Scripta secreta – Geheime Schriften

Scripta secreta – Die Geheimen Schriften der Katharer

(Foto priv. HLK, St. Hilaire)

Unbarmherzig von der römischen Kirche verfolgt, umgibt die Katharer noch heute eine Aura des Geheimnisvollen. Jahrhundertelang wusste man über ihren Glauben nur das, was sich in den gut gehüteten Archiven der katholischen Kirche befand, was die Heilige Inquisition einst zu Papier gebracht hatte. Viele Bücher und Handschriften der Katharer waren mit ihnen dem Feuer übergeben worden.

Nachstehend die heute der Öffentlichkeit zur Verfügung stehenden Quellen (ohne Gewähr auf Vollständigkeit):

Es existieren zwei Sammlungen von Inquisitionsprotokollen aus dem 14. Jahrhundert:

1. Sammlung MS 4269 (Nationalbibliothek, Paris), sie beinhaltet Akten der Inquisition unter Geoffroy d`Ablis in Carcassonne.

2. Das Register MS 4030 (Bibliothek des Vatikans), die Aussagen der Bewohner Montaillous vor dem Inquisitor Jacques Fournier (späterer Papst Benedikt XII., Avignon). Ergänzt werden diese Akten durch die Sentences der Inquisition von Pamiers, die sich in der British Library unter der Registratur BM MS 4697 befinden und den Liber Sententiarum Inquisitionis Tholosanae 1307-1323 (im Anhang von Philipp Limborchs Historia Inquisitionis, 1692).

Die Sammlung Jean de Doat

3. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Bänden der Sammlung Jean de Doat *** (Natitonalbibliothek, Paris), mit Informationen über die Katharer. In Carcassonne kann man sich diese auf Mikrofilm zeigen lassen.

Drei katharische Bruchstücke

4. Es existieren noch drei katharische Bruchstüche: „Das Ritual von Lyon“ (romanisch, d.h. okzitanisch) „Das Geheime Mahl“ (das apokryphe Interrogatio Johannis, lateinisch) „Das Buch von den zwei Prinzipien“ (das erste authentische Selbstzeugnis der Katharer, das dem radikalen Katharer Jean de Lugio aus Bergamo zugeschrieben wird.

Predigten der Katharer

5.  Erhalten geblieben sind auch Texte von insgesamt vier größeren Katharer-Predigten, die um 1300 in Arques gehalten wurden.
Um einen Einblick in die Lehren der katharischen Kirche jener Zeit zu gewinnen, ein Beispiel daraus:

„Als Luzifer mit Gott im Streit …“ (Predigt des Pierre Authiè, einst angesehener Notar zu Ax-le-Thermes, später berühmter Katharermissionar. Er stammte aus einer reichen Familie und hätte, so sagt man, eine umfangreiche Bibliothek besessen.)
Authiè berichtet, wie sich der Teufel, nachdem er tausend Jahre vor der Tür gewartet hatte, ins Paradies schlich und dort die Seelen verführte:
Wörtlich der Teufel:

Wenn ihr mir in meine Welt folgt, dann werde ich euch jedoch Besitz geben in Form von Feldern und Weingärten, Gold und Silber, Ehefrauen und anderen Gütern jener sichtbaren Welt“. Viele Geister – so Authié – hätten sich verleiten lassen und wären sodann neun Tage und neun Nächte lang wie starker Regen durch ein Loch aus dem Paradies gefallen.

Als der Vater sah, wie sich der Himmel leerte, erhob er sich von seinem Thron und stellte seinen Fuß auf das Loch. Zu den gefallenen Seelen sagte er: „Geht für jetzt.“
Damit hätte er jedoch die Tür für die Erlösung offen gehalten. Jeder Mensch würde gerettet werden, selbst die Bischöfe und Hohen Priester, die allerdings die Letzten sein würden. Als die Seelen auf der Erde angefangen hätten, über ihren Verlust zu trauern, hätte ihnen der Teufel zum Trost Hüllen angeboten, die sie die Glückseligkeit des Himmels vergessen ließen. So hätte der Teufel den menschlichen Körper geschaffen. Diese Körper waren jedoch unfähig, sich zu bewegen, wenn der himmlische Vater ihnen kein Leben einhauchte. Der Teufel bat den Vater, dies zu tun, und er tat es, unter der Bedingung, dass das, was er in den Körper gab, Sein war, während der Körper selbst dem Teufel gehörte.
So und nicht anders wäre, nach Authié, die Dichotomie (Anmerk. die Zweiteilung) von Körper und Seele entstanden, und die Seelen hätten in ihren Körpern vergessen, was sie im Himmel gehabt hätten. Niemand könne gerettet werden oder in den Himmel zurückkehren, der sich nicht den „guten Christen“ (Katharer) überantwortete, predigte Authié. Wer es nicht tat, dessen Seele wäre beim Tod gezwungen, in einen anderen Körper, sei es den eines Menschen oder Tieres, überzugehen. Diese Seelenwanderung würde so lange fortgesetzt, bis die Sünden des Körpers auf Erden getilgt seien.
(Quelle: FR, f 202, s.a. Réne Weis, Die Welt ist des Teufels, Seite 198)

 

6. In einer anderen Predigt sprach Pierre Authiè vom Unsinn der Wassertaufe (wörtlich „Mummenschanz“), bei der die Eltern im Namen eines ohnmächtigen Kindes Antwort gäben; er stellte sich entschieden gegen die Eucharistie und behauptete auch, die einzige sakramentale Ehe sei die Vereinigung der Seele mit Gott. Obendrein sei es keine Sünde, die Feiertage zu missachten, im Gegenteil sei es besser zu arbeiten, als dem Müßiggang zu frönen und zu schwatzen.

Die Evangelien und die Briefe des Heiligen Paulus

7. Vermerkt ist auch eine illustrierte Handschrift, „ein sehr schönes Buch mit erlesenen Bologneser Lettern, die in Blau und Zinnoberrot reich verziert waren, und das Buch enthielt die Evangelien in Okzitanisch und die Briefe des heiligen Paulus.“ (d`AR, f.64r)

8. Authié besaß eine Lederschatulle, die speziell für sein „Tröstungsbuch“, das Evangelium des Johannes, angefertigt worden war. (Jeder parfait trug dieses Evangelium ständig bei sich.)

Argumente für und wider

9. Die Inquisitionsakten erwähnen des weiteren ein Buch, das in Okzitanisch verfasst und in altes Pergament gebunden war und Argumente für und wider die katholische Religion und den Manichäismus (eine frühere dualistische Häresie), beinhaltete, der zufolge beide, Gott und Satan, ewige Mächte waren.

Briefe direkt aus dem Himmel stammend

10. Die Katharer hatten einen besonderen Sinn für Humor: Um im benachbarten Spanien ihre Lehre unter die Leute zu bringen, schrieben die dort ansässigen Katharer sogenannte „Himmelsbriefe“, Zettel mit katharischen Glaubenssätzen, die sie in den Pyrenäen an verschiedenen Orten niederlegten. Die dort herumziehenden Hirten, meist des Lesens unkundig, brachten diese Briefe zu den katholischen Priestern ins Tal, die erbost im Absender der ominösen Schreiben keinen Geringeren als „Jesus Christus“ erkannten. Doch die Katharer waren beileibe nicht die Erfinder dieser Briefe, zuvor hatten spanische Katholiken auf diese Weise an die Erfüllung der sonntäglichen Pflichten erinnert oder gar zum Kreuzzug gegen die Sarazenen aufgerufen.

Der Wissensgral der Katharer und ein apokrypher Jesus-Text

11. Der Wissensgral der Katharer und „Geheime Worte“: Nachdem sich ab dem Jahr 1232 fast die gesamte katharische Elite auf den Montségur zurückzog (darunter auch der berühmte Bischof Castres und 150 parfaits), befand sich dort wahrscheinlich auch ihr „Wissensgral“. Es kann als sicher angenommen werden, dass ihn die vier Katharer-Perfekten, die sich im März 1244 von einer Steilwand abseilten, im Gepäck hatten. Bei meinen Recherchen zu „Die Geheimen Worte“ bzw. TB-Ausgabe „Das Gold von Carcassonne“ habe ich bei Vergleichen festgestellt, dass sich unter den secretissimae der Katharer wohl auch ein apokrypher Jesus-Text befand. (Nachweis, s. Roman-Anhang Personen und Erklärungen)

(Neudruck in Vorbereitung; E-book-Ausgabe: „Rixende: Die Geheimen Worte“, Link am Ende des Artikels)

Die Historia Albigensis

12. Auffällig einseitig, d.h. nur aus der Sicht der römisch-katholischen Kirche, berichtet in der „Historia Albigensis“ als Zeitzeuge der Zisterziensermönch Pierre des Vaux-de-Cernay über den Albigenserkreuzzug:

(Im Bild der „Kölner-Mani-Kontext“ aus dem 5. Jahrhundert. Die Manichäer gelten als Vorläufer der Katharer. – Quelle: Kölner Papyrus-Sammlung)

Empfohlene weiterführend Literatur zu den Katharern:

Aubarbier, Binet, Bouchard, „Liebenswertes Land der Katharer“, Edition Ouest-France, 1994

Benad, Matthias, Domus und Religion in Montaillou, Tübingen, 1990

Borst, Arno: Die Katharer, Freiburg, Basel, Wien, 1991,

Bejick, Ute: Die Katharerinnen, Freiburg, Basel, Wien, 1993,

Brenon, Anne: Des femmes cathares, Editions Perrin, 1992,

Chanson de la Croisade Albigeoise, Vorwort von Georges Duby, Librairie Génerale Française, 1989,

Dominé André: Roussillon, Badenweiler, 1992

Duvernoy Jean, Inquisition en Terre Cathare, Toulouse 1998

Lea Henry Charles: Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Frankfurt, 1997

Le Roy Ladurie, Emmanuel, Montaillou, ein Dorf vor dem Inquisitor

Le Roy Ladurie, Emmanuel: Die Bauern des Languedoc, Stuttgart, 1983

Le Roy Ladurie, Emmanuel: Histoire du Languedoc, Paris, 1974

Lambert, M.: Geschichte der Katharer, Darmstadt, 2001

Meier, Frank: Aussenseiter im Mittelalter, Stuttgart, 2005,

Oberste, Jörg: Der Kreuzzug gegen die Albigenser, Darmstadt, 2003,

Oberste, Jörg: Zwischen Heiligkeit und Häresie, Köln, 2003

Roché, Deodat: Die Katharer-Bewegung, Stuttgart, 1992,

Reznikov Raimonde: Catharer et Templiers, Portet-sur-Garonne, 1993

Roquebert, Michel:
L`Épopée Cathare 1198-1212: L`invasion, Toulouse, 1970;
L`Épopée Cathare 1213-1216, Muret ou la dépossession, 1977;
L`Épopée Cathare 1216-1229, Le lys et la croix, 1986

Vaux-de-Cernay, Pierre: Kreuzzug gegen die Albigenser, die „Historia Albigensis“ ins Deutsche übertragen von G.E. Sollbach.

Weis René, Die Welt ist des Teufels, Bergisch-Gladbach, 2003

Vogel, Christian: Die Bischöfe der Kirchenprovinz Narbonne zwischen Königtum und Papsttum während der Albigenserkriege 1179-1229, Magisterarbeit zur Erlangung des Grades Magister der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 2002

Zeus, Marlies: Provence und Okzitanien im Mittelalter, Karlsruhe, 2007.

 

 *** Jean de Doat (17. Jh), Präsident der Chambre des comptes de Navarre, ließ auf Veranlassung Colberts systematisch notarielle und kirchliche Akten im Süden Frankreichs kopieren, die zuerst als „Fonds Doat“ in die Königliche Bibliothek eingingen. Quelle: Balayé, 1988-91.

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