
Kurzbeschreibung
(Titel der Printausgabe: “Die Affäre Calas”, Aufbau-Verlag, Berlin, 2008, 439 Seiten)
Eine ungeklärte Chemieexplosion in Toulouse, ein Familiengeheimnis, Briefe aus Voltaires Feder, ein verschwundenes Gemälde und eine geheimnisumwitterte lateinische Inschrift. Ein gefährlicher Cocktail aus religiösem Wahn und Mord, der die junge Anwältin Sandrine Feuerbach und ihren Geliebten, den Journalisten Henri Gagnepain, ins Unglück treibt.
Inhalt:
An ihrem 33. Geburtstag erfährt Sandrine, dass ihre Tante in Toulouse gestorben ist. In Südfrankreich wartet nicht nur eine beachtliche Erbschaft auf sie, sondern auch ein Familiengeheimnis aus dem 18. Jahrhundert. Kaum hat sie mit Hilfe ihres Jugendfreundes Henri begonnen den alten Vorgängen nachzuforschen, verschwindet Henri spurlos. Doch erst als jemand versucht, sie zu ermorden, merkt sie, wie brisant die alte Affäre ist.
Kapitel 6
Wenn die Pedanten sich prügeln,
triumphieren die Philosophen.
Voltaire, Korrespondenz
aus den Jahren 1749 bis 1760
Im Zug nach Straßburg – 10.50 Uhr
Weitere Notizen für meine Aufzeichnungen, nur Stichworte, keine ganzen Sätze. Ausformulieren werde ich später, in Toulouse. Doch etwas scheint nicht richtig zu funktionieren. Ständig wollen mir gewisse Wörter durch die Finger rinnen, nur mit Mühe gelingt es mir, sie auf dem Papier zu fixieren. Es drängt mich niemand, aber schließlich ist meine Geschichte im Kopf schon weit fortgeschritten. Sie gilt es einzuholen.
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. In der zarten und zugleich dummen Hoffnung, Geschehenes rückgängig machen zu können, werde ich weiterhin die Gegenwart der Vergangenheit voranstellen, vielleicht um Zugriff auf das Schreckliche zu bekommen, das geschehen ist.
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Am Abend wickelten wir vorsichtig das Ölpapier auf. Über Henris Oberlippe standen kleine Schweißperlen, was mich verwunderte, denn mich fröstelte ständig in diesem Haus.
Die vergilbten Handschriften, die – muffig riechend – zum Vorschein kamen, stammten aus den Jahren 1762 und 1763. Auf den ersten Blick handelte es sich um unterschiedliche Stellungnahmen zum Fall Calas.
„Kaum zu glauben“, meinte Henri und schüttelte den Kopf. „Deine Tante wusste all die Jahre von diesen Briefen und hat keiner Menschenseele etwas gesagt? Wie sieht es mit ihrem Busenfreund aus, dem alten Laroque? War er nicht ihr Vertrauter in allem?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Fernand Laroque? Hast du ihn auf dem Friedhof gesehen? Nein, ich denke nicht, dass er von den Briefen weiß. Charlotte hat die Kassette nach dem Tod von Onkel Alphonse in Sicherheit gebracht, nachdem schon ein Brief verlorengegangen war. Ich habe auch Sam nicht eingeweiht. Wir beide, du und ich, sind wohl augenblicklich die einzigen, die von meinem Familiengeheimnis Kenntnis haben.“
Kaum dass Sams Name ausgesprochen war, hatte ich unkontrolliert zu zittern begonnen, was diesmal nicht an der Kälte lag. Diese andere Frau und die Trennung verdarben mir gründlich die Freude an Charlottes Hinterlassenschaften. Ja, ich war noch immer richtig wütend. Auch auf mich. Doch Wut soll in solchen Fällen hilfreich sein. „Mir ist kalt“, sagte ich, um mein Zittern vor Henri zu erklären. „Könntest du vielleicht den Kamin anschüren?“
Er nickte, legte die Papiere zurück und machte sich an die Arbeit. Nachdem das Feuer flackerte, befahl er mir, mich in Charlottes Sessel zu setzen. „Leg deine Füße hoch, Sandrine!“ Er nahm eine Decke und wickelte mich fürsorglich darin ein. Als nur noch mein Gesicht daraus hervorschaute, bückte er sich zu mir herunter und gab mir einen Kuß auf die Stirn.
„Du bist noch immer der verrückte Kerl, der du früher warst!“, sagte ich. „Komm, lass uns eine Flasche Wein öffnen und unser Geheimnis begießen!“ Als vor jedem eines der langstieligen Kristallgläser stand, die Charlottes ganzer Stolz gewesen waren, meinte Henri aufgekratzt: „Jetzt stoßen wir an, dann lese ich dir vor, und du schließt die Augen, Sandrine, und versetzt dich in das 18. Jahrhundert, in die Zeit der Boudoirs und Mätressen, in der die Männer à la mode gingen – gepuderte Perücken, Spitzenhemden, Stöckelschuhe – und vor den Frauen Kratzfüße machten, um dabei lüstern in ihre Dekolletés zu starren.“
Henri brachte mich zum Lachen. Er setzte sich neben mich, blätterte vorsichtig in den Seiten, nieste, weil ihn der alte Staub in der Nase kitzelte. „Der erste Brief ist offenbar von der verwitweten Frau Calas. Merkwürdig – er trägt keine Unterschrift! 15. Brachmonat 1762 …“
„Brachmonat – was ist das?“, warf ich ein. „Oktober vielleicht? Da liegt alles brach …“
Doch Henri war skeptisch. „Wenn mich nicht alles täuscht, liegt der Brachmonat im Frühling – aber weiter …“
„Nein, mein Herr, nichts soll mich abhalten, dass ich nicht alles unternehme, um unsere Unschuld darzutun, lieber will ich verurteilt sterben, als leben und schuldig geglaubt werden. Man fährt fort, die Unschuld zu unterdrücken, und uns nebst unserer beweinenswürdigen Familie auf das Grausamste zu verfolgen. Man entführt mir noch, wie Sie wissen, meine lieben Töchter, den einzigen mir überbleibenden Trost, um sie in zwei verschiedene Klöster zu Toulouse zu verstecken, man führt sie an einen Ort, welcher der Schauplatz war, von allem unserm entsetzlichsten Unglück; ja man hat sie gar von einander abgesondert. Doch wenn der König zu befehlen geruht, dass man Sorge für sie trage, so segnet ihn mein ganzes Herz. Ich will Ihnen unsere Unglücksgeschichte umständlich und nach der genauen Wahrheit erzählen.
Den 13. Oktober 1761 (welch ein betrübter Tag für uns!) kam Herr Gober Lavaisse von Bordeaux, woselbst er sich eine Weile aufgehalten hatte, hierher, um seine Verwandten auf ihrem Landgut zu besuchen; in dieser Absicht suchte er sich ein Lehn-Pferd und langte abends zwischen 4 und 5 Uhren in unserer Behausung an. Mein Mann bat ihn, weil er doch noch nicht zu verreisen gedächte, dass ihm belieben möchte, mit uns zu Nacht zu speisen; der junge Herr nimmt es an; er geht hinauf in mein Zimmer, wo er mich, wider meine Gewohnheit, noch antraf. Sein erstes Compliment war: Ich esse mit Ihnen zu Nacht, Ihr Mann hat mich eingeladen. Ich bezeugte ihm mein Vergnügen darüber, nach wenigen Augenblicken verließ ich ihn, um meiner Magd Verhaltungsbefehle zu geben; demzufolge begab ich mich zu meinem ältesten Sohn, Marc-Antoine, und fand ihn ganz allein im Kaufmanns-Gewölbe sitzen, er sah finster und tiefsinnig aus; ich bat ihn hinzugehen, und Käse von Roquefort zu kaufen, denn er war gewöhnlich dazu bestellt, und verstand sich auf diese Sachen besser denn andere; deswegen sagte ich zu ihm, geh hin, und kauf uns Käse von Roquefort, hier hast du Geld dazu, was übrig bleibt, kannst du dem Papa geben.
Hierauf ging ich wieder in mein Zimmer zu dem jungen Lavaisse, den ich darinnen zurückgelassen habe. Doch bald hernach verließ er mich, und ging zu den Roßhändlern, um zu sehen, ob ein Pferd für ihn angelangt wäre, denn er wollte morgens kurzum auf das Landgut seines Vaters reisen. Als mein ältester Sohn unterdessen den Käse gekauft hatte, wurde es Zeit zu Nacht zu speisen; es war sieben Uhr. Alles im Haus setzte sich zur Tafel. Die Mahlzeit dauerte nicht lange, man unterhielt sich von gleichgültigen Dingen, man disputierte unter anderem über die Altertümer auf dem Rathause; mein jüngster Sohn Pierre erwähnte etliche derselben, sein Bruder tadelte ihn, denn jener redete weder gut noch gründlich davon. Da wir am Nachtische waren, steht dieses unglückliche Kind, ich meine meinen ältesten Sohn Marc-Antoine, von der Tafel auf, und geht durch die Küche, wie seine Gewohnheit war, hinweg. (Die Küche ist bei dem Speisesaal zu, auf dem ersten Stockwerk.) Die Magd sagte zu ihm: Frieren Sie, Herr Calas? Wärmen Sie sich hier. Nichts weniger, antwortete er, ich bin im Gegenteil ganz erhitzt. Er geht fort. Wir blieben noch etliche Augenblicke bei der Tafel, danach gingen wir in das ehemalige Schlafzimmer, nämlich der Herr Lavaisse, mein Mann, mein Sohn und ich. Die zwei setzten sich auf ein Sofa, mein jüngster Sohn auf einen Lehn-Sessel, ich auf einen Stuhl, wir disputierten alle miteinander. Mein Sohn entschlief, und ungefähr um 9 ¾ Uhren nahm Herr Lavaisse Abschied von uns, wir weckten den Entschlafenen auf, den Gast zu begleiten, und gaben ihm die Fackel demselben den Weg zu weisen. Sie gingen dann miteinander herunter.
Im Augenblick aber, als sie drunten waren, hörten wir ein lautes Geschrei und Lärm, konnten aber nicht unterscheiden, was man redete; mein Mann lief herzu, ich aber blieb zitternd auf der Galerie, ich durfte nicht heruntergehen, und wusste nicht, was es wohl sein möchte. Doch, da ich niemand kommen sah, entschloss ich mich, herunterzugehen; ich ging und traf unten an der Treppe den Herrn Lavaisse an, den ich mit Ungestüm fragte, was es wäre? Er bat mich sehr, mich wieder hinauf zu begeben, ich würde es denn schon vernehmen; er setzte so sehr in mich, dass ich endlich mit ihm in meine Kammer ging. Ohne Zweifel wollte er mir den Schmerz ersparen, meinen Sohn in solchem Zustand zu sehen, und ging wieder herunter. Ich konnte nicht länger in diesem allzu heftigen Stande der Ungewissheit bleiben, ich rief die Magd und sagte ihr, indem ich ihr das Licht gab, Jeanette, geht doch herunter, zu sehen was es ist, ich weiß es nicht und bin ganz voller Schrecken. Sie geht. Da sie aber nicht zurückkommt, mir Bericht zu bringen, ging ich selbst hinab.
Großer Gott, welcher Schmerz, welche Bestürzung überfiel mich, als ich diesen lieben Sohn ausgestreckt auf der Erde liegen sah?

Doch ich hielt ihn noch nicht für tot, ich lief und suchte Ungarisch Wasser, im Glauben, es sei ihm übel geworden, und da die Hoffnung das ist, was uns am spätesten verlässt, tat ich alles, was ich immer konnte, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen, denn ich konnte mich nicht überreden, dass er tot wäre. Wir alle schmeichelten uns damit, indem man den Wundarzt hat kommen lassen, der neben mir stand, den ich aber nicht wahrnahm, bis dass er sagte, es wäre vergeblich, etwas Weiteres zu versuchen, er sei tot. Ich behauptete ihm, dass dieses nicht sein könnte, und bat ihn, seine Bemühungen zu verdoppeln und ihn aufs Genaueste zu examinieren. Das tat er, allein es war alles umsonst. Es war nur gar zu wahr, dass er tot war.
Mittlerweile lehnte sich mein Mann an einen Tisch, und ergab sich der Verzweiflung, also dass mein Herz wie zerteilt war. Es blutete vor dem kläglichen Anblick meines Sohnes, und der Furcht, meinen lieben Mann zu verlieren, der sich ganz und gar seinem Schmerz ergab und von keinem Trost was hören wollte.
Da wir in diesen Umständen waren, traten die Gerichtsbedienten herein und nahmen uns in dem Zimmer, wohin man uns hinaufgehen ließ, gefangen.
So verhält es sich aufs Genaueste die ganze Begebenheit. Ich rufe den Gott an, der unsere Unschuld kennt, dass er mich ewig verdamme, wenn ich nur um ein Jota von der Wahrheit abgewichen und nicht bei allen Umständen dabei geblieben bin.
Ich bin bereit, diese Wahrheit mit meinem Blut zu besiegeln …“
Ich war wie erschlagen von dem, was ich gehört hatte. Von wegen Kratzfüße und lüsterne Blicke … „Ich bin bereit, diese Wahrheit mit meinem Blut zu besiegeln“ wiederholte ich leise.
Auch Henri schien wie gefangen von dem Bericht. Er starrte mit entgeistertem Blick auf sein Glas, in dem der Rotwein funkelte. Dann trank er es mit einem Schluck leer und sah auf die Uhr. „Ich würde jetzt gerne mit dir darüber reden, Sandrine, wirklich, glaub mir, die Sache interessiert mich über alle Maßen. Aber ich muss noch einmal weg“, sagte er und wirkte plötzlich nervös, geradezu gehetzt. Ging es ihm nicht gut? Waren es diese elenden Kopfschmerzen, die ihn heimsuchten?
„Wenn es nicht zu spät wird und bei dir noch Licht brennt, klopf ich noch einmal an.“
Ich nickte.
Sorgfältig legte er die Blätter auf den Stapel der noch ungelesenen Seiten. Dann schob er zwei dicke Scheite Holz in den Kamin und nahm seine Cordjacke. An der Tür drehte er sich um. Er sah mir tief in die Augen, verzog ein wenig spöttisch den Mund und meinte: „Ich hab dich schon früher sehr gemocht, kleine Sandrine Calas!“
Regungslos und mit traumverlorenem Blick blieb ich in Charlottes Sessel sitzen. Das flackernde Feuer malte bizarre Bilder auf das Parkett. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen weiterzulesen, nicht schlafen zu gehen, ja nicht einmal die Gläser abzuräumen. Im Grunde war ich froh, endlich allein zu sein. Es gab so vieles zu bedenken. Da war die bewegende Stimme aus der Vergangenheit, die eindringlichen Worte der Witwe Calas, Worte voller Angst um Sohn und Ehemann, und auch – dass man ihr nicht glauben könnte. Ein schreckliches Unglück war damals über die Familie hereingebrochen.
Schließlich musste ich auch über meine eigenen Probleme nachdenken: Die neue Affäre meines Mannes. Die bevorstehende Scheidung. Sam und Sandy gab es nicht mehr …
Das Pendel der großen Standuhr schwang ohne Unterlass hin und her. Mein Gesicht glühte, ich war ganz erhitzt, so wie Marc-Antoine, bevor das Unglück über ihn hereinbrach. Obwohl ich noch immer wütend über Sam war, musste ich mir eingestehen, dass ich ihn dennoch liebte, und jetzt machte ich mir bittere Vorwürfe, es ihm zu wenig gezeigt zu haben. Nicht nur die Kanzlei hatte mich voll in Anspruch genommen, wahrscheinlich hatte ich mich auch viel zu oft mit Steffi, meiner besten Freundin getroffen. Zwei Tage vor Silvester war ich sogar – völlig erschöpft nach einem schwierigen Prozess, bei dem ich Nebenklägerin in einer Vergewaltigungssache gewesen war und frustriert darüber, so viel allein zu sein – kurzentschlossen mit ihr nach St. Peter Ording gefahren, wo sie ein Landhaus besaß. Als Sam von seiner Geschäftsreise nach Hause kam, um mit mir den Jahreswechsel zu feiern, fand er einzig einen kleinen Zettel auf dem Küchentisch vor und ein kaltes Huhn im Kühlschrank. Nun fühlte ich mich auch noch schuldig deswegen. Typisch Frau!
Das Holz knisterte im Kamin. Eines der Scheite fiel krachend und funkensprühend in sich zusammen. Schuldig oder unschuldig … Wie oft hatte ich in den letzten Jahren diese Wörter ausgesprochen? Wer gibt die Spielregeln vor und wer spricht Recht, Gott oder der Zufall? Natürlich geschieht manches rein zufällig. Menschen kommen und gehen. Man verliebt sich und will, dass der Partner liebt, was man selbst liebt, dass er hasst, was man auch hasst, und man trennt sich wieder, wenn der vermeintliche Segen der Übereinstimmung zum Fluch geworden ist.
„Steter Tropfen höhlt den Stein, und der Ring zerreibt sich durch Tragen“, heißt es bei Ovid. Steter Tropfen höhlt den Stein? Hatte ich Sam tatsächlich einmal zuviel gezeigt, dass er entbehrlich war, dass ich mein Leben auch ohne ihn bewältigen konnte? (Dass ich eine gute Freundin wie Steffi hatte, die er nicht zu lieben brauchte, und Dinge verabscheute wie Golfspielen oder Segeltörns, die er schätzte?) „Zerreibt sich durch Tragen …“, murmelte ich mehrere Male vor mich hin und betrachtete voller Wehmut und Schmerz meinen Ehering. Der Diamant blitzte auf. In seinem Licht sah ich uns beide, Sam und Sandy – das schöne elegante Paar, das nach Meinung vieler so gut zusammenpasste –, wie wir Hand in Hand auf der Fifth Avenue vor dem Schaufenster eines Juweliergeschäftes standen und uns einfach nicht entscheiden konnten. Der Inhaber, ein älterer Mann im dunklen Anzug und mit braunfleckigen gepflegten Händen, musterte uns aufmerksam, als wir den Laden betraten.
„Sie suchen Trauringe?“, hatte er vorsichtig gefragt, als hätten jene tausend Zweifel, die wir über die Ringfrage hinaus in dieser Heiratsangelegenheit hegten, offen in unseren Gesichtern gestanden. Wir nickten wie befreit. Sollte ein anderer die Entscheidung treffen, uns war es recht.
Da lächelte der Mann, bückte sich und zog ein Schubfach heraus, das er vor uns auf die Ladentheke stellte. Auf schwarzem Samt lagen gut zwei Dutzend Platinringe. „Sie müssen wissen, dass es für jede Braut nur einen einzigen, genau zu ihr passenden Ring gibt auf dieser Welt“, sagte er leise und geheimnisvoll zu mir und wies auf ein schmales, fast unscheinbares Platinband mit einem kleinen Diamanten. „Dies ist der Ihre, junge Frau. Ein Unikat. Er wird Ihnen Glück bringen.“
Der Ring gefiel mir sehr, er passte wie angegossen. Der Preis war horrend. Doch an das Glück wollte ich nur zu gerne glauben. Sams Gegenstück besaß keinen Stein, war aber gerade deswegen von einer bestrickenden männlichen Eleganz … Mein Gott, dachte ich, als ich erneut die Hand hin und her bewegte, um den Diamanten zum Funkeln und weitere Bilder zum Erscheinen zu bringen, der Juwelier hat glatt gelogen. Geblufft. Gepokert. Ein Geschäft gemacht kurz vor Ladenschluss. Clever, dieser Mann … „Der Ring wird Ihnen Glück bringen!“
Aber heißt es nicht auch: „Jeder ist seines Glückes Schmied?“ Was geschieht eigentlich mit Eheringen nach einer Scheidung? Musste ich den meinen Sam zurückgeben und er mir den seinen? Höchstpersönlich, bei einem letzten Glas perlenden Champagners? Oder sollte ich ihn per Wertbrief abschicken, mit ein paar Tränen-Perlen auf den allerletzten Zeilen? Was bleibt zu tun, nachdem wir uns mächtig zugesetzt haben, Herr Voltaire? Ein sanftes Leben zu führen in friedlicher Gelassenheit und zu lachen? Oder vielleicht ein Scheidungsritual in einer Kirche praktizieren, wie ich es in einem Journal gelesen hatte? Was hierzulande noch Aufsehen errege, hatte es in dem Artikel geheißen, sei in vielen protestantischen Kirchen in den USA schon beinahe Normalität. Ein solches Ritual helfe trennungswilligen Paaren, ihre Wunden zu heilen und ihre Befreiung zu feiern. Danach vergrub man gemeinsam die Eheringe vor der Kapelle oder man schmolz sie ein.
Zugegeben, Menschen brauchen Rituale. Doch dieses fand ich einfach lächerlich. Unwürdig, wie Charlottes Schatzgeschichte.
Ich schenkte mir nach, nahm einen großen Schluck Wein, kuschelte mich dann wieder in meine Decke, starrte ins Feuer und dachte noch lange an Sam, der mich irgendwann geliebt hatte – und dann ein bisschen an Henri, der mich ein klein wenig mochte.
(Copyright: Helene Luise Köppel)
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