Die Freundinnen der Frauen
„Schwarz bin ich, aber schön …“

Es sind meist die Frauen, die es zu den Schwarzen “wundertätigen” Madonnen hinzieht.
Doch warum sind diese Madonnen überhaupt schwarz? Sind sie immer schwarz?
Und warum werden sie auch noch “schwarz” genannt, wenn sie es gar nicht sind?

Es gibt viele Erklärungsversuche. So spricht beispielsweise die hochverehrte Schwarze Madonna von Le Puy (Auvergne, s. Foto rechts) in einem aus dem Jahr 1518 stammenden Gedicht jenen berühmten Satz, der der Königin von Saba zugesprochen wird: Nigra sum, sed formosa – Schwarz bin ich, aber schön!
Er ist im Hohen Lied zu finden, in jenem einzigartigen Liebesgedicht, das Aufnahme in die Bibel fand: „Schwarz bin ich und schön, ihr Töchter Jerusalems, schwarz wie die Zelte Kedars, schön wie die Zeltdecken Salomons.
Die Königin von Saba stammte aus Äthiopien. Sie war schwarz und schön – und vermutlich auch klug. Doch was hat sie mit dem weltweiten Kult um die Schwarzen Madonnen zu schaffen?

Die katholische Kirche spielt das Phänomen herunter und behauptet, viele Romanische Madonnen seien aufgrund äußerlicher Einflüsse zufällig schwarz geworden. Aber das stimmt nur in den seltensten Fällen.

Mataria – Mata-Meri – Mari

Die Römer hatten um das Jahr 80 v. Chr. den Isis-Kult mit Begeisterung angenommen. Isis, deren ägyptischer Name lange Zeit “Mataria” war, “Mata-Meri” oder auch “Mari”, wurde zu einer der beliebtesten Göttinnen und geriet nie ganz in Vergessenheit, zumal zu Beginn des Christentums das Interesse der christuszentrierten Kirche an Maria nur gering war. Aus diesem Grund wurden auch noch im Mittelalter überall in Europa die alten weiblichen Gottheiten verehrt – darunter Freya, die den Feudaltitel „Frau, Herrin“ trug.  Erst als im 12. Jh. auch die Jungfrau Maria diesen Titel erhielt (Notre Dame), trat eine Veränderung ein: Isis, Artemis (die Schwarze Diana!), Demeter, Freya und all die anderen Göttinnen gerieten sukzessive in Vergessenheit. Man kann sich daher ausmalen, wie groß die Verblüffung einiger Kreuzfahrer war, als sie im Heiligen Land auf Isis-Abbildungen stießen: Da saß eine junge Frau mit Kind auf einem Thron, die nicht nur einen ähnlichen Namen wie Maria trug, sondern auch vergleichbare Ehrentitel: “Himmelskönigin, Gnadenspenderin, Meereskönigin, Sancta Regina …”!

Ein Pariser Kardinal greift durch

… und lässt im Jahr 1514 in der  Abteikirche von Saint Germain-des-Prés eine Isis-Statue zerstören, die von den Frauen ganz besonders verehrt wurde.

Steckt die alte Göttin ISIS dahinter – eine Urgöttin mit tausend Namen?

Zweifelsohne verbergen sich hinter einigen Romanischen* Madonnen  außerchristliche Jungfrauen – wie die ägyptische Isis: Der Thron, die Krone, die Körperhaltung beweisen das. Fromme Kreuzfahrer haben diese Figuren von ihren Reisen mitgebracht, in der fälschlichen Annahme, es handele sich um die Jungfrau Maria.

(*Die romanische Architektur beginnt etwa um das Jahr 1000 n. Chr. und tritt in ganz Europa auf: Romanische Kirchen werden gebaut, Romanische Sitzmadonnen halten darin Einzug.)

(Eine der schönsten Romanischen Madonnen
steht in der Basilika von Orcival, Auvergne)

(Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!

Die Blauschwarze Madonna von Thuret

ist eine echte Vièrge des Croisades, die von Kreuzfahrern im Orient entdeckt und mit nach Hause genommen wurde. Sie ist ca. 70 cm hoch und befindet sich seit dem 13. Jh. in der Kirche von Thuret, in der Auvergne – der eigentlichen Heimat dieser Sitzfiguren aus romanischer und vorromanischer Zeit. So beherbergt die Hauptstadt Clermont-Ferrand noch fünf weitere Schwarze Madonnen. Im Fall der Thuret-Madonna spricht man  ganz offen von einer alten Isis.
“Für mich ist die blauschwarze Haut eine Reminiszenz an die Nacht der Zeiten und das Mysterium des Lebens.” (aus „TALMI“, Psychothriller)

Ein ganz besonderer Marien-Pilgerort ist das Fels-Heiligtum Rocamadour

Der Autor Ean Begg berichtet, die Schwarze Madonna von Rocamadour sei dem Hl. Lukas zugeschrieben. Dieses Standbild soll bereits im 8. Jahrhundert “die Ungläubigen überall” in die Flucht geschlagen haben. Im Jahr 1212 hat die Jungfrau von Rocamadour angeblich den Heeren von Aragon, Kastilien und Navarra zum Sieg von Navas de Tolosa verholfen.
Auch Simon von Montfort, der Heerführer der Franzosen im grausamen Albigenserkreuzzug, hat diese Madonna aufgesucht und um Beistand gebeten (thematisiert in: „Sancha: Das Tor der Myrrhe“)
Das zweite Foto unten, am Ende des Artikels, zeigt die Rocamadour-Madonna im Gewand.

(Rocamadour ist eine französische Gemeinde mit 644 Einwohnern im Département Lot in der Region Okzitanien und ein Wallfahrtsort der römisch-katholischen Kirche; Foto durch Anklicken vergrößern!)

Wie die Großen Göttinnen miteinander verschmolzen –
oder wie aus Sophia MARIA wurde …

Der Kult um die Schwarzen Madonnen geht jedoch auf eine noch wesentlich ältere Epoche zurück – eine Zeit, in der die Menschheit „Sophia, die Göttin der Weisheit und des Anfangs“ verehrte: Sophia, so heißt es, soll bereits vor der Schöpfung existiert haben und zwar „in der Finsternis des Chaos, das schwarz ist“. So erklärt es ein christliches Traktat aus dem 3. Jahrhundert mit dem Titel “Vom Ursprung der Welt”.
Sophia galt somit den Urchristen als die Repräsentation des Heiligen Geistes, der “auf dem Wasser schwebte” und Licht in die Welt brachte, als es “finster auf der Tiefe” war (Genesis, 1,1).

Das Fresko links unten zeigt „Die Heilige Geistin“ von Urschalling (Chiemsee), es wurde im Jahr 1923 entdeckt. Die Zeitschrift „efi schrieb 2007 darüber: „Es ist eine Einladung zur Meditation über das weibliche Göttliche, Assoziationen zur göttlichen Weisheit – Sophia – liegen nahe.

Eine weitere „Heilige Geistin“ (Foto rechts unten) habe ich im Jahr 2013 in Belpuig (Pyrenäen) entdeckt: Sie ist im Bunde die Dritte und stellt ebenfalls Sophia, die Heilige Geistin oder die Weisheit dar.

(Urschalling, Chiemsee)

(Belpuig, Pyrenäen)

 

Die Schwarze “weise” Sophia,

deren Symbol die Taube der Aphrodite war (später auch Symbol des Heiligen Geistes), soll an der Schöpfung beteiligt gewesen sein?
Dieses Denken – das allerdings sehr komplex ist! – fand bereitwillig Aufnahme im Gnostizismus/Dualismus. Der Kult der Sophia hat sich aber auch, wie die oben gezeigten Beispiele beweisen, in der christlichen Volksfrömmigkeit und Kunst niedergeschlagen. Vor allem von den östlichen Christen wurde Sophia hingebungsvoll verehrt. Ihr größtes Heiligtum wurde im 6. Jh. n. Chr. in Konstantinopel errichtet und galt als eines der Weltwunder: die Hagia Sophia, die Kirche der Heiligen Sophia. Die „Dame Weisheit“ galt als Göttin der gnostischen Philosophen, die sagten „die Weltseele würde aus ihrem Lächeln geboren.“

Gnostizismus/Dualismus: Die Katharer waren Anhänger des sog. Dualismus, dessen Wurzeln tausend Jahre vor Christus zurückreichen. Der Dualismus ist – vereinfacht ausgedrückt – die Zweiteilung: Gut und Böse, Hell und Dunkel, Oben und Unten – oder, um beim Glauben zu bleiben: Gott und Welt. (H.L.Köppel)

Eine der seltenen „Vièrges ouvrantes“

Eine echte Rarität ist die Schwarze Madonna von Palau-del-Vidre (Roussillon), der ich mehrere Jahre sprichwörtlich hinterherjagte, um sie vor die Linse zu bekommen. Es handelt sich um eine sog. Vièrge ouvrante, also eine “Jungfrau zum Öffnen”. Sie ist die sprichwörtliche Sophia, der weibliche Aspekt Gottes.

„Die Vièrge-ouvrante-Figuren entstanden zwischem dem 13. und 15. Jahrhundert. Im geschlossenen Zustand stellen sie die jungfräuliche Gottesmutter mit dem Kind auf dem Arm dar, geöffnet enthüllen sie Gott-Vater, Sohn und Heiligen Geist im Leib der Jungfrau. Die Vorstellung, dass die männliche Dreifaltigkeit in der Jungfrau enthalten ist, weist in vorchristliche Jahrhunderte zurück, die ebenfalls die jungfräuliche Gottesmutter als Urheberin männlicher Gottheiten kennt.
(Ch. Mulack, „Maria, die Geheime Göttin“, S. 64)

Die Palau-Madonna inspirierte mich, ein bestimmtes Gedicht in meinen Roman „Die Affäre C.“ einzubauen: 
“Ich bin das Haupt des Alls, die ich vor einem jeden da bin”
(aus “Die Dreigestaltige Protenoia, Nag-Hammadi-Kodex)

Rom ordnet die Zerstörung dieser Madonnen an

Madonnen dieses Typs, die auch die Trinität einbeziehen, sind sehr selten. Weltweit gibt es nur noch dreizehn Exemplare. Das hat seinen Grund: Die römisch-katholische „Mutterkirche“ – trotz ihres Namens von Männern dominiert – hatte diese Art von Darstellung auf ihrem Konzil von Trient (1545-1563) verboten und sogar die Zerstörung der angeblich häretischen Figuren angeordnet. Die Priester von Palau-del-Vidre wussten „ihre“ Madonna jedoch gut zu verstecken. Im Jahr 1648 wurde sie wiederentdeckt, in einer Nische über dem Retable des Heiligen Sebastian. (aus: H.L.Köppel, Ausstellungskatalog d. Jüd. Museums, Hohenems)

AKTUELL 2017:

Gefreut habe ich mich im letzten Jahr über die Bitte des Jüdischen Museums Hohenems/Österreich, am Ausstellungskatalog 2017 “Die weibliche Seite Gottes” mitzuwirken!
Das Museum war über meine Website auf mich aufmerksam geworden, interessierte sich vor allem für die Palau-del-Vidre – Madonna als temporäres Ausstellungsstück. Man bat mich um Vermittlung und, nachdem ein Kontakt mit Palau del Vidre zustande kam, um einen Beitrag für den Ausstellungskatalog.
Die wertvolle, weil sehr seltene Figurine war vom 30. April bis 8. Oktober 2017 in Hohenems zu sehen.
(Meine Beschreibung der o.g. „Vièrge Ouvrante“, genannt La trinité),  ist auf den Katalogseiten 150 und 151 zu finden; s.a. die nachstehenden Fotos.)

(Zum Vergrößern bitte anklicken!)

Eine der ältesten Schwarzen Madonnen in Frankreich
wird in Dijon verehrt

Sie stammt aus dem 11. Jh., stand damals in der Chapelle du Marché (Marktkapelle), und hieß “Notre-Dame de l’Apport”. Später erhielt sie den Namen “Notre-Dame de Bon-Espoir”. Ursprünglich war das Gesicht der Madonna nicht schwarz, sondern braun. Es wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte immer dunkler, worauf man es im Jahr 1963 wieder aufhellte.
(Literatur dazu: s. „Talmi“ von H. L. Köppel)

Eine noch gebärende Jungfrau
Unter dem zeltartigen Gewand der Dijon-Madonna (s. links) verbirgt sich wie man auf dieser Schwarz-Weiß-Aufnahme sieht, eine sog. Virgo paritura, also eine noch gebärende Jungfrau. Der Heilige Bernhard, gewissermaßen ein Sohn der Stadt Dijon, denn er wuchs in der Nähe auf, sah in dieser Figur – die auch in Gestalt einer weisen Eule verehrt worden war – die Mutter Gottes.

Die Hände der Schwarzen Madonnen

 

Romanische Madonnen haben oft übergroße und mitunter weißbemalte Schutzhände, s. Eingangsfoto, Le Puy. Diese Hände werden Hände des Lichts genannt.

Die Romanische Madonna von Belpuig (Pyrenäen) hingegen (links im Bild) tanzt aus der Reihe: Ihre merkwürdige Fingerhaltung – ein aufmerksamer Leser hat mich verständigt –  entspricht wohl dem Hongsasya-Mudra der Buddhisten – was nicht so abwegig ist, wie es sich anhört:

 

Der Ursprung des Glaubens der christlichen Katharer (11.-13. Jh.) geht nämlich auf den persischen Propheten Mani zurück, der im 3. Jh. n. Chr. das Denken von Zoroaster, Buddha und Jesus zusammengefasst hat.

 

Im Jahr 2015 entdeckte ich eine weitere Madonna mit einer ähnlichen Finger- oder Handhaltung (Daumen berührt Zeigefinger) und zwar in Ainsa, einer sympathischen nordspanischen Kleinstadt in der Provinz Huesca/Aragón, umgeben von herrlichen Felsformationen: Der alte Ortskern mit seinem Hauptplatz (Plaza Mayor) wurde als Kulturgut eingestuft. Die Romanische Madonna steht in der 1183 geweihten ehemaligen Kollegiatskirche Santa Maria.

Foto links – die Mudra-Geste (wie bei einer tantrischen Tänzerin)

Die Freundinnen der Frauen

Es gäbe noch viel zu erzählen, über die Schwarzen Madonnen, die Freundinnen der Frauen, in deren Nähe meist eine wundertätige Quelle sprudelt, aber das würde den Rahmen einer Website sprengen.
Fakt ist, dass es im 16. Jh in Frankreich fast 200 dieser Statuen gab, und bis heute wurden weltweit über 450 Figurinen entdeckt. Fakt ist auch, dass die Volksfrömmigkeit die Romanischen Madonnen pauschal als „Schwarze Madonnen“ bezeichnet, gleich ob sie nun schwarz sind oder nicht:

„Schwarz bin ich und schön, ihr Töchter Jerusalems, schwarz wie die Zelte Kedars, schön wie die Zeltdecken Salomons.“

Zum Abschluss ein kleiner Reigen meiner interessantesten Madonnen-Entdeckungen der letzten Jahre, für die – teilweise  blau unterlegt, d.h. anklickbar – weitere Informationen zur Verfügung stehen.

Sachbücher zum Thema:
Christa Mulack, „Maria – Die Geheime Göttin im Christentum, Stuttgart 1985
Erich Neumann, „Die Große Mutter“, Freiburg i. Br., 1989
Franz Siepe, „Fragen der Marienverehrung“, Gräfelfing 2002
Ean Begg, „Das Rätsel der Schwarzen Madonna“, Bad Münstereifel 1989

(Rocamadour, Dep. Lot, Frankreich)

(Nuria, Pyrenäen)

(Chartres, Eure-et-Loir)

Die Freundinnen der Frauen – Vic, Katalonien (Diözesanmuseum)

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Helene L. Köppel

This content is published under the Attribution-Noncommercial-Share Alike 3.0 Unported license.