Der rätselhafte Meister von Cabestany

(Alle Fotos HLK 2009/2013)

Niemand weiß, wer sich hinter ihm verbirgt. Einig ist man sich heute, dass er ein hochbegabter Bildhauer des Romanischen Mittelalters war (12. Jh), mit einer außergewöhnlichen Spannbreite, was sein Schaffen betrifft. Als Herkunftsort vermutet man die kleine französische Gemeinde Cabestany, nahe Perpignan. Hier existiert seit kurzem ein modernes Museum, das seine Werke angemessen und geschmackvoll präsentiert.

Als ich mich im Jahr 2009 im Kloster St. Hilaire (Aude) aufhielt, traf ich zum ersten Mal auf diesen Künstler. Denn dort befindet sich der berühmte Sarkophag des Heiligen Saturnin – ein Spätwerk des Meisters von Cabestany. Ungewöhnlich fand ich damals die vielen neugierigen Tier- und Maskenköpfe zwischen den Beinen der Figuren. Ein Hinweis auf die Kräfte des Bösen, auf das Tier, das in jedem Menschen steckt?

War der Meister von Cabestany ein seltenes Naturtalent oder ging er irgendwo in die Lehre?

Es ist denkbar, dass er sich an den unterschiedlichsten Baustellen aufhielt. Das 12. Jahrhundert war bekanntlich eine Epoche des Ausbaues der Klöster und Pilgerstraßen, aber auch des beginnenden Kathedralbaues – Bollwerke gegen die sich ausbreitende Katharer-Häresie.

Vielleicht hat der Meister von Cabestany seine Kunstfertigkeit sogar im nahen Toulouse erworben, als seinerzeit unzählige Bildhauer die berühmte Basilika  St. Sernin ausgestalteten. (Das imposante Gotteshaus wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts fertig.)

Dass man den Meister von Cabestany heute zumindest zeitlich einordnen kann und zwar in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, ist einem Zufall zu verdanken: Auf dem Schmuckbogen der in der Nähe von Cabestany gelegenen Abtei Lagrasse, den er ebenfalls geschaffen hat, sind die Namen zweier Äbte eingemeißelt: Wilhelmus und Rotbertus, die im Jahr 1157 bzw. 1167 amtierten.

Das nachstehende Foto entstand in Barcelona, im Museu d`Art de Catalunya. Der Künstler wurde dort nicht genannt, aber ich tippte sofort auf ein Werk des Meisters von Cabestany. Mein Verdacht erhärtete sich, als ich in der Woche darauf in Cabestany den großen Pferdekopf sah. Die Ähnlichkeit kann meines Erachtens nicht geleugnet werden.

Ein Exportschlager aus dem Mittelalter?

Der fleißige Meister von Cabestany (mehr als 120 Werke werden ihm zugeordnet) arbeitete stets mit dem Stein, der in seiner Umgebung vorkam (z.B. mit dem weißen Marmor von Ceret). Überall in Katalonien (Südfrankreich/Nordspanien) kann man seine Werke entdecken – vorzugsweise entlang der zahlreichen Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela.

Überraschenderweise lassen sich aber auch in der Toskana (San Antimo bei Siena) Werke von ihm finden, z.B. die außergewöhnlichen Löwenfiguren des Meisters.

Was genau war er nun?

Ein Berufsbildhauer? Ein einzelner Steinmetz mit besonderer Begabung? Oder gar ein Architekt (im Sinne von Anführer) – der womöglich in der Diözöse Narbonne eine große Werkstatt besaß und viele Gehilfen beschäftigte, die nach seinen Vorgaben arbeiteten? Letzteres lässt sich nicht ausschließen und es ist eine Vorstellung, die mir gefällt. Fest steht, sein Beruf war seine Passion und seine Fantasie kannte keine Grenzen! (Fotos Flötenspieler, die wie Oktobusse aussehen, Fries.)

Eine weitere These …

Nachdem sich viele seiner Werke in den bedeutendsten Benediktinerklöstern befinden, könnte der Meister aber auch ein Mönch gewesen sein, der sich als Bildhauer spezialisiert hatte.  (Im nächsten Bild das berühmte Agnus Dei des Künstlers.)

Zu meiner Überraschung stellte ich bei meinem Museumsbesuch im Juni 2013 fest, dass der Meister von Cabestany offenbar auch gute Kenntnise vom Glauben der Katharer (Dualismus, die Lehre der zwei Welten) hatte, denn er verwendete ausnahmsweise schwarzen Marmor für den „Gefallenen Engel“ (Luzifer).

(Das Original dieses außergewöhnlichen Kunstwerks befindet sich in Rieux-Minervois, L’Assomption-de-Notre-Dame)

Je mehr ich mich mit dem unbekannten Meister beschäftigte, desto mehr faszinierten mich seine Bildwerke, die er übrigens nie signiert hat. Dennoch sind sie selbst für einen Laien relativ leicht zuzuordnen: Oft bohrt er Löcher in die mandelförmigen Augen. Die Hände hingegen sind extrem lang – (wie übrigens auch die der Romanischen Madonnen). Und überall tauchen diese eigentümlichen Friese auf mit ihren Tier- und Maskenköpfen.

Nachstehend ein gelungener Widderkopf …

und immer wieder Engel …

Eine kleine Provokation?

Äußerst selten wird in der Kunst die Jungfrau Maria in einer Mandorla dargestellt, wie man jenen mandelförmigen Rahmen um ihren Körper nennt. Denn üblicherweise thront einzig Christus – als Pantokrator oder Majestas domini – In solchen Mandorlen. Lag der Grund für diese Darstellung in der glühenden Marienverehrung, die das 12. Jahrhundert auszeichnete?

Das Original befindet sich übrigens wie der „Gefallene Engel“ in Rieux-Minervois.

Begeistert haben mich auch die zahlreichen Ornamente, Blüten und Blumen, die sich der Meister von Cabestany ausgedacht hat. Hier ein immer wiederkehrendes Motiv, das mir besonders gefällt:

Das Schlüsselwerk des Künstlers …

In der Pfarrkirche von Cabestany (hinter dem neuen Museum) ist der berühmte Tympanon des Meisters zu bewundern. Es ist wie die meisten seiner Arbeiten aus weißem Marmor gefertigt (im oberen Teil leider beschädigt). Ursprünglich befand er sich wohl vor dem Haupteingang der Vorgängerkirche. Auch hier wieder die Madonna in der Mandorla, wie man sie in Rieux-Minervois findet.

Der Tympanon birgt indes ein kleines Geheimnis:

Rechts und links neben dem segnenden Christus – in der Mitte mit Bart und Schriftsatz (Hinweis auf das Neue Testament?) – stehen der Apostel Thomas und die Jungfrau Maria. Der „ungläubige Thomas“ hält einen Gürtel mit mandelförmigen Symbolen in der Hand, den er der Legende nach von Maria erhalten hat.

So weit, so gut. Nur – woher hat dies der Meister von Cabestany gewusst?

Die Legenda aurea*, in der diese Begebenheit steht, ist viel jünger als der Bildhauer. Mehr als hundert Jahre!

Nun, der Meister von Cabestany kann es uns nicht erzählen. Er hat sich dem Schweigen verschrieben und verbleibt bis auf weiteres im Dunkel der Geschichte!

*Legenda aurea: Verfasser ist der Dominikaner Jacobus de Voraigne (1230-1298)

ERGÄNZUNG 20. NOVEMBER 2014:
Das Kloster von Sant Pere de Rodes (Katalonien), das ich im September 2014 aufsuchte, gehört zu einem der berühmtesten Baudenkmälern Kataloniens. Hier befindet sich ebenfalls ein Werk des Meisters von Cabestany:

Ich bedanke mich für Ihr Interessse!

 Helene L. Köppel

 

 

 

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