnis:
    “Wir, die Armen Christi, werden verfolgt wie die Apostel und die Märtyrer, obwohl wir ein äußerst strenges und heiliges Leben führen. Wir erdulden dies, weil wir nicht von dieser Welt sind. Aber ihr, die ihr diese Welt liebt, lebt auch in Frieden mit ihr, weil ihr von dieser Welt seid.”

     

    Anmerkung: Der Begriff „die beste aller (möglichen) Welten“ geht auf Leibnitz zurück, der 1710 den Nachweis versuchte, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei (nicht der Himmel der Katharer), weshalb die Existenz des Übels in der Welt nicht der Güte Gottes widerspreche.

     

    (Foto HLK priv. Donjon Arques, der Montségur in Flammen)

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    VOLTAIRE und die „Affäre Calas“

    Correspondance Voltaire

    Als im Jahr 2008 nach intensiven Quellenstudien mein Roman über den Justizskandal „Jean Calas“ erschien (Aufbau-Verlag, Berlin), bat mich die Voltaire-Stiftung in Bad Liebenwerda (Correspondance Voltaire) um einen Artikel für ihre Website.
    Diesen Beitrag stelle ich nun – unter Verwendung eigener Toulouse-Fotos (2004) hier auf meiner Website ein:

    UM WAS GING ES IM FALL CALAS:

    JEAN CALAS, Tuchhändler und Hugenotte aus Toulouse wurde am 18. November 1761 vom Toulouser Capitoul für schuldig befunden, seinen Sohn umgebracht zu haben. Man warf ihm vor, er habe verhindern wollen, daß dieser zum katholischen Glauben übertritt. Am 10.3.1762 wurde Jean Calas bei lebendigem Leib aufs Rad geflochten, wo er starb. Voltaire erreichte in einer 3 Jahre dauernden europaweiten zäh und mit erheblichen finanziellen Mitteln geführten Kampagne, daß dieser abscheuliche Justizmord als solcher anerkannt werden musste und die Angehörigen Calas eine Entschädigung erhielten.

    VOLTAIRE und die „Affäre Calas“  von Helene L. Köppel

    Was soll man einem Menschen antworten, der einem sagt, dass er lieber Gott gehorche als Menschen und der sich folglich sicher ist, sich den Himmel zu verdienen, wenn er einen erwürgt?„, schreibt Voltaire im Artikel ‚Fanatismus‘ seines Phiolosophischen Wörterbuchs. Diese Warnung bezieht sich auf die Fundamentalisten seiner Zeit –  im besonderen Maße aber auf den Fall des Hugenotten Jean Calas, für dessen Rehabilitierung er sich 1762 mit großer Zähigkeit und erheblichem finanziellen Engagement eingesetzt hat.
     

    Jean Calas, ein bis dahin rechtschaffener, unbescholtener und geachteter Tuchhändler in Toulouse, gehörte zu den wenigen Reformierten der Stadt, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Er wurde gemeinsam mit seiner Familie angeklagt, seinen Sohn Marc-Antoine erhängt zu haben. Begründung des Gerichts: Marc-Antoine habe sich vom reformierten Glauben abgewandt, um zum Katholizismus überzutreten.

    Eingangstür Rue des Filatiers 50

    Inschrift Calas Rue des Filatiers 50

    „Haus von Jean Calas wo der Leichnam seines Sohnes Marc Antoine am 13. Oktober 1761 aufgefunden wurde.“

    Rue des Filatiers 50 Innenhof

    Was genau geschah am 13. Oktober 1761 in Toulouse, in der Rue des Filatiers 50?

    Lavaisse, ein junger Freund der Familie kommt zu Besuch. Jean Calas, seine Frau und seine Kinder laden ihn zum Abendessen ein. Man speist gemeinsam, unterhält sich über familiäre Dinge und über die „Altertümer auf dem Rathaus“ (umstrittene Kunstwerke). Man lacht miteinander.

    Doch die Familienidylle ist trügerisch …

    Voltaire schreibt ein Jahr später über diesen Abend (er leiht seine Stimme der Ehefrau und Mutter):
    „Da wir am Nachtische waren, steht dieses unglückliche Kind, ich meine meinen ältesten Sohn Marc-Antoine, von der Tafel auf und geht durch die Küche, wie es seine Gewohnheit war, hinweg. Die Magd sagt zu ihm: Frieren Sie, Herr Calas? Wärmen Sie sich hier!
    Nichts weniger, antwortet er, ich bin im Gegenteil ganz erhitzt! Um ungefähr 9 3/4 Uhren nahm unser Besuch Abschied von uns, wir gaben unserem zweiten Sohn die Fackel, den Gast zu begleiten und den Weg zu weisen. Sie gingen miteinander hinunter. Im Augenblick aber, als sie drunten waren, hören wir lautes Geschrei und Lärm, konnten aber nicht unterscheiden, was man redete. Mein Mann lief hinzu, ich aber blieb zitternd auf der Galerie, ich durfte nicht hinunter gehen, ich wusste nicht, was es wohl sein möchte …“

    Was es wohl sein möchte?

    Marc-Antoine hängt tot am Türrahmen des im Keller befindlichen, väterlichen Kontors. Hat er sich umgebracht, weil man ihm, als Hugenotte, nach abgeschlossenem Jurastudium die Ausübung des Berufes verbot? Marc-Antoine war in den Wochen zuvor schwermütig gewesen.

    Jean Calas, sein Vater, 64 Jahre alt – entsetzt, erschüttert –  weiß, wie man in Toulouse mit Selbstmördern verfährt: Sie werden mit dem Gesicht nach unten zum Richtplatz geschleift, man bewirft sie mit Steinen und hängt sie an den Galgen.
    Diese Schmach will er seiner Familie und seinem toten Sohn ersparen.

    Und nun begeht Jean Calas den größten Fehler seines Lebens:

    Er beschließt, den Suizid als Mord hinzustellen:  Ein Fremder muss das Abscheuliche getan haben! Das ist für ihn, in dieser furchtbaren Stunde, die Wahrheit! Das Unglück spricht sich noch in der Nacht wie ein Lauffeuer herum und ruft die Bruderschaft der Weißen Büßer * auf den Plan, erbitterte Feinde der Hugenotten, fanatische katholische Glaubenswächter. Die Büßer, angetan mit weißen Kutten und langen spitzen Kapuzen mit Augenschlitzen, nutzen die Situation, um es den Hugenotten wieder einmal zu zeigen: Sie rotten sich zusammen, eilen zum Haus der unglücklichen Familie, schreien:

    „Es  ist sein Vater und seine protestantische Blutsverwandtschaft, die ihn ermordet hat; er hat wollen katholisch werden, er sollte den folgenden Tag abschwören, sein Vater hat Hand an ihn gelegt und ihn erwürget. „

    Die Gerichtsbüttel kommen. Die Stimmung heizt sich weiter auf. Die halbe Stadt läuft zusammen. Obwohl die katholische Magd ihren langjährigen Arbeitgeber und auch alle anderen Anwesenden entlastet, wird die gesamte Familie verhaftet, auch die Magd. Alle werden sie an „Eisen und Band“ geschlossen, das Familienvermögen wird, wie es jahrhundertelang die Inquisition vorgemacht hat, eingezogen. Jean Calas klagt man des Kindesmordes an; den Hausgast Lavaisse bezichtigt man, Henker einer protestantischen Versammlung zu sein, „die jeden erwürgte, der die Religion ändern wolle“. Dies sei „die gewöhnliche Jurisprudenz der Protestanten“, heißt es in der Stadt. Gerüchte laufen von Haus zu Haus, von väterlichen Drohungen ist die Rede. Nicht wenige Leute bilden sich ein, Marc-Antoines gellende Stimme in der Nacht gehört zu haben.

    Richter des Toulouser Gerichts

    Das Urteil

    Am 9. März 1762 sprechen die Richter mit einer Mehrheit von acht zu fünf Stimmen Jean Calas schuldig und verurteilen ihn zum Tode durch das Rad. Sein jüngster Sohn Pierre wird auf Lebenszeit aus Frankreich verbannt, die Töchter ins Kloster gesteckt, die anderen Angeklagten werden freigesprochen. Weil Jean Calas auch nach dem Urteil kein Geständnis ablegt, kommt die Folter zum Einsatz.

    Mit Feuer bringt man seine Zehen und Finger zum Platzen und enthäutet sie. Doch Jean Calas bleibt standhaft.

    Seine letzten Worte waren: „Ich habe die Wahrheit gesagt, ich sterbe unschuldig …“ Danach zerschlug ihm der Henker mit einer Eisenstange Knochen und Rückgrat, um ihn aufs Rad flechten zu können, wo Calas noch so lange litt, bis man ihn gnädigerweise erwürgte. Seine Asche wurde in alle Winde zerstreut.

    Die Rolle der Justiz im Fall Calas

    Zwar war das Strafverfahren für ganz Frankreich seit dem Jahr 1670 durch die Ordonnance Criminelle einheitlich geregelt, in der Praxis sah es jedoch anders aus. Die „Capitouls“ (Konsuln) von Tolouse – einige gehörten der oben genannten Bruderschaft der Weißen Büßer an  – waren die Richter der ersten Instanz. Das Strafrecht des Ancien Régime kannte keine Gewaltenteilung. Es sah keinen Anwalt für den Angeklagten, auch keine Gegenüberstellung mit den Zeugen vor. Stattdessen machte das Gericht vom sogenannten Monitoire Gebrauch, ein Aufruf zur Denunziation an jedermann. Vermutungen, Erzählungen vom Hörensagen – alles absolut geheim – wurden in Viertel- und Achtel-Beweisen umgemünzt, addiert, so daß aus 4 Viertel-Beweisen ein ganzer Beweis wurde! Jean Calas erhielt auch keine Abschriften über diese Aussagen.
    Das Todesurteil stützte sich also auf reine Indizien und mehr oder weniger fingierte oder zurechtgebogene Zeugenaussagen.

    „Auf diesen Wahn hat man das Urteil gegründet“, kommentierte Voltaire dies später. Die einzige Möglichkeit, das Urteil aufheben zu lassen, bestand für Calas darin, den königlichen Gerichtshof, das sog. Parlement, anzurufen, doch dieses – erzkatholisch und erzkonservativ – stützte sich einzig auf die „Fakten“ aus der ersten geheimen Verhandlung. Unter solchen Bedingungen hatte der Hugenotte Jean Calas keine Chance auf eine gerechte Verhandlung.

    Die Rolle der römisch-katholischen Kirche und der Weißen Büßer

    Obwohl es keinen Beweis gab, dass Marc-Antoine Calas je die Absicht hatte, konvertieren zu wollen, nutzte die katholische Kirche die Gelegenheit, indem sie Gerüchte streute, ihre „eigenen Wahrheiten“ verbreitete, den Pöbel aufputschte – ja, sogar veranlasste, dass Marc-AntoinDie Büsser heute - imme rnoch aktiv!e Calas als Katholik (der er nicht war!) und Märtyrer begraben wurde.
    Die Weißen Büßer hielten ein feierliches Hochamt für den Jungen ab, errichten ihm ein prächtiges Grabmal, auf das man sein Bildnis stellte, mit einem Palmzweig in der Hand.
    „Das Wort Kindesmörder und – was noch schlimmer war – Hugenotte ging in der ganzen Provinz von Mund zu Mund“, schreibt Voltaire in seinem Philosophischen Wörterbuch.

    Was Jean Calas` Verurteilung und Hinrichtung noch beschleunigte, war, so Voltaire, die Nähe zu dem berüchtigten Fest, das die Toulouser jährlich zum Andenken an die Niedermetzelung der viertausend Hugenotten feierten (200-Jahr-Feier, 1562-1762!).
    Die fanatischen Büßer erklärten dabei öffentlich, das Schafott, auf dem man Calas rädern werde, würde die größte Zierde des Festes sein, und die Vorsehung hätte dieses Schlachtopfer beschert, damit es der heiligen Religion dargebracht werden konnte.

    Voltaire – das Gewissen Frankreichs – schaltet sich ein

    Voltaire ist 68 Jahre alt und krank, als er von der Affäre Calas hört. Zunächst von der Schuld des Jean Calas überzeugt, beginnt er bald zu zweifeln. Er untersucht den Fall und stellt fest, dass eine solche Verschwörung unmöglich sei: „Wie hätte der Vater, selbst mit starker Beihilfe anderer, seinen Sohn an beide Flügel einer Türe auf dem untersten Stockwerk aufhängen können, ohne gewaltigen Kampf und Widerstand, ohne greulichen Tumult?“


    Voltaire besitzt einflussreiche Freunde

    Er ruft ein Komitee ins Leben, das ihn bei seinen Bemühungen um eine Revision unterstützt. Er will gewinnen – und zugleich die Ehre der Familie Calas wiederherstellen. Er verpflichtet Anwälte und – das Wichtigste! – er setzt ersmals in der Geschichte das ein, was heute eigentlich die PresseBrief der Witwe Calas in deutscher Überseztung übernehmen sollte:

    Voltaire stellt die Öffentlichkeit her!

    Er verfasst sog. Denk- und Schutzschriften im Namen der Witwe Calas und ihrer Söhne und verschickt sie auf eigene Kosten in halb Europa (auch in Deutschland). Sein Vorhaben gelingt: Endlich nimmt sich der König des Falles an und rehabilitiert die Familie Calas. Am 9.3.1765 verkündet der Kronrat posthum die Unschuld von Jean Calas. Im September 1762 antwortete Voltaire auf die Frage, warum er sich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens im Fall Calas einsetzte: „Weil sich sonst keiner darum gekümmert hat.“

    Voltaire hat zum einen die Richter angeklagt, auf das unsägliche Monitoire verwiesen (s.o.) –  und er hat den Blick auf England gerichtet, das damals bereits die Religionsfreiheit garantierte. Die Hauptschuld für diesen Justizskandal sah er jedoch bei den Fanatikern, der katholischen Kirche, den Weißen Büßern von Toulouse  – und dem „Geschrei des rasenden Pöbels“, dem unaufgeklärten, ungebildeten Volk.
    (Voltaire: „… es ist nicht alles verloren, wenn man das Volk in den Stand setzt, zu merken, dass es einen Geist hat.“)

    Was bleibt?

    Dass Voltaire am Beispiel Calas für eine umfassende Strafrechtsreform eintrat und England, wo Gerichtsverhandlungen nicht geheim waren, als glühendes Beispiel hinstellte, hat in Frankreich dafür gesorgt, dass der Willkür der Richter ein Riegel vorgeschoben wurde.

    „Unser Ziel muss sein, die Fanatiker um ihren Einfluss zu bringen!“

    Dass sich Voltaire 1763 in seiner Schrift „Über die Toleranz“ (Traité sur la tolérance) vehement für Religionsfreiheit aussprach und nachwies, dass Jean Calas vor allem ein Opfer des Fanatismus wurde, ist für uns alle Verpflichtung, wachsam zu sein.

    Voltaire hat die Affäre Calas für die Fortführung seines eigenen Kampfes gegen Fanatismus und Aberglauben benutzt. Dabei setzte er auf Vernunft, Toleranz und Bildung – und auf öffentlichen und freien Zugang zu allen Informationen – hohe Güter, die auch heute, im 21. Jahrhundert, von uns gehegt, beschützt und verteidigt werden müssen.

    Helene Luise Köppel

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    Fotos: Helene L. Köppel privat

    Quellen:

    Authentische Briefe welche das traurige Schicksal der reformierten Familie Calas zu Toulouse nach der Wahrheit vor Augen legen“, aus dem Französischen übersetzt, 1762, 44 S. (in Privatbesitz Helene L. Köppel)

    Albert Gier/Chris E. Paschold“, Voltaire. „Die Toleranz-Affäre“, Bremen, 1993

    „Voltaire – Über die Toleranz, 1763, in: „Recht und Politik“, Hg. und Nachwort von Günther Mensching, Frankfurt/M. 1978

    Zitate:

    Voltaire „Für Wahrheit und Menschlichkeit“, Stuttgart 1939
    Voltaire „Korrespondenzen aus den Jahren 1749 bis 1760, Leipzig 1978
    Voltaire “ Philosophisches Wörterbuch, Leipzig 1984

    Belletristik:

    Helene L. Köppel, „Die Affäre Calas“, Berlin 2008; „Die Affäre C.“, 2013, Taschenbuch u. E-book

    Neuauflage 2013 „Die Affäre C.“, Taschenbuch und E-book:

    Anmerkung:

    * Weiße Büßer von Toulouse: Diese Bruderschaft wurde Anfang des 13. Jahrhunderts in Toulouse gegründet, um das Kreuzfahrerheer im Kampf gegen die Katharer zu unterstützen; 1614 Neugründung; sieben eigene Häuser in Toulouse, relativ unabhängig von der römisch-katholischen Kirche; am Gründonnerstag zog die Bruderschaft in stundenlanger Prozession durch die Stadt.