Ai Tolosa! – Teil II.

Wie umfangreich die Ländereien des Grafen Raymond von Toulouse VOR dem Kreuzzug gegen die Katharer waren, zeigt die nachstehende Karte:

(Karte entnommen aus „Les Cathares, Chronologie de 1022 à 1321; Maurice Griffe, ISBN: 2-907854-14-3)

Erklärungen zur Karte:  Rosa – die Besitztümer/Ländereien der Grafen von Toulouse, Hellrosa – die Gebiete ihrer Vasallen/Lehnsnehmer/Verbündeten.  Grün – die Vizegrafschaften des Trencavel, Albi, Béziers und Carcassonne. Gelb– die Ländereien des Königs von Aragón.

Die Verwandtschaftsverhältnisse waren kompliziert. Der gesamte Adel des Südens war mehr oder weniger miteinander verbandelt: Peter II. , der König von Aragón, war mit den Tolosanern verschwägert – und zugleich Lehnsherr des Vizegrafen Trencavel, jedoch nur die Stadt Carcassonne betreffend. Der Trencavel wiederum war ein Neffe Raymonds VI. von Toulouse (der Sohn seiner Schwester Adelaide von Toulouse) und sein Vasall, was Béziers betraf. (Die Lehnsrechte wurden stets auf Lebenszeit verliehen.)

UND NUN KOMMT DIE LILIE INS SPIEL:

König Philipp II. August (1165-1223), ; ein Kapetinger, hatte bereits am 3. Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems von Saladin teilgenommen. Er war Oberlehnsherr von Raymond VI. von Toulouse und zugleich sein Oheim (Onkel). Ein Umstand, der ihn ganze zehn Jahre zögern und zaudern ließ, dem von Rom geforderten Kreuzzug gegen die Katharer zuzustimmen. Als er jedoch befürchtete, Raymond von Toulouse und Peter II. von Aragón könnten einen pyrenäenübergreifenden Reichsverband schließen – Frankreich wäre damit vom Mittelmeer abgeschnitten gewesen – gab  er im Jahr 1208 dem Drängen des Papstes (Innozenz III.)  nach und beorderte seine Barone in den Süden.

(Philipp II. von Frankreich, Stahlstich, 1845, von Jacques Étienne Pannier.)

Die höchsten weltlichen Adligen auf französischer Seite, die für den König am Albigenserkreuzzug teilnahmen – Philipp selbst zog nicht mit in den Süden – waren der Herzog von Burgund, die Grafen von Nevers, Saint-Pol, Valence, sowie Peter von Auxerre  und Robert von Courtenay – Vettern von Raymond von Toulouse.

Der Chronist Wilhelm von Tudela spricht von 20 000 Rittern in glänzenden Rüstungen und mehr als 200 000 Fußsoldaten, die Kleriker und Bürger nicht inbegriffen. Diese Zahlen sind heute umstritten. Zeitgleich zog eine kleinere Armee unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Bordeaux los; über ihren Verbleib schweigen die Quellen.

Als ihren weltlichen Heerführer bestimmten die Barone der Kreuzfahrer – jedoch erst nach der Eroberung von Carcassonne – Simon von Montfort, s. Teil I.


Der geistliche Heerführer des Kreuzzugs gegen die Katharer war von Anbeginn an der Abt von Citeaux, Arnold Amaury – auch „Abt der Äbte“ genannt. Er entstammte der alten Familie von Narbonne. Als Haupt des Zisterzienserordens setzte er sich mit Eifer und großer Hartnäckigkeit für die Sache seiner Kirche ein. Die Okzitanier jedoch verspotteten ihn aufgrund seiner Eitelkeit: „Ara roda l`abelha“ nannten sie ihn hinter seinem Rücken („die Biene summt herum“) und sie forderten, dass er sich entweder für seinen Luxus oder seine Predigten entscheiden sollte.

(Im Bild Arnold Amaury, der „Abt der Äbte“)

Der größte Widersacher Raymonds von Toulouse war jedoch der Bischof seiner eigenen Stadt – Fulco von Marseille, später Fulco von Toulouse genannt, (um 1150 – 1231).

Der Zisterzienserabt Fulco (verheiratet und Vater von zwei Söhnen) war vor seiner geistlichen Laufbahn Troubadour gewesen. Er entwickelte sich zum erbitterten Feind der Grafen von Toulouse, verglich die Katharer mit Wölfen und die Rechtgläubigen mit Schafen. Dante versetzte Fulco in seiner Göttlichen Komödie in den Himmel der Venus. Fulco von Toulouse findet aber auch Erwähnung bei Nikolaus Lenau in dessen Versepos „Die Albigenser“ (andere Bezeichnung für Katharer):

„Wie kam es, dass der frohe Troubadour Fulco sich hat gesellt dem Priesterorden, der Kirch Spür- und Hetzhund ist geworden, nachwitternd ohne Rast der Ketzerspur?“

ZUM ABSCHLUSS von „AI, Toulouse, Teil II“, noch ein kleiner Auszug aus meinem Roman „ALIX“

„Rot, gold und weiß. Die Farben des Kreuzzugs leuchteten schon von weitem, die mitgeführten Fahnen, Wimpel und Standarten gingen in die Tausende. Unaufhaltsam bewegte sich der Zug durch das Land der Katharer. Hinter der riesigen Schar der Geistlichen und Edelleute, zogen die Ritter und Waffenknechte einher, angetan mit schweren Ringelpanzern, begleitet von ihren Knappen – ein Wald von Lanzen und prächtigen Wappenschildern …

Gott will es!, schallte es mehrmals am Tag aus allen Kehlen, immer dann, wenn die Einpeitscher des Abtes von Citeaux – rhetorisch besonders begabte Prediger – das Feindbild in schwärzesten Farben ausmalten. Die Farben des Kreuzzugs …

Simon von Montfort gab das prächtigste Bild von allen ab, die an der Spitze ritten: Groß, stattlich, ein Bart so schwarz wie der des Apostels, welcher Jesus verriet, ein leuchtend roter Wappenrock – auf der Brust der weiße Löwe seines Hauses …

Bischof Fulco, der Vierte im Bunde, lachte spöttisch. Er war in seiner Jugend Troubadour gewesen und hatte die Rosenwangen der Damen gepriesen, bevor er sich die Tonsur scheren ließ …“ (Seite 418 ff)

Das Rad des Schicksals nimmt seinen Lauf …

 

 

 

DAS PERSONALTABLEAU der Kreuzfahrer gegen die Albigenser kann auf einer Autoren-Homepage wie dieser natürlich nur unvollständig aufgezeigt werden. Weitergehende Informationen oder Quellenangaben finden Sie in seriösen Sachbüchern oder im Anhang meines o.g. Romans.

Auf den Auslöser des Kreuzzugs, den päpstlichen Legaten Peter von Castelnau, werde ich gelegentlich noch einmal eingehen … es gibt da nämlich eine merkwürdige Begebenheit, die näher betrachtet werden sollte …

 

Ai Tolosa! – O weh Toulouse!

Historische Einführung (copyright HLK)

Im Süden Frankreichs (Okzitanien) hinterließen zahlreiche Völker ihre Spuren: Kelten, Griechen, Römer, Westgoten, Sarazenen. Im Hochmittelalter ist Okzitanien ein loser Zusammenschluss von Grafschaften, Herzogtümern und Lehnsstaaten – jedoch mit einer eigenständigen Sprache, dem sog. »Oc«* (verwandt mit dem heutigen Catalan). Es herrschen Freizügigkeit, Toleranz und die Paratge: Eine vergleichbare Ehre und Würde für alle Menschen. Frauen dürfen Handel treiben und ihre Meinung kundtun. In den Städten entwickeln sich erste Bürgerrechte (Konsulate nach römischem Vorbild). Zwei Dynastien prägen das Land: Die Grafen von Toulouse und die Familie Trencavel, die Vizegrafen von Albi, Carcassonne, Béziers und des Razès. Auf ihren Burgen und Minnehöfen herrscht die ritterliche Galanterie, Troubadoure gehen ein und aus, singen von der Fin Amour, der reinen Liebe.

* Die sog. langue d`oc, die Sprache der Troubadours, wurde im Mittelalter nicht nur im Midi, im Süden Frankreichs, sondern auch in weiten Teilen Europas gesprochen und verstanden („Oc“ bedeutet „Ja“). Sie war der nordfranzösischen langue d`oil (oui – „Ja“ ) gleichgesetzt, wurde nach der Annexion des Languedoc jedoch verdrängt, wird aber heute wieder an den Schulen und Universitäten gelehrt. (Quelle Karte: //villageampus83.blog.lemonde.fr/files/ocoil.gif)

(Foto HLK, Capitouls von Toulouse, 18. Jh, Musée d`Augustin, 2004)

Dass in Okzitanien auch die Wiege der Troubadoure steht, der Minnehöfe und der Fin Amour, der reinen Liebe, wen verwundert das?

Doch es ist längst nicht alles Gold, was glänzt: In relativ guter Nachbarschaft stehen sich zwei christliche Kirchen gegenüber: Die der Katharer (Abweichler vom herkömmlichen Glauben) und die der römisch-katholischen Kirche – wobei letztere, weil zunehmend korrupt, ständig an Einfluss verliert. In Scharen zieht es die Menschen zu den friedfertigen boni christiani, den Katharern, bis sich Papst Innozenz III. zum Handeln gezwungen sieht und den Kreuzzug predigt: » … nehmt ihnen ihre Länder weg, damit katholische Einwohner an die Stelle der vernichteten Ketzer treten können.

Philipp II. August, der König von Frankreich und Oberlehnsherr von Toulouse, beordert einflussreiche Barone in den Süden. Im Jahr 1209 versammeln sich die ersten Kreuzfahrer bei Lyon. Béziers ist ihr Ziel, die Parole lautet: »Tötet sie alle (Katharer, Juden, Katholiken), Gott wird die Seinen schon erkennen!«
Noch im gleichen Sommer wird die Festungsstadt Carcassonne belagert und eingenommen. Der Kapetinger gilt als aufbrausend, energisch, wenig gebildet, jedoch politisch geschickt. Er trägt wesentlich zur Stärkung des Königtums und zur Kontinuität des kapetingischen Hauses in Frankreich bei.

Philipp II. August empfängt einen päpstlichen Legaten. Illumination aus den Grandes chroniques de France, um 1335. (British Library, London)

 

Im Foto oben: Die Belagerung von Béziers in Bild und Ton (anlässlich der 800-Jahr-Gedenkfeier im Jahr 1209)

Carcassonne – oppidum gallicum – ist die größte mittelalterliche Festungsstadt Europas, 24 km nördlich von Limoux, an der Straße vom Mittelmeer zum Atlantik gelegen. Im 12./ 13. Jahrhundert besitzt sie zwei Vororte, Saint-Michel und Saint-Vincent, wird von Konsuln mitregiert und ist Sitz bedeutender Katharerbischöfe.

Simon von Montfort (um 1164-1218) ein ehrgeiziger Graf aus Paris (Ile-de-France), Sohn des Grafen von Montfort d’Amaury und der Gräfin von Leicester, übernimmt das Erbe des jungen, blonden Trencavel (der in seinem eigenen Kerker stirbt) – und setzt sich zugleich an die Spitze des Heeres. Unbarmherzig verfolgt er die Katharer Okzitaniens und bringt mit Feuer und Schwert das Land in seine Gewalt.

Über das Schicksal der Städte Béziers und Carcassonne erfahren Sie mehr in meinen Romanen „Alix: Das Schicksalsrad“ und „Sancha: Das Tor der Myrrhe“ E-book (Amazon/Kindle, Taschenbuch in allen Buchhandlungen bestellbar, oder über Amazon)

Kurzer Textauszug aus „Alix: Das Schicksalrad“:

„Im Unterschied zu den weißen Gewändern der Manichäer, die als Vorläufer der Katharer gelten, kleideten sich die Perfekten, als Wanderer aus einer anderen, fremden Welt, in dunkelblaue oder schwarze wallende Röcke, die die Gefangenschaft ihrer göttlichen Seelen im irdischen Kerker des Körpers symbolisieren sollten. An ihrem Gürtel hing, gut sichtbar für alle, der kupferne Behälter mit dem Evangelium des Johannes. Die beiden Gegenspieler des aus der Stadt gejagten Bischof Bérenger, der von jedermann geachtete Katharerbischof von Carcassonne, Bernhard von Simorre, bleich vom Fasten, das hagere Gesicht bartlos, dafür das schlohweiße Haar glatt bis auf die Schultern fallend, und sein um Jahre jüngerer Stellervertreter, Peter Isarn, verbeugten sich tief vor dem Vizegrafen un seinem Oheim. In ihrer Begleitung befand sich ein gutes Dutzend weiterer Perfekte, darunter auch zwei Frauen.

„Nehmt Platz, ´Gute Leute`!“ Der Kämmerer Aaron wies auf die lange Bank, die für gewöhnlich Bittstellern vorbehalten war. „Sénher“, begann Isarn, „nach dem, was mit Bischof Bérenger geschehen ist, woran wir Katharer keinen Anteil haben, liegt es uns am Herzen, mit Euch über die Predigt zu sprechen, die der Anlass für Bérengers üble Vertreibung aus der Stadt war. Wie ernst müssen wir diesen Kreuzzug nehmen? Viele Menschen sind beunruhigt.“

(Foto HLK, Béziers 2009)

ZWEI JAHRE SPÄTER – der Kreuzzug gegen die Katharer hat schon mehr als zwanzigtausend Tote gekostet – geht es längst nicht mehr nur um Religion:

Die reiche und prachtvolle Stadt  T O U L O U S E * (seinerzeit nur mit Byzanz vergleichbar) ist das Ziel Montforts, seiner Vasallen, Hintermänner – und der eifernden Bischöfe. Doch die Stadt, in der 12 Capitouls mitregieren (vom Volk gewählte Stadträte), wird hervorragend verteidigt. (z.B. öffnet man Kirchen zur Unterbringung auswärtiger Soldaten; die Stadtmiliz – Bürger aus den 12 Stadtteilen – bewacht die Stadtmauern, reiche Bürger leisten bewaffneten Dienst zu Pferde.)

(Foto HLK, Rathaus von Toulouse, 2004)

* Im 12. Jahrhundert zählte der Toulouser Hof zu den zivilisieresten Stätten des Abendlandes.

Graf Raymond VI. von Toulouse (1156-1222) – nach dem König von Frankreich der wohl mächtigste Seigneur der Christenheit – wird von Rom, weil er sich hartnäckig weigert, die Ketzer in seinen Ländern auszuliefern – mehrfach exkommuniziert, enteignet und öffentlich gezüchtigt, s. Abbildung vor dem Portal der Abteikirche in Saint-Gilles-du-Gard:

Graf Raymond und sein Sohn gleichen Namens besitzen jedoch höchst einflussreiche Verbündete. Einer von ihnen ist Peter II., der stolze König von Aragón, den man aufgrund seiner Frömmigkeit auch „El Catholico“ nennt.

Zur Festigung seiner eigenen Territorien und Bündnisse in Okzitanien hat Peter seine beiden Schwestern, die Infantinnen Leonora und Sancha, mit den beiden Grafen von Toulouse verheiratet.

Die Lager formieren sich. Graf Raymond spricht vor seinen Leuten: „Ich weiß mit Gewissheit, dass der Feind unseren Untergang plant. Er wird seine Armeen immer wieder gegen unsere Mauern schleudern. Er will uns aushungern …“ Die Tolosaner antworten ihm: „Greifen wir ihn an, Herr! Ihr habt, dank Gott, genügend Verbündete, und auch wir sind bewaffnet. Das wird für den Sieg reichen. Führt die Sache, Herr, zu einem guten Ende, bevor die Feinde Wind von unserem Plan bekommen und die Flucht ergreifen.“

Doch schon bald heißt es Ai Tolosa! (Chanson 132,26 ff)

Der Kampf um Toulouse ist thematisiert in meinem Roman:

„SANCHA – Das Tor der Myrrhe“ – Es handelt sich um einen eigenständig lesbaren Roman, der sich jedoch zeitlich an das historische Geschehen, das in „ALIX“ beschrieben wird, anschließt.

Fortsetzung HIER KLICKEN …

 

 

 

Frühe Scheiterhaufen auch in Deutschland?

Auch in Deutschland loderten die Scheiterhaufen, um – wie es im Johannes-Evangelium heißt – die vertrockneten Rebzweige vom Weinstock Jesu zu verbrennen. Nach Hildegard von Bingen* traten erstmals im Jahr 1140 Häretiker in Erscheinung, und zwar in Köln. Später wurden dort sogar Katharerschulen gegründet, die von einer Anzahl angesehener Bürger besucht wurden. Die Lehrer dieser Schulen, sog. „doctores“, sollen ihrer „feurigen Beredsamkeit“ wegen (Borst) in hohem Ansehen gestanden haben. Über ihren Glauben befragt, erklärten sie, dass ihre Religion „seit der Zeit der Märtyrer bis heute verborgen geblieben ist und sich in Griechenland und anderen Ländern erhalten hat.“

Einer der Gründe für das Überlaufen vieler Menschen zu den Katharern war, dass sich die römisch-katholische Kirche seit dem 11. Jahrhundert über die Hälfte des dortigen Grund und Bodens angeeignet hatte. (Die rheinischen Erzbischöfe waren zugleich Reichsfürsten und nur dem König unterstellt.)

Im Jahr 1145 – in diesem Jahr tauchte zum ersten Mal das Wort „Katharer“ auf * – wurde der erste Scheiterhaufen in Köln errichtet, wobei der Pöbel, der das Schauspiel nicht erwarten konnte, unter Gejohle in die Räume eindrang, in denen die Katharer noch verhört wurden. Man zerrte sie ins Freie und stieß sie in die Flammen. (Einer der Katharer wurde „Bischof“ genannt, was darauf schließen lässt, dass es in Köln bereits eine etablierte Kirche der Häretiker gab.)

Am 5. August 1163 wurden dort vor dem Judenfriedhof ungefähr ein Dutzend Menschen verbrannt, die man cathari nannte. Sie waren zuvor Opfer der flämischen Verfolgung gewesen und hatten in einer Scheune in Köln Zuflucht gesucht. Unter ihnen befand sich erneut ein sog. Erzketzer, also vermutlich ein Perfekt oder Bischof.

In Bonn wurde zur gleichen Zeit „ein Katharer mit seinen Gefährten“ auf den Scheiterhaufen geschickt, und aus Mainz ungefähr 40 Ketzer aus der Stadt gejagt.

In meinem Katharer-Roman „Alix – Das Schicksalsrad“ gehe ich auf die schreckliche Geschichte von Köln kurz ein:

„Eleonore erzählte dem Mädchen vom Schicksal einer jungen Katharerin, die vor vierzig Jahren in der deutschen Stadt Collonia den Tod, und damit die Erlösung fand. ‚Man stellte sie mit ihren Freunden auf den Scheiterhaufen`, berichtete sie. ‚Sie hatten ihren Glauben nicht verleugnet, wie wir es heute oft tun, sondern mutig erklärt, dass sie lieber sterben würden, als sich zu verbergen. Die Unschuld und Schönheit der jungen Frau jedoch erweckte das Mitleid der Henkersknechte. Noch unversehrt zogen sie sie aus den Flammen und versprachen, ihr im Falle des Widerrufs einen guten Ehemann zu verschaffen, oder, wenn sie das nicht wollte, sie in ein Kloster zu bringen. Die junge Frau willigte scheinbar ein und wartete in aller Ruhe ab, bis die Freunde tot waren. Dann bat sie ihre Wächter, ihr den ‚Verführer der Seelen` zu zeigen, wie sie sich ausdrückte. Die Männer führten sie zum Leichnam ihres Lehrers, eines gewissen Arnold. Dort angekommen, löste die junge Frau plötzlich ihre Fesseln, bedeckte ihr Gesicht mit ihren Kleidern und warf sich auf seine Überreste, um mit ihm zu verbrennen … `Inés war entsetzt stehengeblieben. ‚Sie hat sich freiwillig dem Feuer ausgesetzt?` Ein paar Schneeflimmer, die der Wind von den Bäumen trieb, ließen sich auf ihrer Nase nieder. Unwirsch wischte sie sie fort. Eleonore, selbst weißbestäubt, nickte. Sie erklärte dem Mädchen, dass der katharische Glaube zwar nach außen tolerant, nach innen jedoch eisenfest und unbeugsam sei. ‚Ihr seht an diesem Beispiel auch, dass es grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Kirchen gibt, und dass es nicht darum geht, zu hoffen, dass wir eines Tages reumütig in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückkehren. Wir sind keine verirrten Schafe! In diesem Glaubensstreit werden wir nicht nachgeben, Inés, so wie auch die Juden nie ein Jota von ihrem Glauben aufgeben werden.`“

„Als sie später neben Eleonore im Hof saß, drängte es sie, ein weiteres Mal auf diese schaurige Begebenheit zurückzukommen. ‚Aber vielleicht haben die beiden sich so sehr geliebt, dass sie ihm deswegen in den Tod gefolgt ist`, wagte sie einzuwenden. ‚Das mag sein, meine Kleine, die Liebe ist in der Tat eine starke Macht`, antwortete Eleonore von Saissac gelassen. ‚Der Weg, den dieses junge Mädchen ging, ist jedoch einer der wichtigsten katharischen Pfade, um zur Erlösung und ins Paradies zu gelangen. Seht, die physische Welt um Euch herum, sie ist nichtig und eitel. Zur Befreiung der Seele aus ihrem unwerten menschlichen Körper bedarf es der wahren christlichen Hochzeit – der Vereinigung der Seele mit dem Parakleten, dem Heiligen Geist! Nichts anderes hat diese Frau getan, indem sie freiwillig die Welt verließ, ihren Freunden nacheilte. Aber es gibt noch einen anderen, weniger grausamen Weg zum Ziel: Es ist das Consolamentum, die Geist-Taufe. Sie macht aus einem einfachen Anhänger des katharischen Glaubens einen Perfekten, der jedoch fortan gezwungen ist, bis zum Tod ein heiligmäßiges Leben zu führen.` ‚Nach Eurer Meinung hat also Gott alles Unsichtbare – wie auch die Seele – geschaffen, während der Teufel …`’Wir nennen es das böse Prinzip`, liebe Inés.‘   ‚Während das böse Prinzip alles Sichtbare – wie auch die Körperhüllen – erschuf?` ‚Richtig. Das erklärt die dauernde Gegensätzlichkeit des Guten und des Bösen in der Welt. Aber grübelt nicht so sehr über diese verwickelten Dinge nach, meine liebe Tochter. Niemand, schon gar nicht Raymond-Roger (Anmerk: Der Vizegraf von Carcassonne, den Inés heiraten wird), erwartet, dass Ihr Eurem Glauben entsagt oder gar bei einem katharischen Perfekten in die Lehre geht`, meinte Eleonore energisch. ‚Als zukünftige Vizegräfin sollt Ihr uns nur verstehen! Versucht dennoch, nach unseren sieben Tugenden zu leben, als da sind Demut, Wahrheitsliebe, Güte, Vertrauen, Großmut und Heiterkeit … ein größeres Geschenk könnt Ihr Eurem Gatten zur Hochzeit nicht machen.
‚Aber das sind doch nur sechs Tugenden`, warf Inés ein.
Eleonore lächelte. „Die letzte ist nur für die Perfekten bestimmt. Die Keuschheit braucht Euch nicht zu belasten, meine Liebe!`“

 

(Aus: ALIX – Das Schicksalsrad, Copyright HLK, Link s. unten)

 

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(Bild aus www.heiligenlexikon.de)

* Zurück zu Hildegard

Hildegard von Bingen (geb. 1098), gilt als die bedeutendste Vertreterin der hochmittelalterlichen Frauenmystik. Sie predigte im späteren Alter ebenfalls gegen die Katharer, und zwar sowohl in Mainz, als auch in Köln:

Denket um, Gottes Gericht naht, ihr werdet seinem Richterspruch nicht entgehen!“

Aber sie geißelte zugleich die Lasterhaftigkeit und Faulheit des eigenen Klerus`, sein Leben in Saus und Braus:

“ … Ihr solltet das Fundament der Kirche bilden, aber ihr zieht euch in die Höhle eurer Bequemlichkeit zurück. Ihr solltet eine Feuersäule bilden und dem Volk den rechten Weg zeigen, aber ihr täuscht euch selbst, indem ihr sagt, wir haben keine Zeit zum Predigen.“

(Quelle: Walter Nigg, Heilige und Dichter, Zürch, S. 131)

Anmerkungen*:  Der Begriff „Katharer“ stammt (nach Michel Roquebert) aus dem Mund eines deutschen Mönchs namens Eckbert von Schönau. „In der Volkssprache sei dies, so Eckbert, der Name für die Ketzer Germaniens, während sie in Flandern piphles und in Gallien tisserands (Weber) hießen.“

Scripta secreta – Geheime Schriften

Scripta secreta – Die Geheimen Schriften der Katharer

(Foto priv. HLK, St. Hilaire)

Unbarmherzig von der römischen Kirche verfolgt, umgibt die Katharer noch heute eine Aura des Geheimnisvollen. Jahrhundertelang wusste man über ihren Glauben nur das, was sich in den gut gehüteten Archiven der katholischen Kirche befand, was die Heilige Inquisition einst zu Papier gebracht hatte. Viele Bücher und Handschriften der Katharer waren mit ihnen dem Feuer übergeben worden.

Nachstehend die heute der Öffentlichkeit zur Verfügung stehenden Quellen (ohne Gewähr auf Vollständigkeit):

Es existieren zwei Sammlungen von Inquisitionsprotokollen aus dem 14. Jahrhundert:

1. Sammlung MS 4269 (Nationalbibliothek, Paris), sie beinhaltet Akten der Inquisition unter Geoffroy d`Ablis in Carcassonne.

2. Das Register MS 4030 (Bibliothek des Vatikans), die Aussagen der Bewohner Montaillous vor dem Inquisitor Jacques Fournier (späterer Papst Benedikt XII., Avignon). Ergänzt werden diese Akten durch die Sentences der Inquisition von Pamiers, die sich in der British Library unter der Registratur BM MS 4697 befinden und den Liber Sententiarum Inquisitionis Tholosanae 1307-1323 (im Anhang von Philipp Limborchs Historia Inquisitionis, 1692).

Die Sammlung Jean de Doat

3. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Bänden der Sammlung Jean de Doat *** (Natitonalbibliothek, Paris), mit Informationen über die Katharer. In Carcassonne kann man sich diese auf Mikrofilm zeigen lassen.

Drei katharische Bruchstücke

4. Es existieren noch drei katharische Bruchstüche: „Das Ritual von Lyon“ (romanisch, d.h. okzitanisch) „Das Geheime Mahl“ (das apokryphe Interrogatio Johannis, lateinisch) „Das Buch von den zwei Prinzipien“ (das erste authentische Selbstzeugnis der Katharer, das dem radikalen Katharer Jean de Lugio aus Bergamo zugeschrieben wird.

Predigten der Katharer

5.  Erhalten geblieben sind auch Texte von insgesamt vier größeren Katharer-Predigten, die um 1300 in Arques gehalten wurden.
Um einen Einblick in die Lehren der katharischen Kirche jener Zeit zu gewinnen, ein Beispiel daraus:

„Als Luzifer mit Gott im Streit …“ (Predigt des Pierre Authiè, einst angesehener Notar zu Ax-le-Thermes, später berühmter Katharermissionar. Er stammte aus einer reichen Familie und hätte, so sagt man, eine umfangreiche Bibliothek besessen.)
Authiè berichtet, wie sich der Teufel, nachdem er tausend Jahre vor der Tür gewartet hatte, ins Paradies schlich und dort die Seelen verführte:
Wörtlich der Teufel:

Wenn ihr mir in meine Welt folgt, dann werde ich euch jedoch Besitz geben in Form von Feldern und Weingärten, Gold und Silber, Ehefrauen und anderen Gütern jener sichtbaren Welt“. Viele Geister – so Authié – hätten sich verleiten lassen und wären sodann neun Tage und neun Nächte lang wie starker Regen durch ein Loch aus dem Paradies gefallen.

Als der Vater sah, wie sich der Himmel leerte, erhob er sich von seinem Thron und stellte seinen Fuß auf das Loch. Zu den gefallenen Seelen sagte er: „Geht für jetzt.“
Damit hätte er jedoch die Tür für die Erlösung offen gehalten. Jeder Mensch würde gerettet werden, selbst die Bischöfe und Hohen Priester, die allerdings die Letzten sein würden. Als die Seelen auf der Erde angefangen hätten, über ihren Verlust zu trauern, hätte ihnen der Teufel zum Trost Hüllen angeboten, die sie die Glückseligkeit des Himmels vergessen ließen. So hätte der Teufel den menschlichen Körper geschaffen. Diese Körper waren jedoch unfähig, sich zu bewegen, wenn der himmlische Vater ihnen kein Leben einhauchte. Der Teufel bat den Vater, dies zu tun, und er tat es, unter der Bedingung, dass das, was er in den Körper gab, Sein war, während der Körper selbst dem Teufel gehörte.
So und nicht anders wäre, nach Authié, die Dichotomie (Anmerk. die Zweiteilung) von Körper und Seele entstanden, und die Seelen hätten in ihren Körpern vergessen, was sie im Himmel gehabt hätten. Niemand könne gerettet werden oder in den Himmel zurückkehren, der sich nicht den „guten Christen“ (Katharer) überantwortete, predigte Authié. Wer es nicht tat, dessen Seele wäre beim Tod gezwungen, in einen anderen Körper, sei es den eines Menschen oder Tieres, überzugehen. Diese Seelenwanderung würde so lange fortgesetzt, bis die Sünden des Körpers auf Erden getilgt seien.
(Quelle: FR, f 202, s.a. Réne Weis, Die Welt ist des Teufels, Seite 198)

 

6. In einer anderen Predigt sprach Pierre Authiè vom Unsinn der Wassertaufe (wörtlich „Mummenschanz“), bei der die Eltern im Namen eines ohnmächtigen Kindes Antwort gäben; er stellte sich entschieden gegen die Eucharistie und behauptete auch, die einzige sakramentale Ehe sei die Vereinigung der Seele mit Gott. Obendrein sei es keine Sünde, die Feiertage zu missachten, im Gegenteil sei es besser zu arbeiten, als dem Müßiggang zu frönen und zu schwatzen.

Die Evangelien und die Briefe des Heiligen Paulus

7. Vermerkt ist auch eine illustrierte Handschrift, „ein sehr schönes Buch mit erlesenen Bologneser Lettern, die in Blau und Zinnoberrot reich verziert waren, und das Buch enthielt die Evangelien in Okzitanisch und die Briefe des heiligen Paulus.“ (d`AR, f.64r)

8. Authié besaß eine Lederschatulle, die speziell für sein „Tröstungsbuch“, das Evangelium des Johannes, angefertigt worden war. (Jeder parfait trug dieses Evangelium ständig bei sich.)

Argumente für und wider

9. Die Inquisitionsakten erwähnen des weiteren ein Buch, das in Okzitanisch verfasst und in altes Pergament gebunden war und Argumente für und wider die katholische Religion und den Manichäismus (eine frühere dualistische Häresie), beinhaltete, der zufolge beide, Gott und Satan, ewige Mächte waren.

Briefe direkt aus dem Himmel stammend

10. Die Katharer hatten einen besonderen Sinn für Humor: Um im benachbarten Spanien ihre Lehre unter die Leute zu bringen, schrieben die dort ansässigen Katharer sogenannte „Himmelsbriefe“, Zettel mit katharischen Glaubenssätzen, die sie in den Pyrenäen an verschiedenen Orten niederlegten. Die dort herumziehenden Hirten, meist des Lesens unkundig, brachten diese Briefe zu den katholischen Priestern ins Tal, die erbost im Absender der ominösen Schreiben keinen Geringeren als „Jesus Christus“ erkannten. Doch die Katharer waren beileibe nicht die Erfinder dieser Briefe, zuvor hatten spanische Katholiken auf diese Weise an die Erfüllung der sonntäglichen Pflichten erinnert oder gar zum Kreuzzug gegen die Sarazenen aufgerufen.

Der Wissensgral der Katharer und ein apokrypher Jesus-Text

11. Der Wissensgral der Katharer und „Geheime Worte“: Nachdem sich ab dem Jahr 1232 fast die gesamte katharische Elite auf den Montségur zurückzog (darunter auch der berühmte Bischof Castres und 150 parfaits), befand sich dort wahrscheinlich auch ihr „Wissensgral“. Es kann als sicher angenommen werden, dass ihn die vier Katharer-Perfekten, die sich im März 1244 von einer Steilwand abseilten, im Gepäck hatten. Bei meinen Recherchen zu „Die Geheimen Worte“ bzw. TB-Ausgabe „Das Gold von Carcassonne“ habe ich bei Vergleichen festgestellt, dass sich unter den secretissimae der Katharer wohl auch ein apokrypher Jesus-Text befand. (Nachweis, s. Roman-Anhang Personen und Erklärungen)

(Neudruck in Vorbereitung; E-book-Ausgabe: „Rixende: Die Geheimen Worte“, Link am Ende des Artikels)

Die Historia Albigensis

12. Auffällig einseitig, d.h. nur aus der Sicht der römisch-katholischen Kirche, berichtet in der „Historia Albigensis“ als Zeitzeuge der Zisterziensermönch Pierre des Vaux-de-Cernay über den Albigenserkreuzzug:

(Im Bild der „Kölner-Mani-Kontext“ aus dem 5. Jahrhundert. Die Manichäer gelten als Vorläufer der Katharer. – Quelle: Kölner Papyrus-Sammlung)

Empfohlene weiterführend Literatur zu den Katharern:

Aubarbier, Binet, Bouchard, „Liebenswertes Land der Katharer“, Edition Ouest-France, 1994

Benad, Matthias, Domus und Religion in Montaillou, Tübingen, 1990

Borst, Arno: Die Katharer, Freiburg, Basel, Wien, 1991,

Bejick, Ute: Die Katharerinnen, Freiburg, Basel, Wien, 1993,

Brenon, Anne: Des femmes cathares, Editions Perrin, 1992,

Chanson de la Croisade Albigeoise, Vorwort von Georges Duby, Librairie Génerale Française, 1989,

Dominé André: Roussillon, Badenweiler, 1992

Duvernoy Jean, Inquisition en Terre Cathare, Toulouse 1998

Lea Henry Charles: Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Frankfurt, 1997

Le Roy Ladurie, Emmanuel, Montaillou, ein Dorf vor dem Inquisitor

Le Roy Ladurie, Emmanuel: Die Bauern des Languedoc, Stuttgart, 1983

Le Roy Ladurie, Emmanuel: Histoire du Languedoc, Paris, 1974

Lambert, M.: Geschichte der Katharer, Darmstadt, 2001

Meier, Frank: Aussenseiter im Mittelalter, Stuttgart, 2005,

Oberste, Jörg: Der Kreuzzug gegen die Albigenser, Darmstadt, 2003,

Oberste, Jörg: Zwischen Heiligkeit und Häresie, Köln, 2003

Roché, Deodat: Die Katharer-Bewegung, Stuttgart, 1992,

Reznikov Raimonde: Catharer et Templiers, Portet-sur-Garonne, 1993

Roquebert, Michel:
L`Épopée Cathare 1198-1212: L`invasion, Toulouse, 1970;
L`Épopée Cathare 1213-1216, Muret ou la dépossession, 1977;
L`Épopée Cathare 1216-1229, Le lys et la croix, 1986

Vaux-de-Cernay, Pierre: Kreuzzug gegen die Albigenser, die „Historia Albigensis“ ins Deutsche übertragen von G.E. Sollbach.

Weis René, Die Welt ist des Teufels, Bergisch-Gladbach, 2003

Vogel, Christian: Die Bischöfe der Kirchenprovinz Narbonne zwischen Königtum und Papsttum während der Albigenserkriege 1179-1229, Magisterarbeit zur Erlangung des Grades Magister der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 2002

Zeus, Marlies: Provence und Okzitanien im Mittelalter, Karlsruhe, 2007.

 

 *** Jean de Doat (17. Jh), Präsident der Chambre des comptes de Navarre, ließ auf Veranlassung Colberts systematisch notarielle und kirchliche Akten im Süden Frankreichs kopieren, die zuerst als „Fonds Doat“ in die Königliche Bibliothek eingingen. Quelle: Balayé, 1988-91.