Versteckte Schätze: Sant Martí Sesserres (Katalonien)

Der kleine Weiler Sant Martí Sesserres (oder auch de les Muntanyes) liegt in Katalonien, im Gemeindegebiet von Cabanelles, am Fuße des Mont-Gebirges, am rechten Ufer des Manol (eines Nebenflusses der Muga) – und zugleich an der Straße nach Sant Jaume. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 872. Im Jahr 1116 wurde der Ort an die Kathedrale von Girona abgetreten.
Den fast zugewachsenen Turm der Kirche von Sant Martí Sesserres habe ich im Jahr 2014 eher zufällig beim Herumstrolchen in den herrlichen Bergen und Wäldern dieser Gegend entdeckt. Das Gotteshaus wird urkundlich erstmals im Jahr 1031 erwähnt, soll aber bereits im 9. Jahrhundert existiert und zur Grafschaft Besalú gehört haben.
Die heutige romanische Kirche mit ihrem einschiffigem Bau (12. Jh.) und dem viereckigen Glockenturm (18. Jh.) ragt tatsächlich halbversteckt von Bäumen und Sträuchern aus dem Dorf heraus.
Das Interessanteste an dem geheimnisvollen Gebäude ist das eiserne Tor mit rätselhafter Inschrift, sowie das Tympanon oberhalb des schlichten Türsturzes. Es weist das Santiagokreuz auf, das zu Ehren des Heiligen Jakobus hier angebracht wurde, weil einer der zahlreichen Jakobswege direkt davor vorbeiführt.
Flankiert wird das große Kreuz von zwei Tatzenkreuzen, die auf die Arme Ritterschaft Christi des Salomonischen Tempels hinweisen. Die Tempelritter also – die seinerzeit in Europa den Auftrag hatten, die Santiagopilger auf ihrem Weg nach Compostela zu schützen.

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Saint-Michel-de-Cuxa – ein kultureller Mittelpunkt des Roussillons

Die Abtei Saint-Michel-de-Cuxa liegt malerisch am Fuße des sagenumwobenen Canigou

Drei Klöster sind für die katalanische Romanik von großer Bedeutung: Die Abtei von Serrabone, Saint-Martin-du-Canigou und Saint-Michel-de-Cuxa, wobei die berühmte Abtei Cuxa am leichtesten erreichbar ist, weil sie im Tal liegt, direkt am Fuße des Canigou-Massivs.
Auch von ihrer Größe her, sticht sie hervor.
(Tipp: Von der Stadt Prades aus ist die Abtei Saint-Michel-de-Cuxa über die D 27 in fünf Minuten erreichbar. (Prades ist bekannt durch die Musikwochen, die Pablo Casals (Exil-Katalane und Franco-Gegner) dort alljährlich abzuhalten pflegte.)

Abt Oliba – der geistige Vater Kataloniens

Bereits vor Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts entwickelte sich Saint-Michel-de-Cuxa (katalanisch Sant Miquel de Cuixà) zu einem religiösen und damit geistigen Mittelpunkt des Roussillons, wie man die historische Provinz im Süden Frankreichs bezeichnete (heute Pyrénées Orientales).
Die ursprüngliche Abtei wurde im Jahr 840 an den Quellen von Thuès (in den Schluchten des Têt) erbaut, oberhalb von Villefranche-de-Conflent. Nach einem großen Unglück (Überschwemmung mit Erdrutsch) fanden die überlebenden 36 Mönche im Haus eines gewissen Protasius in Cuixà eine neue Unterkunft.
Im Jahr 878 errichteten die Mönche hier ein neues Kloster, in dem sie nach den Regeln des Heiligen Benedikts lebten.
Ihre Glanzzeit erlebte die neue Abtei unter dem berühmten Abt Oliba (s. a. Ripoll). Oliba (* 971 in Besalú, † 1046 hier in Cuxa) war Graf von Berga, Abt verschiedener Benediktinerklöster und Bischof von Vic. Er wird heute als geistiger Vater Kataloniens angesehen.

Für immer verloren gegangen …

Von der einst kostbaren Ausstattung aus Olibas Zeit ist leider nur wenig erhalten geblieben. Einige Bruchstücke vom Skulpturenschmuck der Empore (die noch großartiger als die von Serrabone gewesen sein soll!) existieren jedoch noch. Ihre Reste finden sich heute im Haupteingang der Kirche der Abtei Cuxa.
Der Altartisch aus Marmor wurde irgendwann in einem alten Haus in der Nachbarschaft der Abtei entdeckt, wo er zweckentfremdet als Boden des Balkons diente.
Für immer verloren gegangen ist leider auch ein Großteil des Kreuzgangs aus dem 12. Jahrhundert. Er wurde nach Amerika verkauft. Heute kann man ihn im New Yorker Cloisters Museum bewundern. Zwei der abtransportierten Arkadengänge konnten wieder rekonstruiert werden, wobei man sich an den Kapitellen der Abtei von Serrabone orientierte, weil es sich bei beiden Klöstern und die gleiche Werkstatt gehandelt hat.

Zusammen mit Sant-Pere-de Rodes (Spanien/Katalonien),
ist Saint-Michel-de-Cuxa einer der leuchtenden Beispiele der vorromanischen Baukunst.

Maurisch-mozarabische Anklänge

Im Kircheninneren fehlt es nicht an maurisch-mozarabischen Mauerdurchbrüchen, wie man unschwer an den charakteristischen Hufeisenbögen erkennen kann.

Die vorromanische Krypta mit der Kapelle der Heiligen Jungfrau der Krippe…

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Magische Orte in der Umgebung: Boule d’Amont, Belpuig, Ille-sur-Têt, Prieuré de Serrabone, Taurinya


Den Kopf in den Kessel: Der Kult der Madonna von Nuría

Dass ich mich im September 2015 auf den Weg hinauf nach Nuría machte, lag mal wieder an Ean Begg. Das Sachbuch des englischen Autors “The Cult of the Black Virgin” steht seit Jahren wie festgetackert auf der Packliste für mein Handgepäck. Ean Beggs Studie über das Phänomen der Schwarzen Madonnen, die er im Jahr 1985 veröffentlichte, ging eine Fleißarbeit voraus: Mit einem von ihm entwickelten Fragebogen bereiste er diejenigen Kultplätze in Europa, die mit einer Darstellung der Schwarzen Madonna in Verbindung stehen – darunter Basiliken, Kathedralen und winzige Dorfkirchen. Er notierte alles auf, was er vor Ort erfuhr (heidnische Ursprünge in der Antike, keltische Naturreligionen, volkstümliche Überlieferungen usw.) Eine wahre Fundgrube an nützlichen Informationen, wenn man sich für alte Überlieferungen und Traditionen interessiert.

Hier ein Auszug aus seiner Beschreibung der Madonna von Nuría. Der Ort liegt in fast 2000 Meter Höhe im Norden von Katalonien (Provinz Gerona, nahe der Grenze zu Frankreich):

Der Kult der berühmten Schwarzen Madonna von Nuría (archaisch-rustikal, ohne Schleier) begann, der Legende zufolge, mit dem Einsiedler Gil und seinen Gefährten. Die Statue wurde während der maurischen Okkupation versteckt und war bis 1032 verschwunden. In diesem Jahr erhielt Amadeus, ein Verehrer der Jungfrau Maria, in Damaskus die Anweisung durch einen Engel, sich in die Pyrenäen zu begeben und dort einen Tempel an einem Ort zu errichten, wo ein weißer Stein zwischen zwei Flüssen stehe. Würde er dort graben, so fände er einen großen Schatz. Als er diesen Ort erreichte, konnten ihn die Hirten dort verstehen, obwohl er sie in syrischer Sprache anredete. Am Berghang sah man einen brüllenden Ochsen, der in der Erde grub. An dieser Stelle entdeckte man dann eine lichterfüllte Höhle, in deren Innern man eine Glocke, ein Kreuz, einen großen Tiegel und die Statue fand, die zur Heiligen Jungfrau von Nuria wurde …

Ean Begg, The Cult of the Black Virgin, S. 257 ff

Nuría und der Heilige Gil

Wie von Ean Begg geschildert, beginnt die Geschichte im 7. Jahrhundert nach Christus …
Ein frommer Kaufmann namens Gil* macht sich auf den weiten Weg von Athen in die Pyrenäen, um sich in die Einsamkeit der Berge zurückzuziehen. Sein einziger Kontakt sind fortan die Schäfer und Hirten, mit denen er seine kargen Mahlzeiten teilt. Für sie predigt er und er schnitzt ihnen aus dunklem Holz eine schlichte Madonna. Doch als die Mauren ihn bedrohen, muss er fliehen. Gil versteckt seine Schätze: die Madonna, ein Kruzifix, die Glocke, mit der er die Hirten zur Messe rief, sowie den Kessel, in dem er die Mahlzeiten zubereitete. Dann verschließt er seine Höhlenklause mit schweren Steinen.
Gils Schatz gerät in Vergessenheit …

Nach der Wiederentdeckung im 11. Jahrhundert (Amadeus, Pilger aus Damaskus) verbreitete sich schnell der Ruf, alles in Nuría müsse heilig sein: Die Menschen pulverisieren die Steine, um sie als Medizin zu verwenden. Das Wasser der Quelle neben der Höhle soll Augenkrankheiten heilen. Glocke und Kessel werden gar zum Fruchtbarkeitsritual, das sich ziemlich skurril anhört: Während der Mann die Glocke des Heiligen Gil läutet, steckt die Frau den Kopf in den Kessel und betet zur Schwarzen Madonna. (Doch Vorsicht: jedes Läuten führt angeblich zu einer Geburt! 🙂 ) Wird ein Mädchen geboren, nennt man es selbstverständlich Nuría, wird es ein Junge, heißt er Gil

Der Kult um Nostra Senyora de Nuría ist bis heute ungebrochen. Unzählige Menschen suchen Jahr für Jahr dieses hochgelegene Dorf auf, um hier Ruhe zu finden und Gebete an die alte Schutzheilige der Pyrenäenschäfer zu richten, die natürlich noch immer auch für den Kindersegen zuständig ist.
Man erzählt sich, es gäbe sehr viele Nurías in Katalonien! 🙂

*Hinter Gil steckt der Heilige Ägidius, der als Einsiedler in der Provence lebte, und um das Jahr 680, unterstützt vom Westgotenkönig Wamba, das Kloster Saint-Gilles gründete.

Sancta Maria de Nuría – heute geweißt!

In der nachgebildeten Eremitenhöhle thront die Madonna (eine Replik), um die Bittgesuche ihrer Besucherinnen und Besucher entgegenzunehmen.
Das Original befindet sich in der Kirche.

Im Netz, s. Foto oben links, existiert noch eine Abbildung der ursprünglichen schwarzen Nuría-Madonna. Diese soll bis ins 17. Jh. in der alten Einsiedelei gestanden haben.
Die heutige buntbemalte Figur mit dem netten Lächeln und den roten Wangen wird offiziell wie folgendermaßen beschrieben:

… In ihrem eigenen Heiligtum hoch in den Pyrenäen,
etwa eine Stunde von Barcelona entfernt,
7. bis 12. Jahrhundert,
56 cm, bemaltes Holz,
kürzlich bei der Restaurierung geweißt.

Nuría und der Templer-Eremit

Nachdem im Jahr 1162 eine Papstbulle den hiesigen Marienkult bestätigte, entstand hundert Jahre später (1271) eine erste Pilgerherberge oben auf dem Berg. Die Pilger wurden von einem Eremitenbruder des Templerordens bewacht und betreut. (In Katalonien gab es etliche Templerkommanderien; die u. a. auch zum Schutz der Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela dienten. )
Zur Erinnerung an die Templerzeit schmücken in der Kirche von Nuría noch heute Tatzenkreuze selbst die Rücklehnen der Kirchenbänke.

Während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) hat man die Nuría-Madonna aus Sicherheitsgründen in einem Bankschließfach in der Schweiz untergebracht.

Nuría – die Kirche

Die heutige Kirche stammt aus dem Jahr 1911. Ein Vorgängerbau wurde 1883 auf den Grundmauern der ehemaligen Einsiedelei errichtet.
Am 1. September, am Ägidius Tag, findet alljährlich eine Wallfahrt von Hirten beiderseits der katalanisch-französischen Grenze nach Nuría statt.
Die Originalmadonna befindet sich oberhalb des Altars, gut gesichert hinter Glas. Im Jahr 1956 wurde sie zur Schutzpatronin der Diözöse von Urgel erklärt. 1967 hat man sie gekrönt, danach wurde sie offenbar, so Ean Begg, von einer “katholisch-nationalistischen Gruppe” kurzzeitig gestohlen.
Der Festtag von La Morenita (wie die Frauen ihre Schwarze Madonna liebevoll nennen) ist der 8. September. An diesem Tag feiern alle Frauen mit dem Namen Nuría ihren Namenstag, und die Jungfrau wird in einer Prozession von ihrem Thron in der Kirche zur Einsiedelei des Heiligen Gil getragen.

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Wie in Montserrat kann man auch in der Kirche von Nuría in einem Raum hinter dem Hauptaltar sitzen und meditieren!

Nuría – und die Cremallera, die Zahnradbahn

Das autofreie Gebirgsdorf Nuría ist nicht nur ein Ort der stillen Einkehr, es ist auch ein herrliches Wander- und Ski-Gebiet. Der sog. Camí Vell (der “alte Weg”) führt vorbei an Wasserfällen und tiefen Schluchten. Der Aufstieg (Höhenunterschied 730 Meter; trittsicheres Schuhwerk ist erforderlich) dauert etwa 2,5 – 3 Stunden.
Wem das zu beschwerlich ist, der nimmt die Zahnradbahn, die sog. Cremallera. Karten im Talort Ribes de Freser. Die Fahrt führt über Queralbs (Parkplatz) in das Hochtal. Oben in Nuría gibt es auch Hotelzimmer (Berghotel seit 1931) und Caféterias.

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Magische Orte in der Umgebung

Ripoll
Santuari del Far
Rupit i Pruit
Sant Miquel del Fai
Sant Pere de Rodes
Cuenca



“KNOTENSTRICKER” von Hannah Miller

Bild

Hannah Miller ist das Pseudonym der deutschen Autorin Helene L. Köppel, die für ihre Historischen Romane bekannt ist (Katharer-Romane, 12.-19. Jh.) – sowie für ihre Gegenwartsromane (Südfrankreich-Thriller, oft mit historischem Hintergrund).
Dass sie sich für die Veröffentlichung von “Knotenstricker” ein Pseudonym zugelegt hat – (französisch
nom de plume, wörtlich: “Schreibfeder-Name”) –, dient nicht zur Verschleierung ihrer Person, sondern hat mit dem Romaninhalt und der Protagonistin zu tun.

Kurzer Romaninhalt


Südfrankreich. Sommer. Der Geruch von Pinien
Doch die Idylle trügt: Von einer hochgelegenen Jagdhütte aus beobachtet jemand aufmerksam die Ankunft der Schriftstellerin Annrose Pfeifer.
Als sie nichtsahnend mit ihrem Mann aus dem Wagen steigt, zerreißt ein Schuss die Abendstille – und Annrose, die noch soviel vorhat im Leben, muss mit ansehen, wie von einer Sekunde auf die andere ihre Welt zerbricht.
Der Fall hält Kommissar Claret und die zuständige Staatsanwältin in Atem, denn es deutet einiges darauf hin, dass die deutsche Autorin der Toulouser Drogenmafia in die Quere kam.

Doch dann gibt es noch einen weiteren beunruhigenden Verdacht …

“Knotenstricker” ist ein pechschwarzer Psychothriller mit Südfrankreich- und Schwedenflair, in dem es um mehr geht, als um Plagiat, Rache und gestörte menschliche Wahrnehmung.


Kommissar Maurice Claret zum Fall “Knotenstricker”:
Nicht des Ruhmes wegen …
Die meisten Kriminalfälle, die ich als Kommissar mit meinem Team aufklären konnte, habe ich nach ihrem Abschluss rasch ad acta gelegt, um den Kopf für neue Fälle freizubekommen. Zugegeben: Nicht gänzlich frei, das nicht. Ein Ermittler muss immer auch seine alten Fälle abrufen können, um Vergleiche zu ziehen.
Unvergleichbar wird für mich jedoch der Fall der Schriftstellerin Annrose Pfeifer (alias Hannah Miller) bleiben, deren Leben im Sommer 2012 in eine schwere Krise geriet. Angst um diese Frau war das Gefühl, an das ich mich in dieser Zeit am stärksten erinnere, aber auch Angst um meine eigene Familie: Die Angst, der Täter könnte erneut zuschlagen.
Nach Abschluss des Falles setzte ich mich mit Hannah Miller noch einmal in Verbindung. »Sollte aus Ihrer Geschichte irgendwann ein Roman werden, Madame«, sagte ich zu ihr, »würde ich gerne den Anteil beisteuern, den ich vertreten kann. Nicht des Ruhmes wegen, nur der Vollständigkeit halber!«
Und so sind wir verblieben.

Maurice Claret, Commissaire de Police
Toulouse/Département Haute-Garonne


LESEPROBE


Saarlouis/Genf, Donnerstag, 19. Juli 2012

Unbegreiflich eigentlich, dass es Tage gibt, an denen einfach alles schief läuft! Zuerst war beim Einsteigen in den Zug ein kurzer heftiger Platzregen niedergegangen, der sich anhörte, als ob Millionen kleiner Glaskugeln auf das Dach des Waggons prasselten. Dann hatte sich Annrose Pfeifer, nass bis auf die Haut, mit ihrem Trolley durch die verstopften Gänge gequält, nur um kurz darauf festzustellen, dass ihr reservierter Sitzplatz bereits belegt war: Eine junge Mutter mit Kleinkind, beide ebenfalls sichtlich durchnässt, sah sie derart verzweifelt an, dass sie ihr bedeutete, sitzenzubleiben. Sie würde sowieso gleich umsteigen müssen, sagte sie, sie wolle nach Genf.
Aufatmend lehnte sie sich im benachbarten Gepäckabteil mit dem Rücken an die Wand und trocknete sich mit Papiertaschentüchern behelfsweise Gesicht und Haar. Ihre Frisur war vermutlich im Eimer und ihr neuer, hellgrauer Businessanzug roch ganz sicher so muffig-feucht wie die Boucléjacke der älteren Dame neben ihr. Beunruhigend fand sie es auch, dass der Zug nicht pünktlich weiterfuhr. Sie hatte doch beim nächsten Zwischenstopp in Saarbrücken nur fünf Minuten Zeit zum Umsteigen. Und tatsächlich rauschte ihr der Anschlusszug vor der Nase weg, und sie musste fünfzig Minuten auf den nächsten warten. Damit rannte ihr aber auch die Zeit davon. Sie hätte auf Robert hören und einen früheren Zug nehmen sollen!
Schließlich, als wenn es mit den Pannen an diesem Tag noch nicht reichen würde, verstauchte sie sich, der Eile geschuldet, im Bahnhof Genf-Cornavin den linken Knöchel. Das jedoch fand sie nun fast schon wieder zum Lachen.

Leicht hinkend, die Kleidung klamm, verließ Annrose den Bahnhof durch den Haupteingang. Doch bereits unter dem Vordach blieb sie abrupt stehen. Verdammt, der Tag war tatsächlich wie verhext: Auch in Genf schüttete es wie aus Gießkannen!
Sie zog die Einladungskarte aus ihrer Umhängetasche: Hotel Warwick, Rue de Lausanne 14, 1201 Genève, Schweiz, Beginn 20 Uhr. Zimmer reserviert.
Ein Blick auf die Bahnhofsuhr, dann humpelte sie mitten durch den Regen zum Taxistand. Der erste Chauffeur, den sie fragte, deutete auf ein in der Nähe befindliches hohes Gebäude. »Das Warwick schaffen Sie besser zu Fuß«, meinte er.
Besser zu Fuß? Na, dann … Annrose überquerte todesmutig die stark befahrene Straße und ratterte kurz darauf mit ihrem Rollkoffer in die elegante Lobby des Hotels.
Auf dem Weg zur Rezeption kam ihr ein junger Mann in einer verwaschenen orangeroten Jeansjacke und mit geschultertem Rucksack entgegen. Sie wollte ausweichen und – was hatte sie erwartet, an einem Tag wie diesem? – natürlich wich er zur selben Seite aus! Der zweite Versuch, nun nach der anderen Richtung, scheiterte ebenfalls.
»Sorry«, japste sie, während ihr die Regentropfen in den Nacken liefen, »meine Schuld, bin in Eile!«
»Aber nein, meine Schuld«, sagte er lachend und ließ ihr den Vortritt.
Annrose trat an den Tresen und nannte ihren Namen. Während der Rezeptionist seelenruhig den PC befragte, nahm sie aus den Augenwinkeln heraus wahr, dass der junge Mann, mit dem sie beinahe kollidiert wäre, plötzlich schräg hinter ihr stand. Hatte er nicht schon eingecheckt? Irritiert drehte sie sich nach ihm um. »Ja, bitte?«
»Literatur-Agentur Valtus?«, fragte er, kaugummikauend. Er war nicht viel größer als sie, vielleicht einsfünfundsechzig, zierlich gebaut, dunkelhaarig, ein mediterraner Typ.
Sie nickte erleichtert. »Sie etwa auch?«
»Bien sûr! Dann sind wir wohl Kollegen. Können wir uns duzen? Ich bin Danilo. Danilo Plonsky. Schon von mir gelesen?«
Annrose stutzte, lachte aber dann, weil er ihr zuzwinkerte. »Leider nein!« Sie nahm ihr Zimmerkärtchen entgegen und stellte sich ihm ebenfalls namentlich vor.
Ein erschrockener Blick auf die Uhr, und sie stürmten gemeinsam in Richtung Aufzug.
»Welches Stockwerk?«, fragte er, die Hand bereits auf der Schalttafel mit den Knöpfen.
»Sechstes«, antwortete sie. »Hoffentlich dauert es nicht ewig … Mein Zug hatte ein Problem, und dann noch der verdammte Regen heute!«
»Mach dich nicht verrückt«, meinte er. »Wir verpassen höchstens das Champagnersüppchen. Wollen wir nachher zusammen zum Empfang gehen? Sagen wir, in dreißig Minuten? Schaffst du das zeitlich? Mit der … Frisur und so?«

Sie zögerte nicht eine Sekunde. »Aber ja!«, sagte sie dankbar.

(456 Seiten, Taschenbuch- und E-book-Ausgabe, im Buchhandel erhältlich und/oder bei Amazon)


Natur, Kultur und Kulinarisches:
Rupit i Pruit – bei den Katalanen

Der Dichter und Schriftsteller Josep Maria de Sagarra i de Castellarnau gilt als einer der bekanntesten katalanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er liebte “sein Katalonien” und schreibt über das Pyrenäendorf Rupit (Eingangsfoto) folgendes:

 

Rupit ist ein reizvolles Dörfchen und liegt inmitten der Buchenhaine des Tales Collsacabra. Es handelt sich dabei um einen jener versteckten Winkel, die in zwanzig Jahren vielleicht schon ihren ursprünglichen Charakter verloren haben werden. Heute jedoch ist das traditionelle Erscheinungsbild noch erhalten und entzückt den Besucher mit seinen malerischen Schindeldächern, den Holzbalkonen, den steilen Gassen und den verschlafenen alten Häusern. An einigen davon sind noch gotische Fenster zu sehen, die meisten Gebäude stammen jedoch aus der Barockzeit des siebzehnten Jahrhunderts, der Zeit der Verehrung der Heiligen, der tränenreichen Muttergottesfiguren, der Liebeslieder und der Wegelagerer, wie die berühmten Bandoleros l’Hereu Riera, d’En Serrallonga und Perot el Lladre, die hier ihr Unwesen trieben. Die katalanische Kultur des siebzehnten Jahrhunderts war von der Verehrung des Heldentums und von tiefer Empfindsamkeit geprägt, die sich in unseren Volksliedern und Legenden niedergeschlagen haben. Das Dorf Rupit repräsentiert all das. Es ist ein Stück lebendig gebliebene Geschichte, ein bescheidener versteckter Winkel aus dem katalanischen siebzehnten Jahrhundert …”

(Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Die Kapelle St. Magdalena stammt aus dem 17. Jh.;
sie steht auf einem Berg oberhalb der Krümmung des Wildbaches von Rupit.

Es war heiß am 2. Juni 2017, als ich mich um die Mittagszeit – von Rupit aus – auf den Weg hinauf zur Magdalenenkapelle machte. Der Aufstieg, der durch den schattigen Wald führte, war nicht anstrengend. Aber es gab jede Menge “Stolpersteine”, und weil ringsum aus allen Löchern und Ritzen Wasser gurgelte, waren die Steine bemoost und rutschig. Als ich dann endlich oben ankam, war ich enttäuscht: Das Eingangstor war zu. Schade!
Aber pst! Aufgeben ist nicht mein Ding. Ich hielt mal kurz meine Kamera ans Schlüsselloch:
(s. Foto unten)

Version 2

Beim Erkundungsgang durch Rupit i Pruit muss man die Augen unbedingt offenhalten, den hier gibt es viel Eigenartiges zu entdecken!
(Pruit besteht übrigens nur aus mehreren Bauernhäusern, die über das gesamte Gemeindegebiet verstreut sind. Unter diesen Bauernhäusern befindet sich auch die Kirche Sant Andreu, s. Foto Kirchturm unten.)

Kommen Sie mit mir auf Entdeckungsreise!
(Fotos bitte anklicken!)

Schöne Ein- und Ausblicke!

Malerische Treppengassen,
geheimnisvolle Inschriften,
Tatzenkreuze über den Türen,
Sonnenräder und
archaische Pyrenäen-Madonnen …

(Turm der Kirche St. André, Pruit)

(Die Schwarze Madonna von Pruit)

Ganz besonders spannend fand ich die Überquerung des Wildbachs mittels einer Hängebrücke, die den zweigeteilten Pyrenäenort Rupit verbindet!

Ein weiterer magischer Ort in der Nähe von Rupit!

In der Umgebung von Rupit i Pruit kann man viele interessante Zeugnisse der romanischen Kunst entdecken – wie etwa die ehemalige Eremitage Sant Joan de Fàbregues.
Ein Besuch ist absolut empfehlenswert!

(Sant Joan de Fàbregues  – ein magischer Ort!)

(Die Rückseite der Kapelle)

Sant Joan de Fàbregues, sehr einsam gelegen, aber mit einem herrlichen Ausblick auf das Gebirgsmassiv der Guilleries, war die ehemalige Pfarrkirche von Rupit, bis 1955 als San Juan bekannt, seit 968 als Eremitage dokumentiert.

Rupit i Pruit und San Joan de Fàbregues liegen in der sog. Garrotxa eine wilde Naturlandschaft mit tiefen Buchenwäldern. Dort stößt man nicht selten auf Vulkankegel und Lavahänge.
Das nachstehende Foto einer solchen Lavazunge entstand in der unmittelbaren Nähe von San Joan de Fàbregues.

Kulinarisches zum Schluss:
Lassen Sie es sich nicht entgehen, ein paar Leckerbissen mit nach Hause zu nehmen (oder auch vor Ort zu kosten): z.B. das Fladengebäck “Coca de Pa” oder den berühmten “Ratafia” (Kräuterlikör aus grünen Walnüssen und Gewürzen). Auch der besonders aromatische Bienenhonig aus den Pyrenäen ist zu empfehlen – und nicht zuletzt  die traditionellen Würste, “Bulls” genannt.

Vielen Dank für Ihr Interesse!

“Unterm silbernen Wasserfall” –
Sant Miquel del Fai

Die größte Troglodytenkirche des Landes
(Troglodyten=Höhlenbewohner)

Sant Miquel del Fai ist ein Benediktinerkloster in Bigues i Riells, Katalonien, Spanien. Das Kloster liegt malerisch in einem Naturschutzgebiet, umgeben von grau-rosa Felsklippen, Cingles de Bertí genannt. Im Jahr 1988 wurde Sant Miguel del Fai zum Kulturdenkmal erklärt.
Die Kirche aus dem 11. Jh. wurde in einer Höhle erbaut, der Stein selbst diente als Dach. Es ist die größte Troglodytenkirche des Landes, besitzt ein romanisches Portal, das durch einen halbkreisförmigen Bogen gebildet wird. Vom Hochaltar gibt es nur Überreste. Eine kleine Krypta wird über eine Treppe in der Nähe des Eingangs erreicht. Auf dem Boden der Kirche befinden sich Grabsteine ​​der alten Äbte.

Zur Geschichte: Im Jahre 997 kaufte Gombau de Besora, Herr der Burg von Montbui, den Grund und Boden für das geplante Kloster. Das genaue Gründungsdatum des Klosters ist unbekannt, aber im Jahre 1006 gab es eine erste Gemeinschaft von Brüdern, deren Abt Guillemund hieß. Sowohl die Grafen von Barcelona als auch Gombau selbst haben dem Kloster wichtige Güter geschenkt.
Die in San Miguel lebende Gemeinde war immer klein; es lebten hier nie mehr als fünf oder sechs Mönche. Nach dem 14. Jh. gab es sogar nur noch drei Mönche. Das religiöse Leben in del Fai endete im Jahre 1567, als es in Abhängigkeit von der Diözese von Gerona geriet. Das alte Kloster wurde in ein Heiligtum verwandelt, zu dem die Leute vor allem aus den Nachbarortschaften pilgerten. Religiöse Verrichtungen wurden bis 1936 aufrechterhalten.

Nach San Miguel del Fai gelangt man entweder direkt mit dem Auto oder zu Fuß durch eine kurzweilige Bergwanderung von Riells del Fai aus.
Die Bergwanderung dauert ca. eine Stunde. Die spektakuläre Landschaft entschädigt für alle Strapazen. Das Frühjahr ist übrigens die beste Zeit für eine Besichtigung dieses Klosters, auch weil der Wasserfall – der Fußweg führt hinter ihm hindurch! – dann mehr Wasser führt. 

Trotz des eher kleinen Klosters erhielt Sant Miquel del Fal große Spenden. Im Diözesanmuseum von Barcelona ist ein romanisches Kreuz aus geprägtem Silber konserviert (siehe Foto unten, Replik) – ein einzigartiges Werk der romanischen Goldschmiedekunst aus San Miguel. Im örtlichen Museum, im Klosterbereich, sind auch Grabsteine, Sarkophage und andere Geräte zu besichtigen, die den Reichtum zeigen, den dieses Kloster einst besaß.

Zum Reinschnuppern einige Fotos aus dem Klosterbereich:

Die Kirche hat ein romanisches Portal, das durch einen Rundbogen gebildet ist. Ein Säulenpaar wird mit Kapitellen mit Pflanzenmotiven verziert. Vom Hochaltar sind nur noch wenige Spuren erhalten. Es gibt eine kleine Krypta, die über eine Treppe in der Nähe des Eingangs zugänglich ist. Auf dem Boden der Kirche sind die Grabsteine der alten Äbte zu sehen.

(Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Die Madonna und der Vogelfuß

Die Madonna del Fai ist eine der seltenen Madonnen, bei denen das Jesuskind einen Vogel in der Hand hält. Sie ist frühgotisch. Was den Vogel betrifft, so erinnert dieser an das apokryphe Kindheitsevangelium (Thomasevangelium): Nach diesem Bericht soll Jesus als Fünfjähriger am Schabbat zwölf Spatzen aus Lehm geformt und sie dann zum Leben erweckt haben. Am Schabbat, an dem jegliche Arbeit verboten war! Jesus hat sich also über die Bräuche des Judentums hinweggesetzt. (s. auch meinen Artikel “Fort mit euch – Die Vögel im verbotenen Evangelium”)

(Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Die Madonna von Fai – aber auch der große Wasserfall,
die Einsiedelei und mehrere Höhlen – sind die Highlights
dieses mystischen Ortes:

“Wir sahen Schmetterlinge,
wir standen unterm silbernen Wasserfall,
wir sahen alles,
wir hielten die Muschel ans Ohr,
wir hörten das Meer,
wir hatten einfach Zeit.”

(Max Frisch, Schriftsteller)

Wer interessante Entdeckungen machen will, aber auch wer Zeit hat, Ruhe und Erholung sucht, ist in Sant Miquel del Fai gut aufgehoben!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!