Avignon im Jahr 1334:
„Ihr habt einen Esel gewählt!“

Bei der Recherche zu meinem jüngsten Historischen Roman „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“ befasste ich mich intensiv mit einem jener drei Päpste, die als Gründer des Papsttums in Avignon gelten:

 Benedikt XII.

Im Bild: Clemens V., Johannes XXII. und Benedikt XII.

Wie kam es eigentlich zur Übersiedlung der Päpste nach Avignon?

Ein Blick zurück: Der französische König Philipp der Schöne (1268-1314), Enkel Ludwig des Heiligen, war der letzte bedeutende Kapetinger auf dem Thron Frankreichs. Seine durch zahlreiche Kriege verursachte Geldnot führte u.a. dazu, dass er auch dem Klerus Steuern auferlegte. Dieses führte zu einem schweren Konflikt mit Papst Bonifatius VIII., der seinerseits den Versuch unternahm, die Oberherrschaft der geistlichen über die weltliche Macht durchzusetzen: Mit der Bulle Clericis laicos (1296) verbot Rom Weltlichen Fürsten die Besteuerung des Klerus. Mit der späteren Bulle Unum sanctam (1302) ging Bonifatius noch einen Schritt weiter: „Alle weltliche Macht hat sich dem päpstlichen Primat unterzuordnen!“

Clemens V., ursprünglich Bertrand de Got, (1250-1314).

Daraufhin nahm Philipps Berater und Großsiegelbewahrer Guillaume de Nogaret Bonifatius in Anagni fest. Doch das „Attentat von Anagni“ (1303) scheiterte. Bonifatius starb dennoch kurz darauf unter ungeklärten Umständen. (Sein direkter Nachfolger Benedikt XI., entgegenkommender als Bonifatius, residierte in Perugia und verstarb dort im Jahr 1304 an der Ruhr.)
Philipps Geldnot war jedoch inzwischen so groß geworden, dass er mit Nogarets Hilfe die Vertreibung der Juden mit Konfiskation ihrer Güter betrieb (1306).
Unterstützt wurde er hierbei von dem Franzosen Clemens V., der im Jahr 1305 auf den Papststuhl gelangte. (Philipp hatte zuvor dafür gesorgt, dass immer mehr französische Kardinäle Einfluss bekamen).
Clemens stammte aus altem südfranzösichen Adel. Er ließ sich in Lyon zum Papst krönen und hielt sich bis 1309 abwechselnd in Bordeaux, Portiers und Toulouse auf. Dante hat ihn im 19. Gesang seiner Göttlichen Komödie angekündigt:

Denn nach ihm (Bonifaz VIII.) kommt von Westen her ein Schlimmerer – ein zügelloser Seelenhirte!

Unter Clemens V. wurden im Jahr 1307 – auf Druck von Philipp dem Schönen – die Tempelritter verhaftet, vor ein Tribunal gestellt und enteignet.
Im Jahr 1309 ließ er sich in Avignon nieder,
wo er einen ersten burgähnlichen Palast errichten ließ.

„Ihr habt einen Esel gewählt!“

Benedikt XII, der Dritte im Bunde der Avignonpäpste, hieß mit bürgerlichem Namen Jacques Fournier. Er wurde um das Jahr 1285 in Saverdun (Grafschaft Foix) geboren, begann seine geistliche Laufbahn als Novize im Mutterkloster von Morimund/Boulbonne, studierte in Paris, wurde Abt in Fontfroide und schließlich Bischof von Pamiers, wo er als Vorsitzender des Inquisitionsgerichtes aufgrund seiner unorthodoxen Befragungsweise den Zeuginnen und Zeugen des Pyrenäendorfes Montaillou auch zahlreiche Details aus ihrem Alltagsleben entlockte (s. „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“).
Im Jahr 1334 wurde Jacques Fournier zum Papst gewählt. Benedikt XII. galt als ausgesprochener Feind des Nepotismus in der Kirche (Vetternwirtschaft).

Der Katharismus lehrte allein die Rettung der Seele und lehnte die Welt als Werk des Teufels ab. Der Katholizismus vertrat die Erlösung des Leibes und der Seele und sah in der Welt die Schöpfung Gottes.“
(M. Benad, Domus und Religion in Montaillou, S. 310)

Im Bild: Benedikt XII., ursprünglich Jacques Fournier, (1285-1342)

Auszug aus meinem Roman „Béatris: Kronzeugin der Inquisition“:

„Jacques schmunzelte, dachte an den Tag vor zwei Jahren, als man ihm die päpstlichen Insignien angelegt hatte: „Ihr habt einen Esel gewählt“, hatte er in aller Bescheidenheit den Kardinälen versichert. Die einen legten ihm dieses Wort tatsächlich als Zeugnis seiner Demut aus, die anderen als Bekenntnis des unbesonnenen Geplappers seiner Dummheit. Nun kannten ihn seine Lämmer besser, die schwarzen und die weißen …“

Einer der Baumeister aus dieser Zeit hat Benedikts Zuruf an die Kardinäle, die ihn gewählt hatten, in Stein gebannt. Man entdeckt den Esel oberhalb des Eingangs zum Papstpalast. (s. Foto oben).

Der heutige prachtvolle Papstpalast in Avignon geht auf Benedikt XII. zurück. In die Thesauraria, dem Teil der Schatzkammer, in dem u.a. sein Briefwechsel mit den Mächtigen der Welt aufbewahrt wurde, hatte er auch das Register MS 4030 verwahrt, das die Zeugenaussagen im Fall Montaillou beinhaltete. Sie blieben für die Nachwelt erhalten.

(Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Meine Empfehlung:

Wer mehr über Benedikt XII, alias Jacques Fournier, erfahren möchte – sowie über den zweiten Avignonpapst, Johannes XXII., dem lege ich meinen Roman „Béatris“ ans Herz!

Philipp der Schöne und das Attentat von Anagni wurde in meinem Roman „Rixende: Die Geheimen Worte“ thematisiert.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Helene L. Köppel

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