„Fort mit euch!“
– Die Vögel im verbotenen Evangelium

Das „makabre“ Evangelium des Philosophen Thomas

Wenn man auf Reisen die Augen offen hält, kann man in Romanischen Kirchen mitunter auch Zeugnisse aus den sog. „verbotenen Evangelien“ (Apokryphen) entdecken (z.B. im Kloster del Fai, s. unten)

Zu den Apokryphen – Texte, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden – zählt auch das „makabre Kindheitsevangelium nach Thomas“. Achtung: Dieses Evangelium hat nichts mit dem Thomasevangelium (unbekannte Jesus-Sprüche), zu schaffen, das man in Nag Hammadi entdeckt hat. Die Schriften sind völlig unterschiedlich.
Der Autor und Philosoph Thomas stellt sich am Anfang selbst vor:

„Ich, Thomas, der Israelit, hielt es für notwendig, allen Brüdern in der Welt die Kindheit und Großtaten unseres Herrn Jesus Christus zu berichten, die er, geboren in unserem Land, vollbracht hat. So fing diese Sache an: …“


Aber weshalb „makaber“?

Dieses verbotene Evangelium (das wohl im 2. Jh. n. Chr. entstanden ist – der Kirchenvater Irenäus bezieht sich in einer Schrift darauf –, aber erst im 6. Jh. bezeugt wurde) enthält wahre Schauergeschichten aus der Kindheit Jesu. Es war in griechischen, syrischen, hebräischen, lateinischen, georgischen und altbulgarischen Handschriften weit verbreitet. Unbekannt ist die Sprache der Originalschrift; die älteste erhaltene Handschrift ist auf Syrisch.

Die Geschichten zeigen Jesus als – „einen Jungen, der eigentlich ist wie fast jedes Kind in seinem Alter – vorlaut, frech, trotzig, boshaft, auch naiv, neugierig, unternehmungslustig, hilfsbereit, verspielt –, dazu aber mit einer Macht ausgestattet, die ihn zu einem enfant terrible werden lässt: Da muss beispielsweise das Kind des Schriftgelehrten Annas nur deshalb sterben, weil es Jesus angerempelt hat und daraufhin von ihm verflucht wird.“ (Ceming, Werlitz „Die verbotenen Evangelien“, S. 101)

Weitere Beispiele: (bitte Bilder zu Vergrößern anklicken!)

  1. Beim Spielen fällt das Kind Zenon vom Dach eines Hauses, zwei Juden beschuldigen Jesus, ihm einen Stoss gegeben zu haben.

2. Jesus erweckt das tote Kind wieder, damit es den Anschuldigern gegenüber Jesu Unschuld bezeugt.

3. Jesus fängt mit anderen Kindern am Sabbat Fische. Ein Jude, der die Kinder darob tadelt, fällt auf der Stelle tot um.

4. Die Kinder verklagen Jesus deshalb bei erwachsenen Juden. Auf die Bitte Marias und Josephs erweckt Jesus den Toten wieder.

Jesus sagt: „Fort mit euch!“

Zurück zu meiner Entdeckung im Kloster del Fai:

Das Kloster aus dem frühen 11. Jh. liegt ca. 50 km von Barcelona entfernt, oberhalb der Flüsse Tenes und Besos und ist umgeben von weinroten felsigen Klippen, viel Grün und Wasserfällen …

Hier traf ich auf die Geschichte mit Jesus und den Spatzen aus Lehm:

„Als der Knabe Jesus fünf geworden war, spielte er an der Furt eines Baches; er leitete das Wasser in Gruben um und machte es sofort rein – mit dem Wort allein gebot er ihm. Dann bereitete er sich weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen. Es war aber Sabbat, als er dies tat, und viele andere Kinder spielten mit ihm.
Als ein Jude bemerkte, was Jesus beim Spielen am Sabbat tat, eilte er sofort zu dessen Vater Joseph und berichtete ihm: „Joseph, dein Sohn ist am Bach. Er hat Lehm genommen und daraus Vögel geformt und so den Sabbat entweiht.“ Als nun Joseph selbst an den Ort gelangt war und es gesehen hatte, herrschte er den Knaben an: „Weshalb machst du am Sabbat etwas, das man nicht tun darf?“ Jesus aber klatschte in die Hände und rief den Spatzen zu „Fort mit euch!“ Und schon erwachten die Vögel zum Leben, öffneten ihre Flügel und flogen davon. Die Juden aber, die dies gesehen hatten, staunten und berichteten ihren Ältesten davon.“

 

Wie man sich vorstellen kann, wurden solche Wundergeschichten bei jedem Erzählen noch einmal kräftig ausgeschmückt!

Die Madonna del Fai ist eine der seltenen Madonnen,
bei denen das Jesuskind einen Vogel in der Hand hält.

Der Strahlkraft des verbotenen Kindheitsevangeliums war groß, nicht zuletzt aufgrund der Machtdemonstrationen des jungen Jesus, die an „Göttersöhne“ aus indischer Tradition erinnern, z.B. an Rama oder Krischna.

Die Vögel im Koran
Die Geschichte von Jesus und den Vögeln fand auch Eingang in den Koran, wo Jesus  – in diesem Fall Isa bin Marjam (Jesus, Sohn der Maria) – eine herausragende Stellung als Prophet einnimmt: (Sure 3, 48)

„Jesus erwies sich gegenüber den Kindern Israels als Gesandter Allahs: „Ich gebe euch ein Zeichen von eurem Herrn, indem ich aus Lehm etwas schaffe, was Vögeln gleicht. Dann werde ich hineinblasen, und es werden mit Gottes Erlaubnis lebendige Vögel sein …“

Mit einem Blick auf das alte Kloster del Fai bedanke ich mich herzlich für Ihr Interesse!

Quellen: K. Ceming, J. Werlitz, „Die Verbotenen Evangelien“, Wiesbaden 2007;
H. Santler, „Die Un-Heilige Schrift“, Langenlois, 2012
Abbildungen: Von Unbekannt – http://www.e-codices.unifr.ch/de/sbs/0008/26v, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45149661;
Grafik Jesu Kindheit: Corbis;
Fotos: Helene L. Köppel, 2017.

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Die alte Abtei von Sylvanès

Die alte Zisterzienserabtei von Sylvanès liegt in Frankreich in der Region Okzitanien, im Süd-Aveyron. Sie gehörte einst zu den Klöstern Mazan und Citeaux. Das noch heute bestehende Gebäude wurde im Jahr 1151 in geringer Entfernung vom früheren Standort errichtet.
Die einschiffige Kirche ist 48 m lang und – ohne die Seitenkapellen – 14 m breit. Das Querschiff misst fast 26 m.

Der Gründer der Abtei – ein ehemaliger Räuber!

Pons de Léras, der als Gründer der Abtei Sylvanès gilt (1120), wird in der Chronik des Mönches Hugues Francigena als ein Brigant beschrieben, ein Räuber und Gesetzloser, gewalttätig und gierig – bis er sich der Religion zuwandte und sühnte.
Er verkaufte seinen Besitz und leistete Wiedergutmachung. Zusammen mit sechs Begleitern verließ er sein Land und seine Familie und pilgerte nach Santiago de Compostela.
Auf dieser Reise besuchte er u.a. auch den Mont Saint-Michel, und das Kloster Saint-Guilhem-le-Désert.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat lud ihn Arnaud von Pont de Camarès ein, auf seinem Land eine religiöse Gemeinschaft zu gründen. Sie rodeten das Land und errichteten eine rudimentäre Kirche und einige Hütten (Cellae) rund um die Silvanium-Therme (lateinisch silva, Wald), die sie in Salvanium umbenannten.

(alle Fotos bitte zum Vergrößern anklicken!)

Eine Romanische Madonna

Pons de Léras und seine Gefährten lebten in Kontakt mit der Natur und in Armut. Sie fühlten sich als Teil einer neuen Religiosität, die zu Beginn des XII. Jahrhunderts ganz im Gegensatz stand zur Opulenz des Mönchtums von Clunis. Diese neue Spiritualität spiegelte sich auch in der Entscheidung wider, die Kapelle der Jungfrau Maria zu weihen, der Beschützerin der gesamten Menschheit.

Im Jahr 1591 (Religionskriege) erlitt Sylvanès schwere Zerstörungen; 1791 lebten noch ganze vier Mönche im Kloster. Später wurde die Kirche zur Pfarrkirche ernannt – die anderen Gebäude wurden verkauft.

(Notre Dame de Assomption – Himmelfahrt)
Romanische Madonna, 11. Jh., Original)

Das 20. Jahrhundert: die Wiederentdeckung der Abtei

Obwohl die Abtei 1834 von Prosper Mérimée unter Denkmalschutz gestellt wurde, behielt sie ihre landwirtschaftliche Funktion bis zum Jahr 1970, als die Gemeinde Sylvanès sie zurückkaufte. Anfang der 70er Jahre entdeckte der Dominikanermönch André Gouzes die Abtei mit ihrem Kirchenschiff und ihrer außergewöhnlichen Akustik wieder. Er gründete einen Verein und die Renovierungsarbeiten begannen. Neben ihren religiösen Funktionen entdeckt die Abtei eine neue Berufung: die eines internationalen Kulturzentrums.

Ein Schwerpunkt des Kulturtourismus im Süd-Aveyron

Der Dominikaner André Gouzes komponierte in Sylvanès zahlreiche auf der byzantinischen Musik beruhende Messen sowie Wechselgesänge zum Stundengebet: Insgesamt rund dreitausend Kompositionen, die in Frankreich häufig im Rahmen der katholischen Liturgie aufgeführt werden.
Im Juli und August findet in der Abtei das Festival international de musique sacrée de Sylvanès statt.

Am 27. Mai 2017 hatte ich die Ehre, einer der Gesangsproben beiwohnen zu dürfen. Eine wirklich beeindruckende Akustik!

Mit einem letzten Blick auf die außergewöhnlichen Fensterossetten der Abteikirche von Sylvanès bedanke ich mich herzlich für Ihr Interesse!

Die Kathedrale von Albi – ein Bollwerk gegen die Katharer

Kathedrale Sainte-Cécile, 13. Jh. - ein Meisterwerk der Gotik

Die Stadt Albi, von den Franzosen „Albi-la-Rouge“ genannt (wegen der vielen roten Backsteinhäuser), ist die Hauptstadt des Départements Tarn in der Region Okzitanien – und unfreiwillige Namensgeberin der Katharerbewegung. Hier steht die mächtige, burgartige, Kathedrale Sainte-Célile, die im Auftrag von Bischof Bernard de Castanet – nach den sog. „Albigenserkriegen“ (1209 bis 1229) – als Bollwerk gegen die Katharer erbaut wurde. Sie steht auf dem Platz einer älteren Kathedrale, deren Kreuzgang jetzt der Bischofsgarten ziert (s. letztes Foto).
Die Mauern der Kathedrale sind bis zu sechs Meter dick.
Der Glockenturm wurde etwas später, im 14. Jh., errichtet.

Das beeindruckendste Bauwerk ist heute die Kathedrale des französischen Erzbistums Albi und eine der größten Backsteinkirchen der Welt.

Lettner im Flamboyant-Stil (anklicken zum Vergrößern)

Die Heilige Cécile – Namensgeberin der Kathedrale von Albi

Der Tradition zufolge war die heilige Cécile eine Jungfrau und Märtyrerin, die im 3. Jh. nach Christus in Rom gelebt haben soll. Nach der Bekehrung ihres Mannes und dessen Bruder zum Christentum, beteiligten sich diese an der verbotenen Bestattung hingerichteter Christen und wurden daraufhin selbst ins Gefängnis geworfen und getötet. Cécile wurde ebenfalls verhaftet und in kochendes Wasser getaucht, das ihr aber – der Legende nach – nichts anhaben konnte. Als der Henker daraufhin versuchte, sie zu enthaupten, gelang es ihm nicht, ihr den Kopf abzutrennen. Schwer verwundet, lebte sie noch drei Tage und verteilte ihre Reichtümer unter den Armen.

 

Die Wandgemälde

wurden zu Beginn des 16. Jh. von italienischen Künstlern ausgeführt. Das Fresko „Das Jüngste Gericht“ an der Rückwand der Westfassade misst 20 x 15 Meter und ist eine französische Arbeit. Die Darstellungen von Purgatorium, Hölle und Paradies sind noch im Original erhalten.

Das sog. Purgatorium - oder der Reinigungsort der Seelen
(anklicken zum Vergrößern)

Die Verehrung des Heiligen Dominikus (rechts)

(Romanauszug aus „Rixende – Die Geheimen Worte“, S. 27)

„Dominikus von Caleruega kam ihm in den Sinn, der Ordensgründer, der auf eine andere Weise die Katharer hatte bekehren wollen, die so sehr die Ordnung der Heiligen römischen Kirche störten: mit ruhigem, friedlichem Gespräch von Mann zu Mann; Überzeugung, keinesfalls Gewalt, mit vorbildlichem, asketischem Leben, gleich den katharischen parfaits. Nun ja, dachte Saint-Georges, und er verzog ein wenig spöttisch den Mund, Dominikus in allen Ehren, er hatte es gut gemeint, doch den Menschen das Evangelium predigen in härenen Kutten und Sandalen, wie lächerlich! Die Zeiten waren andere geworden, dem Herrn sei Dank. Zwar erzählte man sich noch immer, dass Dominikus‘ Mutter, bevor sie ihn empfing, geträumt hatte, sie trüge ein Hündlein in ihrem Schoß, das eine brennende Fackel in seinem Munde hielt, welche – sobald es ihren Leib verließ – die ganze Erde zu entzünden schien. Doch der freundliche, brave Mann war sein Leben lang ein zahnloser Hund geblieben und hatte nur wenige Ketzer mit seinen Reden überzeugt, obwohl er selbst bei glühender Hitze bergauf und bergab auf holprigen Straßen gezogen war, um auf den Marktplätzen das Predigtwerk Christi zu verkünden …“

Die Dominikaner zeichneten sich bei der Bekämpfung der Katharer (Inquisition) durch besondere Härte aus. Aus diesem Grund bezeichnete man die Mitglieder auch als domini canes (Hunde des Herrn).

Die Stadt Albi – als Namensgeber für die Katharer.
Die Kathedrale von Albi – als  Symbol für den Sieg über die Katharer?

Der Sieg jedoch war brüchig. Möchten Sie erfahren, wie es mit den Katharern nach dem Fall des Montségur und der jahrzehntelangen Verfolgung durch die Dominikaner-Inquisitoren weiterging?
Dann empfehle ich Ihnen meinen neuen Roman „Béatris – Kronzeugin der Inquisition“
(Taschenbuch und E-book)

Ein Blick zum Schluss in den Garten des benachbarten Bischofspalastes, auf den Fluss Tarn und die im freundlichen Rotbraun leuchtenden Häuser der Stadt:

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Ein kleiner Hinweis noch: Die Kathedrale wird am Abend um 18.30 Uhr geschlossen.

Besançon – das römische „Vesontio“

Julius Cäsar berichtet in „De bello Gallico“, dass er die Stadt Besançon – damals noch Vesontio genannt – aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage im Jahr 58 v. Chr. zum Stützpunkt im Kampf gegen die Germanen machte.

 

Cum tridui viam processisset, nuntiatum est ei Ariovistum cum suis omnibus copiis ad occupandum Vesontionem, quod est oppidum maximum Sequanorum, contendere triduique viam a suis finibus processisse …

 

Heute ist die malerische Stadt – an einer Schleife des Doubs gelegen – Universitätsstadt und das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region Franche-Comté.

Quai Vauban und Doubs

Altstadt

Besançon verdankt sein heutiges Aussehen dem umtriebigen Festungsarchitekten Ludwigs XIV., Vauban. Seine raffinierte Befestigungstechnik – eine Zitadelle und drei aufeinanderfolgende Wehrgänge – ist noch zu sehen. Der Quai, mit Umwallung und einer schier endlosen Reihe mit Arkaden versehenen Gebäuden, trägt Vaubans Namen.

Sébastien Le Prestre, Seigneur de Vauban (auch Marquis de Vauban) - 1633 - 1707 - war ein französischer General, Festungsbaumeister Ludwigs XIV. und Marschall von Frankreich.

Die sehenswerte Altstadt besitzt aber auch noch zahlreiche Zeugnisse aus der Römerzeit – wie die Säulen des Square Castan (s. erstes Foto) und – in der Nähe der Kathedrale – die Porta Nigra (auch Porte de Mars genannt), die mit ihren Skulpturen und dem zweigeschossigen Aufbau an einen prachtvollen Triumphbogen erinnert – und das zu Recht:

Die Porta Nigra – geschmückt mit Pflanzenornamenten, Mythologie- und Kampfszenen – wurde einst dem römischen Kaiser Marc Aurel gewidmet.

Marc Aurel oder Marcus Aurelius, war von 161 bis 180 römischer Kaiser und als Philosoph der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa.
Als Stoa (Στοά) wird eines der wirkungsmächtigsten philosophischen Lehrgebäude in der abendländischen Geschichte bezeichnet.

In Besançon, einer Stadt der Künste, lebt das Andenken an zwei berühmte Namen fort, Männer, die hier geboren wurden:
Die Brüder Lumière (1862 und 1864) – die „Erfinder des Cinématographen“ (s. Foto rechts)
und der berühmte Schriftsteller Victor Hugo (1802), der den Franzosen (nach Voltaire) als ihr größter Autor gilt. Hugo schrieb u.a. „Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Die Elenden“ (Les Miserables).

rechts das Geburtshaus von Victor Hugo

Blick auf den Turm der Kathedrale Saint Jean (12. Jh.)

Mein Urteil:
Besançon hat wesentlich mehr zu bieten als nur ein Hotelzimmer für die Nacht vor der Weiterreise in den Süden!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Estella – auf dem alten Sternenweg nach Compostela

Ich hatte bei Ean Begg gelesen, dass sich in der Real Basilica von Estella (Provinz Navarra) eine polychrome (mehrfarbige) Holzstatue aus dem 8. Jahrhundert (vermutlich eher 12. Jh.?) befinden soll, die rundum versilbert ist: Pilger aus ganz Europa hätten sie auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela aufgesucht.
Das hat mich neugierig gemacht!

Ursprünglich war Estella eine römische Siedlung. Im 11. Jahrhundert gründete König Sancho Ramirez nach dem Erscheinen eines Sternenzeichens die Stadt. Dabei stellte er sicher, dass ein Pilgerweg (damals noch der „Alte Sternenweg“) durch Estella führte.
Heute liegt Estella (baskisch Lizarra) am Camino Francès. Die Kleinstadt ist berühmt für ihre alten Kirchen, Paläste und Klöster, weshalb sie auch das „Toledo des Nordens“ genannt wird.
Beide Namen, Estella und Lizarra, bedeuten Stern und werden amtlich benutzt.

No se ve Estella hasta llegar a ella …

In einem spanischen Sprichwort heißt es, dass man Estella seiner Berge wegen erst dann sieht, wenn man schon dort ist:  Der Bergring, der Estella umgibt, schützt die Stadt vor kalten Winden und ist damit für Estellas mildes Klima verantwortlich.

Foto links: Auf dem Weg zur RealBasilica – eine Säulenmadonna

Und wohin man auch sah: Sterne, Sterne, Sterne
(Eingangstür der RealBasilika von Estella)

Der Alte Sternenweg – kurzer Romanauszug aus „Talmi“:
… Als es um den Ausspruch „Das Siegel der Meister ist der Stern“ ging, kam Sabot auf die alten Initiationswege zu sprechen: „Zu diesen Wegen zählte auch der sogenannte Sternenweg in Richtung Santiago de Compostela. Aber Achtung: Er ist nicht deckungsgleich mit dem heute bekannten Jakobsweg. Wobei sich mir der Verdacht aufdrängt“ – Sabot schmunzelte -, „dass man den Pilgerstrom absichtlich vom alten Weg fernhält.“

„Und weshalb?“, fragte Maury.
„Nun, der Sternenweg hat offenbar mit dem Christentum nur wenig gemein. Leider weiß man heute den Grund nicht mehr, weshalb Menschen in grauer Vorzeit ihn beschritten haben. Das Wissen ging verloren … Es gab übrigens noch andere Wege“, sagte er. „Einer ging von England aus und ein weiterer von Sainte-Odile im Elsaß. Alle Wege führten durch Gegenden, die von Megalithen und Dolmen bedeckt sind. Die Steine verbinden gewissermaßen die heiligen Orte … Bleiben wir beim Sternenweg. Historiker vermuten, er gehörte ursprünglich zu einem riesigen Labyrinth, das sich über die gesamte Pyrenäengegend spannte – eine Art Initiationssystem …“

Real Basílica de Nuestra Señora de El Puy
Im Inneren eine freundlich lächelnde Jungfrau mit Kind und Krone, auf einem Schemel sitzend (s. Foto unten). In ihrer Hand ein blühender Dornzweig, unter ihren Füßen eine große Mondsichel.  Die in Estella verehrte Madonna (vermutlich eine ihrer Vorgängerinnen) wurde im Jahr 1085 in einer Höhle gefunden, nach der Marienerscheinung einiger Hirten. „Mondsichelmadonnen“ gibt es viele. Aber was hat es mit ihnen auf sich? Eine Spur führt geradewegs zur Apokalypse – zur Offenbarung des Johannes:

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. (Offb, 12,1–5)

Aber eigentlich begann alles noch viel früher:

Barbara G. Walker schreibt in ihrem Lexikon „Das Geheime Wissen der Frauen“ folgendes:

„Ägyptische Inschriften verkünden:
´Am Anfang war Isis, die Älteste der Alten.
Sie war die Göttin, aus der alles Werden wuchs.
Als Schöpfergöttin gebar sie den Sonnenstern,
als er das erste Mal über der Erde aufging`.

 

Das Christentum übernahm also die Sterne. Das sog. „Mondschiff“ der Isis jedoch – ihre Barke, die sie so stolz auf dem Kopf trug – tritt die Mutter Gottes heute mit Füßen!

Vielleicht als Zeichen des Sieges über ihre heidnische Vorgängerin?

Fest steht, dass Isis und ihr Sonnenstern vom Christentum weniger verdrängt als erfolgreich absorbiert wurde …

(s.a. mein Artikel „Die Freundinnen der Frauen – Schwarz bin ich, aber schön …)

(Fotos bitte durch Anklicken vergrößern!)

Das Kircheninnere ist gotisch – und wie ein einziger Stern konzipiert!
*

(Foto links – eine Kopie der der Nostra Seniora del Puy)

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Helene L. Köppel

Der Grüne Mann und der Götze Loll

Grüne Kleidung zu tragen war guter heidnischer Frühlingsbrauch in ganz Europa. Feen trugen in ihrem Reich sogar ganzjährig Grün – und ihre Liebhaber ebenfalls.

In einem schottischen Märchen begegnen wir einer solchen Fee und ihrem Liebhaber, den man Thomas, den Reimer nannte:

Da hörte er in der Ferne einen Laut, der klang wie das Geräusch eines Bergbaches. Dann aber sprang er plötzlich erstaunt auf, denn über einen der grünen Pfade sah er die schönste Dame der Weit reiten. Sie trug ein Kleid aus grasgrüner Seide und einen Umhang aus grasgrünem Samt, und ihr blondes Haar fiel ihr offen über die Schultern …“

Im Christentum war die Farbe GRÜN aus diesem Grund lange verpönt!

Die einst grünen Kerzen wurden abgeschafft, die Grünen Männer aus den Kirchen verbannt – aber nicht überall. Mir springen die Zurückgebliebenen seit Jahren geradezu in die Augen – aber vielleicht auch nur, weil sie von mir gesehen werden wollen! 🙂

(Paris, Notre-Dame)

(Paris Notre-Dame)

Halten auch Sie nach ihnen Ausschau!

Sie befinden sich innerhalb und außerhalb sakraler aber auch profaner Gebäude. Ihre Kennzeichen: Die Haupt- und Barthaare der Grünen Männer werden meist als Blätter, Ranken oder Gräser dargestellt, oft wachsen diese auch aus den Mündern der Köpfe.

(Kloster Ebrach, Unterfranken)

Achtung: Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!

(Kathedrale Bayeux, Normandie)

(Kloster Ebrach, Unterfranken)

(oben und rechts: Ritterkapelle Haßfurt, Unterfranken)

Weshalb sich heutige Dombaumeister, Architekten oder Restauratoren oft für eine andere Farbe als GRÜN entscheiden, entzieht sich meiner Kenntnis – denn der wahre Grüne Mann hat nichts Herbstliches an sich!

Er befindet sich im Einklang mit den Naturgesetzen –

ist jedoch scheu. Er versteckt sich hinter seinen Blättern und Ranken, wird oft mit ihnen eins. Man kann ihn mit Silvanus gleichsetzen, dem römischen Waldgott – oder mit dem Fruchtbarkeitsgott Lug, den man in alter Zeit in meiner Heimatstadt Schweinfurt als Lollus verehrt hat.

Loll – der Grüne Mann von Schweinfurt

Man weiß heute, dass germanische Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten stets als Paar verehrt wurden. Im Götzen Loll sahen die Schweinfurter den männlichen Partner der Göttin Frigg (oder Freja): Sein ehernes Bildnis stand in einem heiligen Hain (dem sog. Löhlein). Loll wird als halbnackter, lockiger junger Mann beschrieben, jeweils einen Kranz von Mohnsamen um sein Haupt und seine Brust geschlungen. Mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand umfasste er seine Zunge, in der linken Hand hielt er einen Becher, aus dem Kornähren sprossen.
Als der Heilige Kilian ins Frankenland kam, machte er dem Loll den Garaus. Er versenkte ihn kurzerhand im Main. Die Schweinfurter jedoch vergaßen ihren Götzen nicht so schnell. Nach Kilians Tod ließen sie ein neues Bildnis gießen und stellten es wieder auf.
Wie man sich denken kann, nicht für lange!

(Kloster Ebrach, Oberfranken)

(Dom zu Bamberg, Oberfranken)

(Kloster Ebrach, Oberfranken)

Mit einem besonders schönen Exemplar eines Grünen Mannes zum Schluss meines Artikels, bedanke ich mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!

(Kloster Ebrach, Oberfranken)

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